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Wattenmeer : Jedes „Land unter“ polstert die Wiesen auf

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Norderoog bei Ebbe: Halligen fungieren als Wellenbrecher. Sie mildern die Wucht, mit der die Nordseewellen an die Deiche prallen. Bild: Picture-Alliance

Wenn der Winter anbricht, stehen an der deutschen Nordseeküste Wetterkapriolen ins Haus. Die Bewohner der Halligen im Wattenmeer heißen Sturmfluten willkommen.

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          Kerstin und Hans kamen über Nacht. Wir waren Ende Januar auf die Hallig gefahren, um uns mal ordentlich durchpusten zu lassen. Das Wetter war schön, die Luft glasklar. Der Wind hatte auch das kleinste Wölkchen vertrieben. Nichts deutete auf eine Sturmflut hin. Als die Wirtsleute sagten: „Morgen kommen Sie hier nicht weg, die Hallig geht blank“, hielten wir das für einen Scherz.

          Die Nacht war stockfinster. Der Wind hatte aufgedreht und sauste heulend ums Haus. Wir hörten es draußen rumoren. Es war schon nach Mitternacht, Leute riefen sich etwas zu. Ich zog mir das Federbett über die Ohren und schlief schnell wieder ein. Am Morgen schien die Sonne. Der Blick aus dem Fenster machte uns baff. Wo gestern noch Wiese war, schwappten nun die Wellen. Die Warft, der Siedlungshügel, war vom Meer umschlungen. Die Viehgatter standen im Wasser. Nur die Spitzen der Zaunpfähle ragten noch heraus. Auf dem Klettergerüst des nahezu versunkenen Spielplatzes hatte sich ein Kormoran niedergelassen. Von dem Fähranleger war nichts mehr zu sehen. Die Hallig war gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten. Ihre Warften schwammen wie verwunschene Inselchen im Atoll.

          Mitten in der Nacht war Tief Kerstin aus Südgrönland angereist und hatte Orkanböen bis zu hundertfünfzig Stundenkilometern im Gepäck. Es war Neumond. Der auflandige Wind hatte dafür gesorgt, das Hochwasser noch höher ausfallen zu lassen, als es bei einer Springflut ohnehin geschieht. Der Blanke Hans überrollte die Hallig, bis nur noch die Häuser aus den Fluten guckten. Dieses „Land unter“ ist jetzt zwanzig Jahre her.

          „Land unter“ ist kein Unglück

          Das Weltnaturerbe Wattenmeer feiert in diesem Jahr seinen zehnten Geburtstag, weshalb eine kleine Journalistengruppe auf die Halligen eingeladen wurde. Auf Hooge treffen wir Katja Just und reden über Sturmfluten, Wasserstände und Überflutungen. „,Land unter‘ ist kein Unglück, sondern erwünscht“, teilt uns die Bürgermeisterin mit. Klingt zunächst paradox. Machen „Land unter“ nicht Umstände? Immerhin muss alles, was herumsteht, rechtzeitig gesichert werden, wenn es nicht unwiederbringlich im Meer verschwinden soll. Wird einem nicht Angst und Bange, wenn der Sturm wütet, die Wellen höher und höher schlagen und das Hochwasser droht, über die Türschwelle zu treten? Müsste man sich nicht besser vor „Land unter“ schützen? Halligleute sehen das offenbar anders.

          Landunter ist hier ein Segen: Halligen brauchen Überschwemmungen, um dem stetig steigenden Meeresspiegel gewachsen zu sein.

          Tatsächlich ticken Halligen anders als Inseln, die sich hinter hohen Deichen verschanzen. Halligen brauchen Überschwemmungen, um dem stetig steigenden Meeresspiegel gewachsen zu sein. Jedes „Land unter“ bringt auch Sedimente mit wie Sand, Schlick und Muschelschill, womit das Marschland mit seinen Salzwiesen langsam, aber sicher aufgepolstert wird. Salzmarschen sind charakteristisch für die Halligen und ein wertvolles Brutgebiet für Küstenvögel wie Austernfischer, Möwen und Seeschwalben. Der „Klimareport Schleswig-Holstein“ von 2017 rechnet bis zum Ende dieses Jahrhunderts mit einem Anstieg des Meeresspiegels um mehr als einen Meter. Keine gute Perspektive für die etwa 280 Bewohner der Halligen im Weltnaturerbe Wattenmeer.

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