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Die Felsenkirchen Äthiopiens : Gott sei gepriesen, Gott sei vergessen

  • -Aktualisiert am

Alle Bewohner sind christlich-orthodoxen Glaubens. Und alle klettern hier hoch, ohne die Gurte der ängstlichen Touristen, Junge und Alte, sonntags und zu jeder Taufe. Bild: Picture-Alliance

Tiefer Glaube und tiefe Skepsis: Ein Besuch der Felsenkirche von Abuna Yemata und des Dorfes Awra Amba, das nichts mit Religion zu tun haben will.

          Girmay zeigt nach oben, immer weiter, seine Hand hebt sich in den Himmel. „Die Seile sind unterhalb der Kirche“, sagt er. Wir sehen aber keine Felsenkirche, wir sehen einschüchternde Felsen, Steinwände, lotrechte Sandsteintürme und sind beunruhigt. Die Klettergurte hätten wir gerne vor dem Aufstieg gesehen. „Abuna Yemata“, flüstert Girmay und bekreuzigt sich. Abuna Yemata gilt als Heiliger Gral unter den hundertdreißig Felsenkirchen, die in das Gestein des äthiopischen Berglands geschlagen wurden, mystisch, der Welt entrückt, kaum zu finden. Die Kirche liegt im Massiv der Gheralta-Berge und entging dank ihrer versteckten Lage als einzige Felsenkirche den Feuerstürmen, die Königin Judith vor mehr als tausend Jahren anrichtete.

          Der Weg führt steil hinauf, nach einer Dreiviertelstunde schmerzen den sieben Teilnehmern der Expedition die Beine. Florence, die Belgierin, starrt plötzlich fassungslos auf die Schuhe ihres Sohnes. Der Junge klettert in Crocs. „Kein Problem“, sagt Girmay, „die Schuhe müssen alle ausziehen, wenn wir ins Seil gehen, oben beginnt der geweihte Fels, der darf nicht mit Schuhen betreten werden.“ Für den Engländer John ist vorher Schluss. Wir stehen übereinander, vor uns eine ungesicherte Passage, in der eine Felsnase umrundet werden muss, auch die Belgier drehen vorsichtshalber ab. „Come, come“, rufen Helfer von der anderen Seite der ausgesetzten Stelle. Wir zögern, die Französin neben uns bricht in Tränen aus, zentimeterweise schieben wir uns voran, rauhe äthiopische Hände strecken sich uns entgegen, dann haben wir einen Balkon erreicht.

          Zum Greifen nah und unerreichbar

          Dreißig Meter ragt der Fels vertikal in die Höhe, sechs Meter der Wand sind zu bezwingen, über einen Absatz im Gestein führt der Zugang zur Kirche. Wir steigen in den angebotenen Klettergurt, das Seil ist neu, die Karabinerhaken schließen, im Fels sind Kerben. „Linker Fuß hier, rechte Hand da, hoch“, die Anweisungen sind ruhig, jetzt nicht nach unten blicken, aber den rechten Fuß in die Spalte stecken, dort, wo der linke schon ist, da ist kein Platz, unmöglich. „Lift“, schreit Girmay und bekreuzigt sich schon wieder, also mit den Fingerspitzen den Körper hochziehen, den linken Fuß aus der Spalte nehmen, den rechten hinein, Kleinigkeit, das Adrenalin macht es möglich. Der Fels ist kalt, Nordseite, erstaunlich, wie gut nackte Füße auf dem Stein Halt finden.

          Der Glaube versetzt in Äthiopien Berge: Viehhirtin in den Gheralta-Bergen.

          Die Wand wächst in den Himmel, hier kommt jeder hoch, hat Girmay gesagt, der das orange T-Shirt der Tourguides ausgezogen hat und vielleicht doch ein Priester ist. Weiter, nicht an den Abstieg denken, tasten, greifen, endlich kommt der Olivenbaum in den Blick, um den das Seil gelegt ist, armdick ist er nur, was für ein dürres Bäumchen, Griff um die Felskante, auf die Knie, die Beine zittern, hoch, Girmay löst das Sicherungsseil.

          Wir stehen vor einem Grat, auch das noch, drei, vier Schritte im Kriechgang, erreichen eine Kanzel, hier kann man sich aufrichten, fünf Quadratmeter sonnenbeschienenes Glück und flirrendes Licht, der Sandstein leuchtet gelb und ocker in allen Schattierungen, noch ein Felsvorsprung, obendrauf steht ein weiterer Helfer, ruft „Fast geschafft“, aber das will man nicht glauben. Abuna Yemata ist zum Greifen nah und scheint unerreichbar.

          Gottvertrauen statt Physik

          Der Eingang liegt auf der Südseite der ausgehöhlten Felsnadel, und der liebe Gott hat den Gläubigen eine letzte Prüfung auferlegt, bevor sie Erleuchtung finden dürfen. Um den Kirchenraum verläuft ein ausgesetzter Gang, keinen Meter breit, eine löchrige Holzplanke verdeckt kaum den Blick in die Tiefe. Zweihundert Meter Abgrund, der Atem stockt, der Kopf sagt nein. Girmay ruft einfach, aber er hat es gut, er glaubt an Wunder und zweifelt nicht, lachend weist er auf ein Seil, das am Boden verläuft. Das Seil ist um einen Felsbrocken geschlungen und verschwindet in der Felsenkirche. Spannung hat es nicht, aber vielleicht hilft jetzt keine Physik, sondern Gottvertrauen. Sieben Meter zu Abuna Yemata, sieben Meter, aus denen ungezählte Schritte werden, jeder schwerelos und andächtig mit allen Fasern der nackten Sohlen auf den Fels gesetzt, dann der Eingang und ein Farbrausch.

          Jeder Quadratzentimeter, jeder Pfeiler der Kirche ist in kraftvollen Farben ausgemalt, Rot wie das Blut Christi, Blau wie das Kleid Marias, Weiß wie die Farbe des Glaubens.

          Neun lebensgroß gemalte Apostel strecken von der Decke den Besuchern ihre Köpfe entgegen. Ein prachtvolles Band hält sie zusammen. Peter, Paul und Thomas, die in ihrem Kreis keinen Platz gefunden haben, schauen die Besucher mit großen Augen von der Seitenwand an. Jeder Quadratzentimeter, jeder Pfeiler der Kirche ist in kraftvollen Farben ausgemalt, Rot wie das Blut Christi, Blau wie das Kleid Marias, Weiß wie die Farbe des Glaubens. In der klaren Luft in zweitausendsechshundert Meter Höhe haben sich die Wandmalereien perfekt erhalten. Girmay fällt auf die Knie und legt die Stirn auf den Teppich, während ein Priester aus dem Dunkeln tritt und eine in rote Holzdeckel gebundene Pergamentbibel öffnet.

          Auf heiligem Boden passiert nichts

          Der Priester ist in der Nacht aufgestiegen, wie in jeder Nacht, denn Abuna Yemata ist die Gemeindekirche von Guh, in deren Dörfern zweitausendfünfhundert Menschen leben. Alle Bewohner sind christlich-orthodoxen Glaubens. Und alle klettern hier hoch, ohne die Gurte der ängstlichen Touristen, Junge und Alte, sonntags und zu jeder Taufe, jeder Eheschließung, im Winter wie im Sommer. Dreißig Priester und Diakone betreuen die Gemeinde. Unfälle soll es bei diesem ungewöhnlichen Kirchgang noch nie gegeben haben. Die Menschen kennen den Weg seit Jahrhunderten, sagt Girmay, und sie helfen sich hoch, passieren könne nichts, denn Abuna Yemata sei heiliger Boden. In seinem Blick liegt unumstößliche Wahrheit.

          Landschaft im Gheraltagebirge: Vor den Fenstern zieht die karge Landschaft vorbei, am Wegrand Pferdegespanne und Gruppen von Fußgängern.

          Der Glaube versetzt in Äthiopien Berge. Seit zwei Schiffbrüchige aus Tyrus in Phönizien im vierten Jahrhundert das Christentum an den axumitischen Königshof brachten, ist die Religion im Land tief verankert. Äthiopier wollten in Lalibela ein zweites Jerusalem errichten, und sie eint heute noch der Stolz, im Besitz der Bundeslade mit den Zehn Geboten zu sein. Im Vielvölkerstaat sind sechzig Prozent der Bevölkerung Christen, die meisten bekennen sich zum orthodoxen Glauben. Er bestimmt mit alttestamentarischer Strenge den Alltag. Äthiopier fasten mittwochs und freitags, und sie beschneiden in ihrer großen Mehrheit ihre Kinder, obwohl es Gesetze gibt, die das ächten. Weibliche Genitalverstümmelung ist auch unter äthiopischen Christen wegen überlieferter Mythen und zur Kontrolle der Sexualität üblich. Religion durchdringt den Alltag. Fast jeden Tag feiern Äthiopier einen anderen Heiligen, der Jungfrau Maria sind gleich dreiunddreißig Feste gewidmet. Schon in der Nacht rufen die Priester zur Messe, Gruppen von Menschen machen sich stumm auf den Weg, alle in Weiß, die Frauen haben Tücher um die Köpfe geschlungen. Seit einigen Jahren werden die Predigten wie in Moscheen üblich sogar per Lautsprecher übertragen, von Mitternacht an erschallen stundenlange Gesänge, bis die Gläubigen früh am Morgen müde in den Tag entlassen werden.

          Wer ein Tier anfährt, zahlt für den Schaden

          Zu dieser archaischen Welt existiert ein Gegenentwurf. Mitten in Äthiopien liegt ein Dorf des Widerstands, das eine Option zu den Bilderwelten des Alten Testaments bietet. In Awra Amba, dem „Dorf der Gottlosen“, leben Menschen ohne gesellschaftliche Zwänge und Religion, eine Utopie, die sich von den Fesseln wie vom Trost der Kirche gelöst hat.

          Der Weg dorthin ist beschwerlich. Wir fliegen in die Stadt Bahir Dar am Tana-See, durch den der Blaue Nil fließt. Weiter geht es im blau-weißen Minibus nach Woreta. Zwanzig Leute pressen ihre Schultern aneinander, dann zieht der Beifahrer Wasserkanister hervor, die als Notsitze dienen, und lässt Hirten zusteigen. Ihre Kleider sind zerschlissen, nur Fäden halten die Form. Keiner im Bus spricht Englisch, auch die jungen Männer nicht, deren Frisuren der von Bart Simpson ähneln, nur mit schwarzen Locken, die zum Himmel lodern. Ein saurer Geruch von Schweiß und Weihrauch strömt aus den aufgeplatzten Sitzpolstern des Kleinbusses, alles in diesem Fahrzeug ist eingestaubt. Immerhin raucht niemand, Tabak ist in Äthiopien nicht populär. Vor den Fenstern zieht die karge Landschaft vorbei, am Wegrand Pferdegespanne und Gruppen von Fußgängern. Äthiopier gehen von alters her weite Strecken zu Fuß, alle in hellen Plastiksandalen. Der Bus umkurvt Herden, die die gesamte Breite der Fahrbahn einnehmen, mal sind es Dromedare, mal Kühe, dann wieder kleinwüchsige Esel, die keinen Schritt weichen, oder Ziegen, und die Fahrer sind vorsichtig. Wer ein Tier anfährt, zahlt für den Schaden, egal, ob ihn eine Schuld trifft oder nicht, und ein Dromedar kostet mehr als ein Jahresgehalt.

          Ihre Kleider sind zerschlissen, nur Fäden halten die Form: In den Gheraltabergen, nahe Hawzen.

          Die letzten Kilometer legen wir in einem dreirädrigen Tuk-Tuk zurück. Auf den Scheiben des winzigen Taxis kleben goldgeränderte Madonnen, Marien- und Jesusbilder, Ronaldos in Jubelposen und Tiere der Savanne. Die Heiligen überragen die Fußballgötter, und die Tiere sind so klein, dass sie fast vom Fenster springen. Tiefe Furchen und Schlaglöcher auf dem Feldweg lassen das Tuk-Tuk tanzen, bis wir Awra Amba erreichen.

          Wir wissen nicht, ob es einen Himmel gibt

          Dann Stille. Bäume. Keine Obdachlosen, die am Wegesrand an den Abfallbergen entlang brabbeln und darin nach Essbarem tasten, keine bettelnden Kinder mit leeren Blicken und schmutzstarrenden Fingern, die Klebstoff umklammern. Stattdessen frische Luft. Auf Leinen trocknen gefärbte Tücher. Ein freundliches Mädchen öffnet eine glänzende Wellblechtür zu einem schlichten Gästezimmer. Awra Amba hat ein Restaurant, Honig aus eigener Imkerei, einen großen Kindergarten, Schulen mit den Fotos ihrer Hochschulabsolventen und ein mit bunten Stoffen ausgekleidetes Altersheim.

          Zumra Nuru, der Gründer, sagt: „Wir wissen nicht, ob es einen Himmel gibt, aber wir versuchen, ihn den Alten hier zu bereiten.“ Er ist leise in die Bibliothek getreten und hat an der Wand Platz genommen. Der Achtundsechzigjährige trägt eine wilde Kopfbedeckung aus grünen Acrylfasern, in der ein Vogelschwarm nisten könnte. Aus seinen Augen blitzt Schalk. Er ist ein einfacher Mann, der weder lesen noch schreiben kann und kein Englisch spricht. Begleiter übersetzen seine Lebensgeschichte, die alle Dramen eines ordentlichen Revolutionärs enthält: Kindheit in Armut, Zwangsheirat, Wanderschaft, Zweifel, Erkenntnis. Nuru gründete 1972 mit einer Handvoll Gleichgesinnter Awra Amba. Seine Vorstellungen von Gleichberechtigung und Religionsferne riefen erbitterten Widerstand hervor, die Dörfler wurden vertrieben, aber Nuru kam zurück und warb unbeirrt für ein selbstbestimmtes Leben.

          Seitdem schließen sich ihm Menschen an, besonders Frauen, die aus der bedrückenden Perspektivlosigkeit ihrer Geschlechterrolle ausbrechen wollen. Heute leben in Awra Amba mehr als fünfhundert Menschen. Die Initiative hat einen Friedenspreis bekommen und prosperiert. Kein Wunder, sagen Kritiker, denn wer Religionen aussperre, verzichte auch auf ihre Feiertage. Zumra Nuru winkt ab, sonntags könne jeder tun, was er wolle, aber wer Freiheit wähle, müsse dafür arbeiten. Haupteinnahmequelle des Dorfes ist die Textilkooperative, in der Männer und Frauen weben. Holländer haben die Webstühle gestiftet. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete jeder Mitarbeiter umgerechnet zweihundertfünfzig Euro, nicht viel für ein Jahr Arbeit, aber zum Leben auf dem Land reicht es. Und dann steht in jedem Haus neben dem gemauerten Herd noch ein eigener Webstuhl für das private Zubrot.

          Aus Awra Amba soll eine Stadt werden. Die Politik ist aufmerksam geworden. Zumra Nuru erzählt von Premierminister Abiy, der sein Kabinett zur Hälfte mit Frauen besetzt hat. Das Land hat kürzlich eine Präsidentin bekommen. Hoffnung für Äthiopien? „Der Tag ist noch jung“, sagt er und deutet auf seine Uhr. Sie zeigt fünf Uhr morgens.

          Äthiopiens Felsenkirchen

          Flüge nach Äthiopien bietet ab Frankfurt unter anderem die Gesellschaft Ethiopian Airlines an (www.ethiopianairlines.com). Wer mit ihr anreist, erhält Rabatt auf Inlandsflüge. Trekkingtouren zu den Felsenklöstern von Tigray organisiert die empfehlenswerte Gheralta Lodge in der Nähe von Hawzien (Übernachtung in Bungalows 100 Dollar, E-Mail bookingforprivates@gheraltalodgetigrai.com). Der Fremdenführer Girmay kann unter girmaytewelde7@gmail.com kontaktiert werden. Das Doppelzimmer im Guesthouse von Awra Amba kostet umgerechnet sieben Euro (E-Mail: asnex770@gmail.com).

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