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Estland : Im Beiwagen der Zeitlosigkeit

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Skurril, aber echt: Mare Mätas kommt wie die meisten Frauen auf Kihnu gut allein klar, auch ihr Mann ist meist auf See. Bild: Odile Hain

Auf der estnischen Insel Kihnu kutschieren Frauen in Tracht Touristen auf alten Sowjet-Motorrädern in eine andere Epoche.

          5 Min.

          Ein wenig erinnert die Szene an den Kinofilm „Straight Story“, in dem ein alter Mann auf seinem Rasenmäher durch Amerika fährt. Nur dass es hier eine junge Frau ist, die uns auf ihrem Gefährt entgegenkommt: magere Gestalt, das Kopftuch eng um den Schädel gewickelt, darüber, ein wenig schief sitzend, ein Schallschutzkopfhörer mit Antenne. Und natürlich befinden wir uns nicht im amerikanischen Westen, sondern im europäischen Osten, in Estland, auf der Ostseeinsel Kihnu. Die wiederum ist so klein, dass man sie durchaus auf einem Sitzrasenmäher durchmessen könnte.

          Landschaftlich verhält sich das Eiland eher unauffällig: flach, lichte Kiefernwäldchen, Weiden und Felder, gelb gestrichene Bauernhäuser. Das Meer wirkt hier wie ein großer See, ruhig und randvoll bis an die Schilfgürtel. Hundert, zweihundert Meter kann man hinauswaten, ohne in mehr als wadentiefes Wasser zu gelangen.

          Wer die Fähre hierher nimmt, besucht die Familie, sucht Ruhe – oder hat Interesse an einer ganz eigenen Art von Exotik: Die Frauen von Kihnu, heißt es, haben eine besondere Kultur begründet. Weil ihre Männer zur See fahren, übernähmen sie seit jeher alle Aufgaben an Land, vom Feldbau bis zur Motorradreparatur. Auf den Fotos der Tourismus-Website von Kihnu tragen sie Tracht, ihre Gefährte sind sowjetische Militärmotorräder aus den Vierziger Jahren. Spektakulär sieht das aus – und es lockte neben Touristen auch Filmteams auf die kleine Insel, die über „Europas letztes Matriarchat“ berichten.

          Jede Frau hat eine Schatztruhe

          Nun also auch uns – die wir sogleich einer ersten vermeintlichen Repräsentantin der Inselkultur über den Weg laufen. Immerhin trägt sie das traditionelle Kopftuch und eine kleine Hüfttasche mit dem typischen Streifenmuster, dazu allerdings Leggings und Turnschuhe. „Matriarchat? Ja, das ist eine nette Geschichte“, lacht sie.

          Reene, so der Name der Rasenmäher-Frau, nutzt unser Erscheinen bereitwillig, um ihr eigentliches Vorhaben aufzuschieben. Sie lebt den größten Teil des Jahres in Tallinn, nur in den Ferien kommt sie, um das Bauernhaus ihrer Vorfahren zu renovieren – und das Gras drum herum zu mähen. Doch stattdessen plaudert sie lieber und führt uns durch die noch dunklen, staubigen Räume des reetgedeckten Holzhauses. Zu einem kleinen Schuppen, in dem auf Kihnu seit jeher nicht nur die Arbeitsgeräte aufbewahrt werden, sondern auch, in einer besonderen Truhe, die Trachten. „Die Schatztruhe“, sagt Reene, während sie den Deckel hochstemmt, „so eine hat jede Frau auf Kihnu.“

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