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Horrorferien in Deutschland : Die apoplektischen Reiter

  • -Aktualisiert am

Bild: Oliver-Maria Schmitt

Ist Dark Tourism die Alternative zum Overtourism? Auf „Born to be dead“-Motorradtour durch das Weserbergland.

          7 Min.

          Kurz nach Höxter waren wir schon tot, doch das wussten wir nicht und fuhren einfach weiter. Dieser Dunkeltourismus, der war nichts für Fahranfänger, dachte ich, wischte den Regen vom Visier und knatterte den anderen hinterher: dem Boss, dem Zeichner und dem Prospect. Auch wenn unsere Motorradgang wahrscheinlich die härteste aller Zeiten war – diese Ausfahrt in den Dark Tourism hat uns nicht nur Kraft und Nerven gekostet, sondern beinahe unser Leben. Warum? Weil ich mit meinen Buddies ein Gruppenselfie machte und so unseren Untergang besiegelte.

          Alle sind verrückt nach Dark Tourism, manche nennen ihn auch Thanatourismus, den neuen heißen Scheiß der Reiserei. In Massen zieht es vornehmlich junge Leute an Orte des Missvergnügens, wo gelitten, gemordet und gestorben wurde, auf Schlachtfelder, in aufgegebene Lager, zu Unfallstellen und Tatorten, um in den asozialen Medien damit anzugeben. Seit dem Welterfolg der TV-Serie „Chernobyl“ kann sich die noch immer so genannte „Todeszone“ rund um den havarierten ukrainischen Atommeiler vor knipswütigen Instagrammern nicht mehr retten.

          Die Geißel und der Tourismus

          So richtig krass neu ist das freilich nicht. Schon zu Neros Zeiten reiste man zu den Austragungsorten von Brot und blutigen Spielen, seit tausend Jahren pilgern Christen, nicht selten unter Qualen und sich geißelnd, auf den Spuren des gefolterten Menschensohnes, und in London gruselten sich schon unsere Großeltern auf der „Original Jack the Ripper terror tour“ durch Londons Gassen. Das wollten wir jetzt auch mal ausprobieren. Da uns Tschernobyl jedoch zu weit und London zu neblig war, setzten wir nur heimische, gut angebundene Tatorte auf den Reiseplan; und zwar im so unschuldig wirkenden Weserbergland, denn das liegt praktisch und mittig in Deutschland.

          Doch wer sind eigentlich „wir“? Wir sind die „Kraftradgruppe Frohsinn“. Wir heißen so, weil unser Boss das so entschieden hat. Der Boss ist ein nordischer Hüne, der als gefürchteter Witzezeichner die bedeutendste deutsche Illustrierte Woche für Woche mit Killerwitzen und krassen Cartoons versorgt. Und weil er beim Motorradfahren nicht allein sein wollte, scharte er Gleichgesinnte und Kollegen um sich. Auf Facebook gründete er die geheime „Kraftradgruppe Frohsinn“ und befahl sämtlichen motorradfahrenden Cartoonisten, Satirikern, Kabarettisten und anderen Verlorenen, die sich in Scherzbergwerken und Pointensteinbrüchen verdingten, sich ihm anzuschließen.

          Auf dieses Bild hätten sie lieber verzichtet: „Kraftradgruppe Frohsinn“ vor Horrorhaus in Höxter.

          So trafen wir uns an einem hellen, klaren Sommertag im südlichsten Niedersachsen, in der Stadt Hannoversch Münden. Der Boss fuhr auf einer klassischen, wenn auch betagten Triumph Thunderbird vor, die er gerade mit einer merkwürdigen Aluverkleidung hatte versehen lassen, um unterwegs eventuell abfallende Körperteile aufzufangen. „Gefährlich“ sei die Blechwand aber schon, nörgelte gleich zur Begrüßung der Prospect: Im Falle eines Falles beziehungsweise Sturzes würden die messerscharfen Alukanten nämlich als „Kniespalter“ fungieren. Womit der Neue sich seine ohnehin schon geringen Sympathien beim Boss vollständig verspielte.

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