https://www.faz.net/-gxh-9yhgo

Ravenna und seine Mosaike : Die Autonomie der Steine

  • -Aktualisiert am

Kunstwerk aus Millionen von Einzelteilen: das Himmelszelt in der Basilica di San Vitale. Bild: mauritius images / © Adam Eastla

Welthauptstadt des Mosaiks: Ein Selbstversuch im heimischen Wohnzimmer weckt Erinnerungen an die einzigartige frühchristliche Mosaikkunst von Ravenna.

          7 Min.

          Eigentlich wollten wir im vergangenen Frühjahr am Mosaikkursus von Anna Fietta teilnehmen, aber die Zeit war wieder einmal zu knapp, und zu viele andere Dinge waren zu erledigen. Angesichts der frühchristlichen Mosaike in Ravennas Kirchen, Taufkapellen und Mausoleen und inmitten der wunderbaren zeitgenössischen Mosaikarbeiten aus Annas Atelier erschien uns ein amateurhaftes Nacheifern dann allerdings sowieso als Anmaßung. Nach der Besichtigung ihres „laboratorio di mosaico“ und der dort ausgestellten Werke hatte uns Anna immerhin noch ein Säckchen mit bunten Mosaiksteinen und Kachelsplittern geschenkt. „Damit könnt ihr zu Hause vielleicht das eine oder andere Bildchen arrangieren“, sagte sie. Doch daran hatten wir im Ernst nicht geglaubt, sondern die Steine zu anderem touristischen Tand hinzugelegt, den wir aus aller Welt zusammengetragen haben.

          Ein Jahr später ist das Reisen plötzlich tabu. Wir haben unverhoffte Muße, sitzen am Wohnzimmertisch und versuchen uns tatsächlich mit Annas Steinen an einem Mosaik. Statt es vorschriftsgemäß mit Fliesenkleber und Fugenmörtel auf einem festen Untergrund anzulegen, sind wir auf ein Provisorium angewiesen. Wir benutzen einen mit feinem Sand gefüllten Rahmen, in dem sich die schwarzen und weißen, die gelben, grünen, roten, blauen und violetten Teilchen langsam zu einem abstrakten Muster aus unregelmäßigen Bruchstücken zusammenfügen. Besonders formvollendet wirkt das fertige Bild zwar nicht, aber es führt uns aus unserer begrenzten Quarantäne in die vor kurzem noch selbstverständliche Freiheit einer Reise nach Ravenna. Und es bringt uns den Menschen in der virusgeplagten, norditalienischen Region Emilia-Romagna zumindest in Gedanken ein wenig näher.

          Der Kaiser in byzantinischer Hoftracht

          „Vorübergehend geschlossen“, verkündet die Website des Tourismusbüros von Ravenna bei der virtuellen Vorstellung der historischen Bauwerke. Nicht einmal die Einheimischen dürfen jetzt jene acht Monumente aufsuchen, die wegen ihrer spätantiken und byzantinischen Mosaikkunst zum Weltkulturerbe der Unesco gehören. Hoffentlich haben sich die Menschen an Ort und Stelle wenigstens die phänomenale Wirkung dieses historischen Gesamtkunstwerks ebenso eingeprägt wie wir. Weil sie aus Blattgold, farbechten Steinen und Halbedelsteinen bestehen, haben Farbintensität und Leuchtkraft der Bilder auch anderthalb Jahrtausende nach ihrer Entstehung im fünften und sechsten Jahrhundert kaum gelitten. Zusammengesetzt aus Millionen hell leuchtender Mosaiksteine vereinen sie sich zu einer heiteren Religiosität, die offenbar in jener frühchristlichen Epoche vorherrschte, als Ravenna die Hauptstadt des Weströmischen Reiches war. Nachdem die antike Weltmacht Rom in ein östliches und ein westliches Reich zerfallen war, verlegte Kaiser Honorius den Sitz des westlichen Imperiums im Jahr 402 nach Ravenna, und damit schlug die große kunsthistorische Stunde der Stadt. Es begann die Blütezeit der Mosaikkunst.

          Ein Wunder der Kunstgeschichte: Die Farben der Mosaike leuchten auch nach Jahrhunderten noch wie am ersten Tag.
          Ein Wunder der Kunstgeschichte: Die Farben der Mosaike leuchten auch nach Jahrhunderten noch wie am ersten Tag. : Bild: Volker Mehnert

          Unsere Fotos können die Erinnerung an Ravenna auffrischen und uns vor allem helfen, vergessene Details wieder ins Gedächtnis zu rufen. Wir beginnen mit der Basilika San Vitale, die mit ihren goldgrün glänzenden Mosaiken beinahe orientalisch anmutet; der Einfluss oströmischer Kunst ist nicht zu übersehen. Im religiösen Zentrum über dem Altar steht eine Szenerie, die den heiligen Vitalis auf seinem Weg gen Himmel zeigt. Besonders beeindruckt freilich hatten uns die prachtvollen Mosaike zur Rechten und zur Linken, auf denen Kaiser Justinian und seine Gattin Theodora in prunkvoller byzantinischer Hoftracht dargestellt sind. Vor goldglänzendem Hintergrund zeigen sie inmitten von Würdenträgern und Leibgarde ihre herrschaftlichen Insignien.

          Weitere Themen

          Die Flucht ins Leben

          Gran Canaria : Die Flucht ins Leben

          Gran Canaria ist ein sicheres Reiseziel. Das sagt sogar die Kanzlerin – und rät uns dringend davon ab hinzufahren. Wir haben es trotzdem getan – und können es nur wärmstens empfehlen.

          Topmeldungen

          Wer hat wie viel zu sagen im VW-Reich?

          Volkswagen : Kampf um Wolfsburg

          Der Burgfrieden von VW bröckelt. Konzernchef und Betriebsratschef streiten über die Besetzung wichtiger Vorstandsposten – doch es geht um viel mehr.
          Lebt selbst bescheiden: Papst Franziskus am Fenster des Apostolischen Palasts, den er nur für offizielle Termine nutzt.

          Finanzen im Vatikan : „Die Kirche war immer eine Sünderin“

          Der Papst kritisiert den Kapitalismus und will eine ethische Wirtschaft. Doch der Vatikan schlittert von einem Finanzskandal in den nächsten. Jetzt sorgt die „Dame des Kardinals“ für Schlagzeilen.

          30 Gläubige pro Kirche : Katholiken zornig auf Macron

          Selbst in Frankreichs Kathedralen sollen in der Advents- und Weihnachtszeit nur 30 Personen Gottesdienste feiern dürfen. Die Katholiken sind empört. Sie halten die Obergrenze für unverhältnismäßig und „respektlos“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.