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Liverpool : Schöne alte Welt, wo bist du?

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In Liverpool hat man ein Herz für alles Schräge. Das erklärt eventuell einige Architekturpräferenzen. Bild: Picture-Alliance

Als europäische Kulturhauptstadt fand Liverpool vor zehn Jahren eine neue Identität als Kunststadt. Doch mit dem Brexit steht das auf der Kippe.

          Die Ratte hat Nachwuchs bekommen. Drei Junge stürmen über den Kai am Albert Dock, eine gescheckte Katze schaut ihnen gespannt hinterher. Man kennt die Nager hier, sie sind wohlgelitten. Touristen lichten sie ab, auch die Katze. Danach nehmen sie einen Hot Dog mit Fritten aus dem Oldtimer-Bulli gleich daneben. Ketchup, Senf und Mayo stehen in einer ausrangierten Telefonzelle. Die ist natürlich feuerrot, schließlich sind wir in Liverpool. Aber Achtung! Auf den Laternen lauern die Silbermöwen, und die sind groß, gierig und erbarmungslos, doch dazu gleich.

          Die Wiege der Beatles inszeniert sich schon lange erfolgreich als Keimzelle des Pop, swinging und in knalligen Farben. Es gibt mehr Straßenmusikanten als Bettler, manchmal auch die Kombination aus beiden, wie beim alten Tim, der in seinem Clownsanzug jahraus, jahrein im City Centre auf einer Gitarre ohne Saiten spielt und dazu ohne Melodie singt, auf einem Ton. Egal, er kriegt seine Pennies, die Liverpudlians sehen im Absurden das Originelle, haben ein Herz für alles Schräge und Freche – wobei wir wieder bei den Möwen wären.

          Coole Typen, die ihr Ding machen

          In Liverpool sind sie nicht nur am Wasser unterwegs, sie überwachen die ganze Innenstadt. Von Häusern, Masten, Dachsimsen aus beobachten sie das Treiben in den Cafés, Fast-Food-Shops und Kiosken der Fußgängerzonen unten, und wehe, man lässt seine Pizza, den Burger oder Bagel aus den Augen. Weg sind sie. Die Möwen terrorisierten das City Centre, zeterte die Tageszeitung „Liverpool Echo“. Es seien coole Typen, die ihr Ding machen, fanden andere und richteten ihnen eine eigene Facebook-Seite ein. Nun sind die Vögel mit dem Terminator-Blick Social-Media-Berühmtheiten, Kunstobjekte gar, und ihre Fans werden nicht müde, immer neue Fotostrecken ins Netz zu stellen.

          Das Superlambanana an der Waterfront vor dem Museum of Liverpool.

          Zurück zur Kunst also, die hier den Alltag durchtränkt wie Bier die Nächte in der Mathew Street, in der einst die „Fab Four“ aufspielten und deren Epigonen im „Cavern Club“ und „SGT Peppers“ jeden Abend losrocken, als gäbe es kein Morgen. Da sind zum Beispiel, unübersehbar auf den Turmspitzen des „Royal Liver Building“ am Hafen, Bertie und Bella, die beiden gewaltigen „Liver Birds“. Dieses kormoranähnliche Tier ist der Wappenvogel der Stadt, und man sammelt als Ausländer Punkte, ihn korrekt „laiver“ auszusprechen.

          Außerdem die Superlambananas, optisch und linguistisch eine Kreuzung aus Lamm und Banane, poppige Fiberglasplastiken in Kuhgröße, die seit 2008, als Liverpool Kulturhauptstadt Europas wurde, an vielen Stellen Akzente setzen. Für die Stadt war der Beatles-Kult nämlich nicht nur der Weg aus der Krise nach dem wirtschaftlichen Niedergang der siebziger Jahre. Er war auch die Initialzündung zum Aufstieg zur Kulturmetropole im traditionell armen englischen Norden. Seit 2008 hat sich eine eindrucksvolle Eigendynamik entwickelt. Kunst im öffentlichen Raum nimmt hier viele Formen an und wendet sich nicht nur an den Betrachter, sei er nun Liverpudlian oder Besucher. Sie ist Anstoß und Ideengeber für die Weiterentwicklung der Stadt selbst. Die Ratten vom Albert Dock sind dafür das beste Beispiel. Denn auch sie sind eine Kunstinstallation.

          Kunst und Kommerz Hand in Hand

          Bildhauerin Faith Bebbington schuf Super Rat, das vier Meter große weiße Muttertier, aus recycelten Plastikflaschen und montierte sie vor Jahren auf einer mit Graffiti übersäten Fabrikmauer im heruntergekommenen „Baltic Triangle“, einer Industriebrache nahe den Dockanlagen. Neugierige kamen, Zeitungen schrieben, es kam Interesse auf an einem Viertel, über dem bereits das Damoklesschwert des Abbruchs hing. Die Stadt beschloss die Sanierung. Große Fabrikhallen wurden in viele kleine Werkstätten, Ateliers, Büros aufgeteilt, Start-ups und Künstlern wird günstiger Mietraum geboten – und Faith Bebbington schaffte es vom Rand in die Mitte. Ihre von der Stadt in Auftrag gegebenen Rattenkinder und deren Verfolger, die aus tausend Plastikflaschen bestehende Ship’s Cat vom Albert Dock, durfte sie nun schräg gegenüber der Tate Modern aufstellen, ein kultureller Ritterschlag. Sie waren 2018, neben der Beatles-Skulptur am Pier Head, das beliebteste Fotomotiv Liverpools und avancierten vom Underground zum Mainstream.

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