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Südtirol : Es ist, wie es ist

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„Wir durften unter Mussolini nicht mal Deutsch sprechen“, erzählt Elias Prieth, die Hände auf der Tischdecke gefaltet. Sein Vater Josef musste immer Giuseppe gerufen werden, und an die Häuser hätten die Faschisten den Spruch geschmiert: „Credere, obbedire, combattere“: „Glauben, gehorchen, kämpfen“. Schöpf verweist auf ein Denkmal im nahen Schluderns, wo eines der beiden Kraftwerke des Sees steht. Die Statue erinnert an das Weltbild der Faschisten: Ein nackter Mann zähmt da gleich zwei Pferde. „Das Denkmal sollte uns sagen: Der Mensch bezwingt die Natur.“

1943 fielen die Nazis in der Gegend ein. Die Südtiroler sollten da schon seit Jahren „heim ins Reich“ geholt werden, an dem See aber hatten die Deutschen kein Interesse. Erst nach dem Krieg wurden die Bauarbeiten wieder aufgenommen, von den Italienern. „700 Menschen arbeiteten 365 Tage in Schichten an dem Staudamm“, erzählt Schöpf. Nach nur zwei Jahren sei der Bau abgeschlossen worden, „am 1. August 1949 wurden die Schleusen das erste Mal provisorisch geschlossen“. Die Bevölkerung wurde darüber nicht informiert. Das einfließende Wasser staute sich nun, der Wasserspiegel stieg, der See breitete sich aus und griff nach den Wiesen und Dörfern im Tal. Im Stall der Prieths stand das Wasser immer höher. „Wir konnten uns nicht wehren“, sagt Elias Prieth. Widerstand war zwecklos. Die Prieths wurden aufgefordert, ihr Hab und Gut einzupacken und ihre Häuser zu verlassen. „Mein Vater und ich haben die Möbel in die Lastwagen getragen. Ich wollte die schöne Tür von unserer alten Stube mitnehmen, aber das haben sie uns nicht genehmigt“, erinnert sich Prieth, und diese Erinnerung quält ihn noch immer.

Der Kirchturm steht heute noch

Sie bekamen eine Entschädigung, die zunächst lächerlich, nach einer Nachbesserung immer noch beschämend gering war. Und sie bekamen ein Haus zugewiesen, das Montecatini in sicherer Entfernung errichten ließ. 65 der etwa 100 Familien zogen damals fort, viele der Gebliebenen mussten in ein Barackendorf ziehen. Sie waren zwangsenteignet worden, aus „nationalen Interessen zur Stärkung der nationalen Industrie“, wie es auf einer Infotafel am See heißt. Die Bauern waren ruiniert, alles, bis auf den Kirchturm der Pfarrkirche St. Katharina, war zerstört.

Der Kirchturm sei bereits um 1300 errichtet worden, erzählt Schöpf. 1727 sei er ausgebaut worden, um mehr Platz für die Glocken zu schaffen. „Und am 9. Juli 1950 wurde dort der letzte Gottesdienst gefeiert.“ Genau zwei Wochen später sollte die Kirche, die bereits gezeichnet war durch Hunderte Bohrlöcher für den Sprengstoff, endgültig zerstört werden. Aber der Pfarrer konnte die Sprengung an jenem Tag verhindern - nicht an einem Sonntag, bat er erfolgreich. Retten freilich konnte er die Kirche nicht, ein paar Tage später „ist sie gefallen“, wie Schöpf sagt.

Nur der Turm neben der Kirche blieb stehen, auf Geheiß des Denkmalamtes von Trient - er wurde als Kunstwerk eingestuft und damit vor der Sprengung bewahrt. Das gestaute Wasser stieg und stieg, bis von den Ruinen nichts mehr zu sehen war. Und aus dem alten Kunstwerk wurde dank seiner neuen Umgebung ein ganz neues, ein wirkmächtigeres. Jahrzehnte später drohte der Turm doch noch gesprengt zu werden. 2007 wurden Risse im Turm entdeckt, und die Südtiroler fürchteten nun, dass Wasser in die Mauern eindringt. Im Winter hätte das zu Eis gefrorene Wasser das Bauwerk zum Einsturz bringen können.

Erst seit einer Renovierung vor zwei Jahren ist der Turm wieder sicher. Für die Unkundigen bleibt er damit ein kurioser Hingucker im Urlaubsparadies. Für Eingeweihte aber bleibt er ein Mahnmal. Eines, das in Südtiroler Sonne glänzt und dabei doch nur an die Schatten der Geschichte erinnert.

Der Weg zum Reschensee

Anreise Zum Beispiel mit Lufthansa (www.lufthansa.com) für 189 Euro nach Innsbruck. Alternativ kann man auch mit Air Berlin (www.airberlin.com) nach München ab 100 Euro fliegen. Von hier aus sind es mit dem Auto noch einmal 210 Kilometer. Der nächste Bahnhof liegt 50 Kilometer entfernt in Landeck (von dort verkehrt ein Bus nach Nauders). Von München aus kosten die Zugtickets (www.bahn.de) ab 24 Euro, ab Innsbruck liegen die Zugtickets (www.oebb.at) bei 16 Euro.

Weitere Informationen findet man unter www.vinschgau.net. Von Juli bis September finden mittwochs um 16 Uhr Führungen durch das Gemeindemuseum statt. Treffpunkt: Pfarrkirche Graun, Telefon 00 39/04 73/63 31 27.

Unterkunft zum Beispiel im Gasthof „Schwarzer Adler“ (www.adler-reschen.it) in Reschen. Doppelzimmer ab 152 Euro

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