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Reise an die Ostsee : Am Ende der Nehrungskette

  • -Aktualisiert am

Urzustand aus Brandung und Dünen: Nida. Bild: Christoph Moeskes

Eine ganze Halbinsel voller Sand: Die Kurische Nehrung zieht sich von Litauen nach Russland. Dort sind Grenzen noch Grenzen und Reisen noch Abenteuer.

          Würden die Kinder ihren Spaß haben in Selenogradsk, dem russischen Ostseebad, dessen Namen sie kaum aussprechen konnten? Hätte eine Reise ins litauische Nida nicht genügt? Mit seinem Euro und den gewohnten Eissorten, mit seinen Dünen und den bunten Ferienhäuschen wäre es auf jeden Fall eine sichere Bank gewesen. Sicherheit wird aber auch in Russland großgeschrieben, nur unter völlig anderen Vorzeichen: Mehr als 70 Überwachungskameras seien am Strand von Selenogradsk positioniert, verkündeten allmorgendlich die Strandlautsprecher; „Verbrechen und Terrorismus“ hätten keine Chance.

          Aber wir wollten die ganze Kurische Nehrung erleben, nicht bloß die Hälfte. 98 Kilometer ragt die sandige Halbinsel von der russischen Exklave Kaliningrad in die Ostsee, ein dürrer, von Kiefern bewachsener Finger, der im Osten das stille Kurische Haff bildet, während vom Meer her immer wieder neuer Sand angespült wird. 52 Kilometer dieses wehenden Haufens gehören zu Litauen, 46 Kilometer zum Gebiet Kaliningrad. Ein magischer Ort, Teil des alten Ostpreußens, dessen Geschichte mittlerweile so verweht scheint wie eine Wanderdüne auf ihrem Weg durch die Zeit. Bis 1945 sprach man hier noch deutsch, hieß Kaliningrad Königsberg und Klaipeda Memel.

          Die litauischen Trucker zeigen sich unbeeindruckt

          Gut 20 Stunden ist die Fähre von Kiel nach Klaipeda unterwegs, den Bauch gefüllt mit litauischen Lastkraftwagen und deutschen Wohnmobilen. Gegen Mittag geht ein Ruck durch die Passagiere. Die Nehrung taucht auf, dunstig und verschwommen zwar, aber eindeutig die Nehrung, ein schmaler gelber Streifen, eingefasst von einem matten Ostseehimmel und einem geisterhaft ruhigen Meer. Wir blicken lange auf diesen scheinbaren Irrtum des Horizonts. Nur die litauischen Trucker zeigen sich unbeeindruckt und rauchen weiter ihre Zigaretten.

          Von Klaipeda geht es noch einmal mit einer kleineren Fähre über das Kurische Haff, dann sind wir auf dem ersten der 98 Nehrungskilometer. Die schnurgerade Landstraße führt durch monotone Kiefernwälder. Ein Verkehrsschild warnt vor einem Elch, doch irgendwie können wir ihm nicht glauben. Was sollte ein Elch in dieser durchrationalisierten Landschaft, in der offenbar jeder Baum im selben Abstand zum anderen steht?

          Kurenwimpel vor traditionellem Holzhaus in Nida, Litauen.

          Das blutwurstrot gestrichene Ferienhaus in Nida entpuppt sich als Volltreffer. Zum Haff sind es nur ein paar Schritte. Vor den Restaurants stehen schwere Holztische, es gibt Krautsalat und Fisch und kuriose Würste, die sich beim Frittieren zu Ankern oder Korkenziehern spreizen. Sand gibt es natürlich auch, in saharischem Ausmaß. Südlich von Nida haben sich die wehenden Körnchen zur Parnidis-Düne, der Hohen Düne, geformt. Über 40 Meter türmt sich der Berg. Hat man ihn erklommen, blickt man gleichzeitig auf Haff und Ostsee. Irgendwo unter uns liegt Nidas alter Pestfriedhof verschüttet. Das frühere Nidden musste in seiner Geschichte dreimal umziehen, so stark war ihm die Düne auf den Leib gerückt. Die Wanderung ist bis heute nicht abgeschlossen, rund einen halben Meter pro Jahr wandert die Parnidis-Düne Richtung Haff.

          Urzustand aus Brandung, Dünen und Strandhafer

          Nidas zweiter Sandschatz ist jener endlos lange Streifen, den wir bereits von der Fähre aus gesehen haben. Weil alle Nehrungssiedlungen auf der Haffseite liegen, ist die gesamte Küste im Grunde genommen ein einziger Strand – ein 98 Kilometer langer Urzustand aus Brandung, Dünen und Strandhafer. Alle paar Kilometer finden sich Bohlenwege und Bademeister, Kioske und Kinder, die nach den gewohnten Eissorten verlangen. Klassischer kann man einen Urlaub an der Ostsee nicht verbringen, und wenn es doch einmal nieselt, lässt sich noch immer das Thomas-Mann-Haus besichtigen. Drei lange Sommer weilte der Schriftsteller Anfang der 1930er Jahre mit seiner Familie in Nida, um an seinem 2000-Seiten-Werk „Joseph und seine Brüder“ zu schreiben.

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