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Seltsamer Sommer

Text und Fotos von MARKUS HUTH

2. September 2020 · Während die Pandemie den Massentourismus auf den großen Kanareninseln in die Krise gestürzt hat, erfreute sich La Gomera steigender Beliebtheit. Doch nun wurde doch eine Reisewarnung verhängt. Was bedeutet das für die kommende Hauptsaison, den Winter?

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s ist immer noch über 35 Grad heiß, als Lorenzo Ramos Negrín am frühen Abend die hölzernen Türen seines Restaurants aufmacht. Das für seine Fischgerichte bekannte „Abisinia“ liegt in der Nähe des Hafens von Valle Gran Rey, dem touristischen Hauptort der zweitkleinsten Kanareninsel La Gomera.

Es ist Ende August, und „Calima“, eine Hitzewelle samt Wüstendunst, taucht die malerischen Gassen mit ihren Palmen, Blumen und Granatapfelbäumchen in permanentes Sepia. Normalerweise würde der drahtige 47-Jährige erst später öffnen, wenn es sich weiter abgekühlt hat. „Aber ich muss noch alle Oberflächen desinfizieren, deswegen habe ich meine Arbeitsuniform noch nicht an“, entschuldigt sich Lorenzo. Plötzlich klingelt das Telefon: Die erste Reservierung für den Abend, ein gutes Gefühl in diesen Zeiten, vielleicht ist die Saison doch noch nicht verloren.

Die Pandemie hat La Gomera hart getroffen. Die 20.000-Einwohner-Insel im Atlantik lebt vom Tourismus – vom deutschen Tourismus, um genau zu sein. Von den rund 109.000 Übernachtungsgästen, die der kanarische Statistikdienst „Istac“ im vergangenen Jahr zählte, kam fast die Hälfte aus Deutschland. Damit war es vorbei, als die spanische Regierung Mitte März den landesweiten, sehr strengen Lockdown anordnete: Die Menschen konnten ihre Wohnungen nur in wenigen Ausnahmefällen verlassen, Restaurants und Hotels mussten schließen, fast niemand durfte mehr ins Land. Auch Deutschland verhängte Reisewarnungen für Spanien, Fluggesellschaften strichen Verbindungen.

Seit Juli läuft nun alles wieder mehr oder weniger normal, mit den üblichen Einschränkungen wie Maskenpflicht in Geschäften und im öffentlichen Raum sowie Kapazitätsgrenzen für die Gäste auf den Terrassen oder in den Innenräumen. Spanien ist mit rund 29.000 Corona-Toten eines der am schlimmsten getroffenen Länder Europas. Doch auf den Kanaren galt die Lage bis vor kurzem noch als unter Kontrolle, und auf La Gomera gab es unter den Einheimischen lange Zeit überhaupt keine Infizierten, geschweige denn Tote. Seit neuestem sind hier fünf Infizierungen registriert, aber dafür hat der Insel-Buschfunk schon eine Erklärung: Eine Frau aus Gran Canaria habe Verwandte in einem kleinen Bergdorf besucht, wo sich nie ein Tourist hin verirre, und das Virus mitgebracht. Zwei ältere Personen sind nun im Krankenhaus und die anderen in Quarantäne zu Hause, keiner zeige schwere Symptome.

Restaurantbetreiber Lorenzo hat jedenfalls keine Zeit, darüber zu spekulieren. Er hält die Lage für sicher, insbesondere mit den strengen Hygienevorgaben der Regierung. Er achte auf die Sicherheitsabstände zwischen den Tischen, bediene nur mit Maske und desinfiziere ständig die Tische. Deutsche gebe es derzeit kaum, sagt er, aber trotzdem habe er gut zu tun. Denn eine neue Gruppe hat die Insel fest in der Hand: die Canarios. Während die Corona-Fälle auf den großen Inseln Teneriffa und Gran Canaria – mit zusammen fast zwei Millionen Einwohnern und Zentren des Massentourismus – zunehmen, gelten die dünnbesiedelten kleinen Schwestern El Hierro und La Gomera als sichere Urlaubsziele für Individualtouristen.

Tatsächlich ist an diesem heißen Augusttag in Valle Gran Rey wenig zu spüren von der Corona-Krise. Alles ist voll: der große Strand La Playa, die Cafés und Restaurants. Einzig die maskierten Kellner, der obligatorische Schirmabstand und Corona-Informationstafeln vor den Strandeingängen erinnern daran, dass dieses Jahr vieles anders ist. Statt Deutsch wird nun mehrheitlich Spanisch gesprochen – das touristische La Gomera erlebt derzeit einen Besucherwandel. Die ernste Höflichkeit der Deutschen weicht der lautstarken Lebensfreude der Canarios. Der Präsident von La Gomera, Casimiro Curbelo, freute sich in den lokalen Medien dank des innerkanarischen Tourismus über 80 Prozent Auslastung bei den Unterkünften für Juli.

Doch nicht alle sehen die Zukunft dadurch gesichert. Ein paar verwinkelte Gassen von Lorenzos „Abisinia“ entfernt liegt die Pension Candelaria. Dort sitzt Carol Gewetzki auf der Sonnenterrasse, der Blick schweift über den tiefblauen Atlantik. Vor 30 Jahren kam die gebürtige Niedersächsin nach La Gomera, heiratete einen Gomero und betreibt heute mit ihm die Pension. Außerdem ist sie Vizepräsidentin eines lokalen Unternehmerverbands und setzt sich als Mitglied der „Europäischen Charta“ für nachhaltigen Tourismus im Naturschutzgebiet Garajonay ein, einem Wald aus uralten Lorbeerbäumen. Obwohl sie dankbar ist, dass durch die kanarischen Besucher wenigstens etwas Geld in die lokalen Kassen kommt, sagt sie: „Für die Besucher aus Deutschland und Nordeuropa ist das kein Ersatz.“ La Gomera habe bislang vor allem Naturliebhaber und Wanderer angezogen, mit Interesse für sanften Tourismus und Nachhaltigkeit, diese Gäste blieben meist ein oder zwei Wochen, schon allein wegen der langen Anreise.

  • Insel der freundlichen Temperaturen: Palmen-Wanderweg um das „Cas del la Miel de Plama“ in Alojera auf La Gomera.
  • Insel der freundlichen Temperaturen: Palmen-Wanderweg um das „Cas del la Miel de Plama“ in Alojera auf La Gomera.


„Die Canarios bleiben oft nur drei oder vier Tage, sie wollen Sonne, Strand und Fiestas“, berichtet die 56-Jährige. Sie macht sich Sorgen, dass Deutsche und Nordeuropäer auch in der kommenden Wintersaison ausbleiben, ihre eigentlich umsatzstärkste Zeit. Bislang zählen die Kanaren, anders als das restliche Spanien, in Deutschland nicht als Risikogebiet. Doch wenn die Fallzahlen auf Gran Canaria und Teneriffa weiter steigen, kann sich das ändern. Die Niederlande haben bereits ganz Spanien zum Risikogebiet erklärt – inklusive der Kanaren. „Das wäre eine Katastrophe für La Gomera“, stöhnt Carol Gewetzki.


„Wenn auch die Kanaren zum Risikogebiet erklärt werden, wäre das für La Gomera eine Katastrophe.“
CAROL GEWTZKI

Neben Carol auf der Terrasse nickt Sally zustimmend, eine junge Gomera hier aus Valle Gran Rey. Die 26-Jährige wurde in der Pension ausgebildet und hatte bislang eine sichere Arbeitsstelle – das ist keine Selbstverständlichkeit, die meisten jungen Gomeros müssen ihre Heimat deswegen für eine der großen Inseln oder das spanische Festland verlassen. Doch nun fürchtet Sally um ihre Zukunft. Während des Lockdowns bekam sie Geld durch das spanische Kurzarbeit-System (ERTE) und konnte so ihren Job behalten. „Aber wenn zur Wintersaison keine Besucher aus Deutschland anreisen können, weiß ich nicht, wie lange es weitergeht.“ Um die Stimmung zu heben, erklärt sie, was es mit der Palme auf sich hat, die mitten auf der Terrasse steht. „Die haben wir aufgestellt, um den Abstand zwischen den Tischen sicherzustellen. Das ist unsere Social-Distancing-Palme.“


„Die haben wir aufgestellt, um den Abstand zwischen den Tischen sicherzustellen. Das ist unsere Social-Distancing-Palme.“
SALLY

Soziale Distanz ist für die blonde Frau am Hafen gerade kein Problem. Anne Jäger sitzt allein in einem Container und blickt auf die Boote. Eines davon gehört zu „Excursiones Amazonia“, einem Walbeobachtungsunternehmen, das die Familie ihres Partners betreibt. Während des Lockdown durften überhaupt keine Boote rausfahren, berichtet die 37-Jährige. Jetzt dürfen immerhin insgesamt zehn Personen auf das kleine Boot, das zwölf Passagiere und zwei Crew-Mitglieder tragen kann. Gerade sei es ruhig, sagt Jäger, die Canarios buchen weniger Fahrten als Deutsche und Nordeuropäer. Auch sie hofft auf die Wintersaison.

Vom Hafen geht es nach oben. Valle Gran Rey heißt übersetzt „Das Tal des großen Königs“, in Erinnerung an einen gomerianischen Freiheitskämpfer gegen die spanischen Eroberer des 15. Jahrhunderts. Wer dieses Tal an der Küste hinter sich lässt und immer weiter hinauf fährt, vorbei an mächtigen Felsmassiven, der erreicht irgendwann den Lorbeerwald. Hier gibt es Wanderwege im kühlen Schatten unter knorrigen Bäumen. Der Wald ist Millionen von Jahren alt, einer der letzten seiner Art und Teil des Unesco-Welterbes. Hier genießt Familie Buchholz einen Ausflugstag. Und obwohl sie Deutsch sprechen und ursprünglich aus Baden-Württemberg stammen, zählen auch sie zu den innerkanarischen Besuchern. Vor 20 Jahren ist das Ehepaar nach Lanzarote ausgewandert. „Wegen Corona fällt der Deutschland-Besuch dieses Jahr aus, aber wir wollten immer schon mal nach La Gomera“, sagt Vater Abel.

Unter dem Blätterdach führt die Straße bald wieder nach unten, zum 200-Einwohner-Dorf Alojera an der Nordwestküste. Hier hat vor kurzem das Besucherzentrum für Palmenkultur (Casa de la Miel de Palma) wieder aufgemacht, vor der mächtigen kanarischen Palme im Innenhof wartet eine maskierte Besucherschlange. Maximal zwei Personen dürfen gleichzeitig an den Empfang, wo Mitarbeiterin Lorena García Noda mit weißer Maske hinter einer Plexiglas-Scheibe wartet. „Wir haben wegen Corona umgeräumt, für die Sicherheit der Besucher“, sagt sie. In die Ausstellung mit lokaler Handwerkskunst und Utensilien zur Herstellung von Palmenhonig dürfen immerhin sechs Personen, natürlich mit Maske und nur hinter den Absperrungen und: Anfassen verboten.

Ferienhausvermieter Nicolás Ossorio hat mehr Betrieb als sonst im Sommer – davon kann Anne Jäger, die Walbeobachtungstouren veranstaltet, nur träumen.

Hier in Alojera gibt es besonders viele dieser einsamen Fincas in malerischer Natur, die die kleine Insel in Zeiten von Corona für Gäste so attraktiv machen. Selbst eine zweiwöchige Quarantäne ließe sich in den üppigen Gärten der Häuser mit Terrassen entspannt verbringen. Der 84-jährige Nicolás Ossorio und seine Familie vermieten gleich mehrere davon. „Alle sind belegt, manche schon bis nächstes Jahr ausgebucht“, sagt er. Zur Zeit seien nur Canarios da. Das sei zwar anstrengender, weil wegen der kürzeren Buchungszeiten mehr geputzt und arrangiert werden müsse. Aber auch schön, weil man mit den Landsleuten auch mal länger plaudern könne. Trotzdem: Auf die Deutschen „Allemannen“ will Nicolás auf keinen Fall verzichten. „Lasst die Grenzen offen!“, sagt er lachend und fügt hinzu: „Die Deutschen lieben La Gomera, und La Gomera liebt die Deutschen.“

Lage auf La Gomera

Corona-Bestimmungen Seitdem 2. September gibt es eine Reisewarnung für Spanien und die Kanaren. Es gilt generelle Maskenpflicht in der Öffentlichkeit, in Innenräumen und öffentlichen Verkehrsmitteln – sogar am Strand; nur beim Sonnenbad und Schwimmen darf sie abgelegt werden. In der freien Natur braucht man keine Maske, wenn der Mindestabstand gewährleistet ist; Nachtclubs sind geschlossen; Bars und Restaurants dürfen Gäste nur bis Mitternacht empfangen; es gilt ein Rauchverbot in der Öffentlichkeit, wenn der Mindestabstand nicht gewährleistet werden kann; Gruppen sind auf zehn Personen beschränkt.
Corona-Versicherung Die Kanarischen Inseln sind die erste Region Spaniens, die ihre Urlauber gegen Zusatzkosten infolge einer Corona-Erkrankung versichert. Die Vereinbarung, teilte das Tourismusministerium mit, sei mit der spanische Axa geschlossen worden. Sie decke Kosten für medizinische Behandlungen, eine mögliche Rückführung oder verlängerte Aufenthalte aufgrund einer Quarantäne-Verordnung ab, wenn Urlauber an Covid-19 erkranken. Wichtig sei, dass eine Corona-Infektion nicht bereits vor Reiseantritt bekannt gewesen sein darf. Die Versicherung gilt für In- und Ausländer, die die kanarischen Inseln besuchen. Zudem sichere sie auch Reisende zwischen den einzelnen Inseln ab. Der Vertrag wurde zunächst für ein Jahr geschlossen.
Anreise Flug nach Teneriffa-Süd, dann Fähre oder die lokale Airline „Binter"; es gibt auch zwei Fährverbindungen vom spanischen Festland: Cadiz – Santa Cruz de Tenerife und Huelva – Santa Cruz.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 02.09.2020 15:05 Uhr