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In Frankreichs Provinz Berry : Händchenhalten mit dem Kolibri

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Das Teufelsmoor

Im Château von Nohant schrieb George Sand alle ihre „romans champêtres“, ländliche Erzählungen, die in der bukolischen, melancholischen Kulisse des Berry spielen. In diesen Werken, in denen Folklore und Bräuche der Berrichons mit ethnographischer Präzision beschrieben werden, zeigen kleine Leute große Gefühle. Tagwerker, Hanfweber, Schäfer, Hirtinnen und Müllertöchter setzen sich über soziale Schranken und Sittenstrenge hinweg, und auf den letzten Buchseiten triumphiert meistens die Liebe. Detailliert wie in einem Reiseführer werden Orte und Szenerien beschrieben: das Gerberstädtchen La Châtre mit seinen Gassen, die sich um den Gefängnisdonjon aus dem fünfzehnten Jahrhundert scharen; Renaissanceschlösser, deren windgebeugte Turmspitzen aussehen, als hätte man ihnen schiefe Wichtelmützen übergezogen; dem heiligen Martin gewidmete Kirchen mit uralten, ockerfarbenen Fresken; verwunschene Flusstäler und Koppen mit üppigem Graswuchs. Sand würdigte das Berry als unprätentiöses Land der Stille und der einsamen Weiten: „Menschen und Pflanzen, alles ist ruhig, geduldig, langsam reifend. Suchen Sie dort keine großen Effekte und großen Leidenschaften. Sie werden weder in den Dingen noch in den Geschöpfen etwas Dramatisches finden.“ Sie taufte das Berry auf den Namen „Vallée noire“, das schwarze Tal, dessen Wälder bei Hagel und Sturm eine violette, ins Dunkle wechselnde Tönung annehmen.

Die Villa Algira, das Sommerhäuschen von George Sand in Gargilesse.
Die Villa Algira, das Sommerhäuschen von George Sand in Gargilesse. : Bild: Rob Kieffer

Bei Nohant befindet sich der Startpunkt eines verzweigten, hundertachtzig Kilometer langen Wanderwegnetzes, das zu den romantischen Schauplätzen der ruralen Sagas von George Sand führt. Benannt ist der Weg nach dem Roman „Les Maîtres Sonneurs“, einem literarischen Roadmovie mit fidelen Dudelsackspielern als Akteuren. Auf diesem Parcours stößt man auf das Schaufelrad der Mühle von Angibault, das sich wie im Roman „Der Müller von Angibault“ von den gurgelnden Wassern des Flusses Vauvre antreiben lässt. Und wenn der Geruch von frischgebackenem Brot nach draußen dringt, würde man sich nicht wundern, wenn der Müller Grand Louis, Hauptfigur der verzwickten Herzensgeschichte, gleich um die Ecke käme. In derselben Milieuschilderung kommt die Schlossfestung von Sarzay vor – mit dem Unterschied, dass sie in der Handlung einer fiktiven Feuersbrunst zum Opfer fällt, während sie heute unbeschadet und stolz ihren mit Pechnasen ausgestatteten Burgfried und ihre fünf ziegelroten Türme dem niedrigen Wolkenhimmel entgegenstreckt.

Die Villa Algira hat unversehrt die Zeit überdauert und empfängt noch immer Besucher.
Die Villa Algira hat unversehrt die Zeit überdauert und empfängt noch immer Besucher. : Bild: Rob Kieffer

Eine schaurige Aura umgibt das Teufelsmoor, das einem der populärsten Romane von George Sand seinen Titel gegeben hat. Im Wald von Chanteloube haben Bäume diesen kleinen pechschwarzen Sumpf eingekreist, der zu George Sands Zeiten viel größer war. Er wirkte derart unglückbringend, dass die von finsteren Legenden faszinierte Schriftstellerin ihn als „üblen Ort“ bezeichnete, dem man sich nicht nähern sollte, ohne mit der linken Hand drei Steine hineinzuwerfen und mit der rechten dabei das Zeichen des Kreuzes zu schlagen. Nur so könne man die bösen Geister fernhalten.

George Sand wusch sich in der Creuse

Idyllischer wirkt das Dorf Gargilesse, vierzig Kilometer von Nohant entfernt. Der abgeschiedene Ort im Tal der Creuse wurde zum Ruhepol von George Sand, ein „in die Tiefe eines felsigen Trichters gebautes Nest“. Sie war ihrer gesellschaftlichen Verpflichtungen im Schloss von Nohant müde geworden und litt unter enttäuschten Amouren. Harte Honorarverhandlungen mit ihren Verlegern sowie politische Fehden im Umfeld der Pariser Kommune hatten sie zermürbt. Dann stieß sie während eines Ausfluges mit Alexandre Manceau, ihrem Sekretär und letzten Liebhaber, auf ein Zwergenhaus in Gargilesse, das sie 1858 kaufte und das die Sommerbleibe des Paares wurde. Das Kabäuschen aus Naturstein hatte nur zwei Räume, Küche oder Bad gab es nicht. George Sand wusch sich in der Creuse, in der sie auch Flusskrebse und Lachse fing, die sie sich im Dorfrestaurant zubereiten ließ.

Eine schaurige Aura umgibt das Teufelsmoor, das einem der populärsten Romane von George Sand seinen Titel gegeben hat und zu ihren Zeiten viel größer war.
Eine schaurige Aura umgibt das Teufelsmoor, das einem der populärsten Romane von George Sand seinen Titel gegeben hat und zu ihren Zeiten viel größer war. : Bild: Rob Kieffer

Das intime Refugium, von George Sand als lediglich so groß wie eine Schiffskajüte beschrieben, hat unversehrt die Zeit überdauert und empfängt noch immer Besucher. In Vitrinen werden Objekte gezeigt, die an die berühmte Bewohnerin erinnern: Originalmanuskripte, Tintenfässer, Fotografien, Spitzentaschentücher, Salbentöpfe und ein Schmetterlingsnetz, mit dem George Sand ein Exemplar der seltenen, aus Nordafrika stammenden Gattung Dysgonia algira einfing. Nach diesem Schmetterling taufte sie das Häuschen auf den Namen Villa Algira. Überrascht ist man über die putzigen, brodierten Pantöffelchen und ledernen Stiefeletten, die George Sand trug. Die Grande Dame der Literatur hatte nur Schuhgröße vierunddreißig und war bescheidene ein Meter vierundfünfzig groß.

Das stille Land der lauten Dichterin

 • Anreise: Der nächstgelegene Bahnhof mit Mietwagenverleih befindet sich in Châteauroux und ist von Deutschland aus via Paris mit TGV, ICE und Intercité zu erreichen. Auskunft und Buchung von Bahnticktes : www.voyages.sncf.com. Ein Mietwagen empfiehlt sich, weil der öffentliche Nahverkehr in Berry schlecht ausgebaut ist.

• Übernachtung: Neben dem Schloss von Saint-Chartier, dem Hauptschauplatz von George Sands Romans „Les Maîtres Sonneurs“, bietet das Töpfer-Ehepaar Vincent und Elisabeth Portier in ihrem Haus „La Croix verte“ Chambres d’hôtes an. Die Doppelzimmer kosten ab 68 Euro; Buchung online unter www.veportier.com. Um George Sands Stationen im Tal der Creuse zu erkunden, ist das im normannischen Fachwerkstil gebaute Manoir duMenoux in Le Menoux ideal gelegen. B&B-Doppelzimmer ab 80 Euro, www.manoirdumenoux.com.

• Informationen: Über Attraktionen, Ausstellungen, literarische Festivals, Chopin-Musikabende und Wandermöglichkeiten informiert das Pays de George Sand in La Châtre, www.pays-george-sand.com; allgemeine Auskunft erteilt die Französische Zentrale für Tourismus, www.france.fr.

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