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Manacor auf Mallorca : Balearisches Aschenputtel

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Jahrelang immer nur dran vorbeigefahren: Die Stadt Manacor mit ihrer Pfarrkirche ist einen Abstecher wert. Bild: Picture-Alliance

Mallorcas zweitwichtigste Stadt Manacor ist für die meisten Inselbesucher eine große Unbekannte. Hier ließe es sich leben wie in einer Zeitkapsel jenseits des massentouristischen Lärms – wäre da nicht ein weltberühmter Sportler.

          Wie ein balearisches Aschenputtel lebt Manacor im Schatten seiner schönen Schwestern, die Deià, Sóller oder Valldemossa heißen. Aber wer kennt schon Manacor? Dass die Stadt sich entschloss, ein schmeichelnd-rotes Herz in ihr Wappen aufzunehmen – für „Man a cor“, „Hand am Herz“ –, hat nichts bewirkt. Ganz davon abgesehen, dass diese Deutung des Stadtnamens nicht den historischen Tatsachen entspricht. Er stammt vom alten Berber-Clan Mancur, der hier in arabischer Zeit lebte.

          Manacor gilt als rauhe Gegend, anfällig für Verkehrsstaus, gespickt mit unverputzten Fassaden und viel zu vielen Möbelgeschäften. Dabei hat die alte Industrie- und Handelsstadt im Osten der Insel ihren eigenen Charme. Streift man durch ihre engen Straßen, fühlt man sich wie in einem längst vergangenen Mallorca. Geschäfte, die man seit Jahrzehnten nicht mehr auf Spaniens Promenaden gesehen hat, haben hier überlebt, als sei die Globalisierung an Manacor einfach vorbeigerauscht. Die Casa Salvadoras zum Beispiel, ein Herrenbekleidungsgeschäft in bester Lage an der Plaça Weyler, ziert der optimistisch schwungvolle Namensschriftzug mit schnörkeligem „C“ und seepferdchenförmigem „S“ aus den Tagen, als die Mädchen noch Petticoats trugen und die Männer Pomade in den Haaren. Die Ware auf den kopflosen Puppen im Schaufenster wirkt von Schnitt und Farben zwar modern, breitgestreifte Poloshirts, kleingeblümte Oberhemden. Doch dass die Hemden bis zum letzten Knopf zugeknöpft sind, spricht auf fast rührende Weise für einen Inhaber alter Schule. Und ein Plastikmannequin im Inneren trägt Fliege.

          In puncto Ordnung fast preußische Maßstäbe

          Ein anderer Zeuge vergangener Zeiten ist Can Fernando, ein Laden für Tuche und Stoffe mit Steinsäule, Panoramafenstern und holzgerahmter Glastür. In Kinderzeiten gehörte ein solches Geschäft zur Ausstattung unserer Modelleisenbahn. Wir lugen durch die Fenster und blicken auf Stoffballen in dämmriger Einsamkeit. Man ahnt das trockene Aroma der verblichenen Jahrzehnte durch die Glasscheibe hindurch. Wann kam die letzte Kundin und kaufte einen Meter Karostoff?

          Das Pfarrhaus im Zentrum von Manacor.

          Die alten Ladenlokale wirken sorgfältig gepflegt – auf Mallorca legt man in puncto Ordnung ohnehin nahezu preußische Maßstäbe an und mag keinen mediterranen Schlendrian. Sie liegen verstreut und nicht auf einem Haufen wie in einem Freilichtmuseum. Dazwischen gibt es indes immer wieder Bausünden, gesichtslose Klötze für Banken und Versicherungen, Behördenkästen für die Ortsverwaltung. Doch auch eine andere Epoche hat in Manacor erfreulich viele Spuren hinterlassen: der Jugendstil, wobei die Architekten oft dieselben waren wie im fünfundfünfzig Kilometer entfernten Palma. An der Plaça Weyler und der Plaça sa Bassa sieht man prachtvolle Fassaden mit großstädtisch eleganten Brüstungen und Balkonen. Hier gleicht Manacor der Inselhauptstadt, deren überbordender Jugendstil von einer Mittelmeermetropole zeugt, die sich schon mondän fühlte, lange bevor sie zum Touristenziel wurde. In Palma bauten sich selbst Zahnärzte für ihre Praxen Jugendstilpaläste wie andernorts nur Großunternehmer. Was müssen das für Zeiten gewesen sein!

          Nie gesehen, nur vorbeigefahren

          In der Nähe des verlassen in der späten Vormittagssonne liegenden Bahnhofs – es gibt seit einigen Jahren wieder eine regelmäßige Zugverbindung nach Inca – steht in einem kleinen, palmengesäumten Park ein restaurierter Brunnen von 1911. Eine schlanke Göttin reckt auf einem Mosaikensockel eine Laterne empor. Der Brunnen ist umgeben von Bougainvilleen und Oleanderbüschen, deren Blütenrot so kraftvoll leuchtet, dass es in den Augen beinahe schmerzt. Doch kein Mensch beachtet die Tränke. Früher wurde sie, so exaltiert sie auch war, als einer von drei öffentlichen Brunnen für die Wasserversorgung der Bevölkerung genutzt. Heute streben die wenigen Passanten über den Zebrastreifen an ihr vorbei zur Innenstadt und würdigen sie keines Blickes.

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