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Forggensee im Allgäu : Als habe jemand den Stöpsel gezogen

  • -Aktualisiert am

Wie eine Karawane in der Wüste: Zum Picknick dorthin, wo sonst die Fischlein schwimmen. Bild: Peter von Felbert

Der Forggensee im Allgäu ist Deutschlands größter Stausee. Doch zurzeit ist er leer – und wirkt wie eine Wüste, zu Füßen von Schloss Neuschwanstein. Eine Erkundungstour mit Kindern auf dem Grund des Sees.

          11 Min.

          Wie ein zu Stein gewordenes Meer wogt das Gelände auf und ab und zerstiebt an den Rändern zu Gischt aus klickerndem Kies. Dort, wo sich keine Steine häufen, ist der Boden fest, aber federnd, zersprungen in abertausend ledrigbraune Schuppen, wie die Haut einer gewaltigen Urzeitechse. In den Senken liegen kleine Tümpel, und irgendwo, den Blicken entzogen, frisst sich ein Fluss mit entferntem Brausen durch den Grund. Am Horizont ein schmales grünes Vegetationsband, das die Ebene von einem plötzlich emporspringenden Gebirgsmassiv trennt. Auf halber Höhe, am Ausgang eines Trogtals: Schloss Neuschwanstein.

          Aufgewachsen zwischen den beiden oberbayerischen Vorzeigegewässern Tegernsee und Schliersee, hatte ich dem im Allgäu liegenden Forggensee nie wirklich Beachtung geschenkt. Ein weiteres „blaues Juwel am Alpenrand“ – nichts, was meine Neugierde weckte. Bisher. Jetzt ist das anders. Ausgerechnet jetzt: Der fünfzehn Quadratkilometer große See ist leer!

          Kurzerhand verlegen wir ein geplantes Picknick mit der besten Freundin meines fünfjährigen Sohnes vom heimischen Garten in die Terra incognita. Die Kinder sind Feuer und Flamme. Auf dem Grund eines Sees herumspazieren? Liegen da nun alle Fische herum? Kann man dort Schätze finden? Wo ist denn das Wasser überhaupt hin, und kommt es je wieder? Sofort entbrennt unter den Kindern eine heiße Diskussion. Während mein Sohn Nepomuk eher physikalische Vermutungen wie „alles weggedampft“ oder „jemand hat wohl den Stöpsel gezogen“ anstellt, tippt seine Freundin Hima auf den Einfluss von Magie.

          Was versunken war, darf wieder ans Licht

          Wie sich herausstellt, haben beide irgendwie recht. Denn: Der Forggensee ist nicht natürlich, sondern Deutschlands größter Stausee. Die hundertsechzig Millionen Liter aquamarin blinkender Fluten, die sich dem Märchenschloss Neuschwanstein zu Füßen legen, als hätte König Ludwig natürlich und vor allem wegen des Sees seinen Architektur gewordenen Knabenmorgenblütentraum genau dort plaziert, diesen See gibt es überhaupt erst seit vierundsechzig Jahren. Der König hat ihn nie gesehen. Er blickte auf eine satt grüne Auenlandschaft mit weiten, ebenen Feldern, durch die der wilde Lech mäanderte, wie es ihm gefiel.

          Sprung ohne Platscher

          Ob dem König bewusst war, was für Geo- und Glaziologen unserer Tage offensichtlich ist, ist fraglich: Denn die „herrliche Aussicht weithin in die Ebene“ (Ludwig II. an Richard Wagner 1868) war selbst wiederum die Aussicht auf den Grund eines ausgetrockeneten Sees. Die ganze Landschaft lag nach heutigen Erkenntnissen während der letzten Eiszeit vor dreißigtausend Jahren unter der mindestens fünfhundert Meter dicken Eisschicht des Lechgletschers. Nur die Spitzen der höchsten Gipfel, wie des Säulings und des Tegelbergs, ragten ein kleines Stückchen daraus hervor. Gigantische Zungen aus Eis schrammten an Felsen entlang und räumten Geschiebe beiseite. Lässt man den Blick schweifen, erkennt man, auch ohne ein Spezialist zu sein, die runden, walfisch- oder tropfenförmigen Hügel – die „Drumlins“ –, die die Fließrichtung des Gletschers belegen. Als es der letzten Eiszeit zu warm wurde, formte das Schmelzwasser den großen Bruder des Forggensees, den riesigen Füssener See, der quasi das gesamte Talbecken bedeckte – bis sich schließlich der Lech durch den weichen Molasserücken des Illasbergs, zwölf Kilometer nördlich vom heutigen Füssen, fraß und den späteiszeitlichen See entleerte. Übrig blieb der wilde Fluss und eine „herrliche Aussicht weithin in die Ebene“. Bis, ja bis man in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Illasbergschlucht mit einem Damm verstopfte, um den Lech erneut zu einem, wenn auch etwas kleineren See aufzustauen. In diesem Jahr zog man den Stöpsel. Was versunken war, darf wieder ans Licht.

          Das pulverbeschichtete, faltbare Stahlrohrgestänge des High-End-Bollerwagens ächzt unter der Last unseres Proviants. Eisern umklammere ich die Deichsel mit den Händen und stemme mich mit beiden Fersen fest in den steinigen Untergrund. Geröll rieselt unter mir hinweg. Fieberhaft kämpfen zwei Paar Kinderhände darum, die Reifen unseres Gefährts aus einer Verkeilung am Steilhang der Kiesdüne zu befreien. Der Wagen kippt bedrohlich, ich gerate ins Rutschen, doch genau im letzten Moment, bevor unser Treck in den mit Schlick gefüllten Graben stürzt, löst sich das Rad. Mit drei letzten, kräftigen Zügen hiefen wir unser Hab und Gut auf den Kamm. Oben angekommen, verschlägt uns der Anblick den Atem.

          Männer mit schwarzen Aktentaschen in spartanischen Stuben

          Vor uns liegt eine geheimnisvolle Geröllwüstenlandschaft. Klüfte lassen sich erahnen, weißgebleichte Baumstumpfreste krallen sich in den Untergrund wie gespenstische, erstarrte Spinnentiere. So neu, so ungewohnt ist es in unseren Breiten, dass der Blick derart ungehindert und weit die nackte Erde betasten kann, dass selbst die beiden Fünfjährigen in ehrfürchtiges Schauen verfallen. Die bizarren Formen, die sich allenorts abzeichnen, und die augenscheinliche Möglichkeit, dieses wilde unentdeckte Land auf völlig eigenen Wegen zu durchmessen und zu erkunden, lösen einen unbändigen Entdeckerdrang aus. So müssen sich die Pioniere und Siedler gefühlt haben, als sie durch die Great Plains in den Westen Amerikas aufbrachen.

          Die Menschen, die sich hier herunter trauen - Wanderer, Radfahrer, Reiter - strahlen eine selten beobachtete Andächtigkeit aus.

          Nach dem Moment der gebannten Faszination stürmen die Kinder los. Auch mich packt die Lust, es ihnen gleichzutun, mit ausgebreiteten Armen einfach loszurennen und durch den ungehindert wehenden Wind zu tauchen, wo sonst meterhoch das Wasser steht. Zwischen zwei Tümpeln, in einer geschützten Senke, schlagen wir unser Lager auf, öffnen unsere Proviantboxen. Doch der Hunger der Kinder nach Entdeckungen übersteigt den nach Grillwurst. Sie stochern mit Schwemmholz im Morast, drehen Steine um, untersuchen die alten Baumstümpfe und vermuten hinter allem ein Geheimnis. Womit sie gar nicht so unrecht haben. Denn der See tat zweierlei: Während einerseits ganze Dörfer darin versanken, legten die Fluten andere, längst vergessene Spuren der Zivilisation überhaupt erst wieder frei.

          Lange Jahre wollte es niemand so recht glauben. Dass der See komme. Und er ließ ja auch auf sich warten. Das erste Interesse an der Kraft des Lechs zeigte man bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Werner von Siemens hatte den elektrodynamischen Generator erfunden und damit die fast magisch anmutende Verwandlung von Wasser in Strom möglich gemacht. Man musste kein besonders innovativer Unternehmer sein, um ein zukunftsträchtiges Geschäft in der Nutzbarmachung der Wasserkraft zu wittern. Der wilde Lech und seine tosenden Schmelzwässerstürze klimperten wie Gold in den Ohren der Investoren. Es wurden erste Grundstücke und Konzessionen gekauft, die Aktiengesellschaft Bayerische Wasserkraftwerke, die Bawag, gegründet. Doch die beiden Weltkriege bremsten die Pläne aus, die Lechauen samt landwirtschaftlicher Flächen und Dörfer zu fluten. Keiner der Bauern, die das fruchtbare Land besiedelten, konnte sich vorstellen, was in den Fünfziger dann Wirklichkeit wurde. Plötzlich standen Männer mit großen schwarzen Aktentaschen in den spartanischen Stuben und breiteten Pläne aus. Nannten Beträge, forderten Unterschriften sowie Verschwiegenheit und drohten ungerührt mit Enteignung. Manch einer wollte es bis zuletzt nicht wahrhaben. So, wie der Müller des Weilers Forggen, der den anstehenden Untergang seines Anwesens samt Mühle aus dem siebzehnten Jahrhundert einfach verdrängte. Noch im Jahr des Aufstauens baute er einen neuen Stall, dessen Fundament heute neben den baulichen Resten der Forggenmühle auf dem Seegrund liegt.

          Die Geschichte vom versunkenen Dorf

          Und: Wir finden den Ort. Nein, nicht wir – die Kinder finden ihn. Aufgeregtes Fuchteln von kurzen Armen. Atemlose Versuche, das Entdeckte zu schildern. Ein Loch sei da hinten, nein, eine Schatzkammer, also auf jeden Fall eine Höhle. Tatsächlich sehen wir das halb im angeschwemmten Material versunkene Tonnengewölbe der Forggenmühle. Im weiteren Umkreis entdecken wir die Ruinen anderer Gutshäuser und Gehöfte. Zersprungene Dachziegelsplitter liegen wie Schorfreste um die zerfallenen Behausungen herum und bezeugen auch dort, wo das Wasser die Grundsteine fast gänzlich zum Verschwinden gebracht hat, rostrot ihren Verbleib. An die fünfzig Gebäude fielen dem Stausee zum Opfer, zweihundert Menschen siedelten zwischen 1950 und 1954 um. Hima und Nepomuk quittieren den Hinweis mit nachdenklichem Schweigen, stecken andächtig ein paar rote Scherben in ihre Hosentaschen und trollen sich.

          Gäbe es nicht den See, es gäbe doch den Fluss - so fräst sich der Lech nun eben durch eine weite Ebene aus Schlamm, Geröll und getrocknetem Lehm, der aussieht wie die Schuppenhaut einer urzeitlichen Echse.

          Ich stehe allein im alten, plangewaschenen Forggen, das so viel wie „bei den Föhren heißt“ und dem See seinen Namen gegeben hat, und hänge der alten Sage nach, von der der findige Füssener Historiker und Forggensee-Spezialist Magnus Peresson berichtet: Da die armen Bauern von Forggen und Deutenhausen lange bevor es den See gab, auf einigen Feldern neben dem Lech, „zwischen dem Dornigen Bühl und dem Scherenberg“, beim Mähen des Öfteren auf Gegenstände aus Metall und Scherben aus Glas stießen, deren Herkunft sich niemand erklären konnte, nahm man an, dass unter der Ackerkrume eine ganze Ortschaft liegen musste. Man begann sich die Geschichte vom versunkenen Dorf zu erzählen: Durch Hochmut und Geiz seien die Bewohner beim himmlischen Vater in Ungnade gefallen, sagte man, weshalb sich die Erde aufgetan habe und der gesamte Weiler versunken sei. So weit die Sage.

          Dann kam der See. Und während nun die Dörfer der Nachkommen der Geschichtenerzähler versanken, legte zu aller Überraschung das Wasser gleichzeitig das versunkene Dorf der Sage wieder frei: eine einsame Villa Rustica aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert nach Christus. Auch ihre Ruinen sind markiert durch einen roten Hof aus geborstenen Dachziegeln. Als ob unter Wasser das Chronologische der Zeitlichkeit verschwimmt, liegen die Überreste der Behausungen aus den verschiedenen Jahrhunderten nun alle auf einer Ebene. Das eine versunken, das andere emporgestiegen und eben noch beides mehrere Meter unter Wasser. Normalerweise.

          Arisla, Sisana, Cirata, Cereia und Enasina

          Dann ein Surren. In der Luft steht wie ein neugieriges Insekt eine kleine Drohne und zwinkert mir mit ihrem Kameraauge zu. Über das flache Land, gefolgt von einer kleinen Staubfahne, kommt ein Fotograf herangestapft. Den Kopf gesenkt, beide Hände an den Steuerungselementen starrt der Kopterpilot begeistert auf sein Display, ohne seine Augen nur ein einziges Mal zu heben. „Schauen Sie nur“, sagt er. Gebannt betrachte ich die bizarre Schönheit der Landschaft aus der Vogelperspektive. Wie eine silbrige Schlange windet sich der Lech durch ein in allen Erdtönen melierendes Gefilde. Rinnsale in verschiedenen Farben rahmen Inseln aus Lehm, durchädern den erdigen Urgrund, und alles erscheint aus der Senkrechten wie ein hochstilisiertes abstraktes Gemälde. Mannigfach durch Wasser, Wind und Sonne geformte Strukturen zieren in rhythmischer Gleichmäßigkeit die Außenhaut der Welt: Krusten wechseln sich ab mit Verschuppungen, ebenmäßige Flächen mit gekräuseltem Wasser, geometrische Spuren mit organischen Wucherungen. Mitten in einem der Luftbilder sind kleine, sich bewegende Pünktchen zu erkennen. Ein größerer, ruhiger und zwei kleinere, hüpfend. Nepomuk und Hima haben jemanden kennengelernt.

          Schon von weitem ist das Piepsen des Metalldetektors zu hören. „Das ist ein echter Schatzsucher“, quiekt Hima. Der Mann im grauen T-Shirt sondiert mit schwingenden Bewegungen den Boden. Auf meine Frage, warum er denn nicht auf dem Gebiet der Villa Rustica suche, wo doch damals die Bulldozer bei den vorbereitenden Planiermaßnahmen für den Aufstau die nur flach vergrabenen Urnen der Römer geköpft und deren Inhalt weit verteilt hätten, lächelt er. Nur abseits von alledem könne man mit etwas Glück legal Schätze bergen. Im selben Augenblick geht er in die Knie, zieht ein Grabemesser aus dem Halfter und beginnt den borkigen Boden aufzustechen. Mit ein paar Handgriffen befördert er eine Münze ans Tageslicht. Er strahlt. Den Kindern stehen die Münder offen. Dann jubeln sie. Als der Mann die Verkrustungen mit dem Fingernagel abkratzt, stellt sich heraus: kein Römergeld, aber auch kein langweiliger Euro. Nein, ein Pfennig von 1924. Immerhin. „Was ist ein Pfennig?“ fragt Nepomuk. „Bist du jetzt reich?“ Der Schatzsucher lacht. „Ja, um eine Geschichte.“

          In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verstopfte man die Illasbergschlucht mit einem Damm, um den Lech aufzustauen. In diesem Jahr zog man den Stöpsel.

          Wer den Pfennig wohl verloren hat? Das Stück Metall verknüpft sich sofort mit einem potentiellen Schicksal. Eine ganze Epoche faltet sich für einen Moment kaleidoskopisch auf. Wie es da wohl erst bei den Findern der römischen Bleietiketten gewesen sein mag: kleinen Schildern, darauf eingeritzt in Vulgärlatein die Namen der hier vor Jahrtausenden ansässigen Weberinnen, die ihre Stoffgebinde mit diesen Abzeichen versahen: Arisla, Sisana, Cirata, Cereia, Enasina. Die römische Militärstraße Via Claudia Augusta führte einst dort entlang, wo sich nun das Seebett ausbreitet.

          Normalerweise ein karibisch anmutendes Traumziel

          Wenn es den See nicht gäbe, das Wasser nicht zurückkäme, würde nach einiger Zeit eine Wiese wachsen und Bäume, Hecken, Gestrüpp. Vermutlich würden wiederum Straßen gebaut und Häuser. Aber das Wasser kommt ja wieder. Bloß wann? Die Frage stellen sich viele in der Region. Dass der See leer ist, ist nicht ungewöhnlich. Jeden Winter wird das Wasser abgelassen und erst zur Schneeschmelze im Frühsommer wieder aufgestaut. Das rege beschiffte Postkartenmotiv von eisblauem Gletscherwasser vor Märchenschloss gibt es nur von Juni bis Mitte Oktober. Danach wird abgestaut, bis im Januar der See den jährlichen Tiefstand erreicht. In der Regel verbergen dann Schnee und Eis die durchaus polarisierende Landschaft unter einem vornehm weißen Plumeau.

          Dieses Jahr allerdings hat der Kraftwerksbetreiber Uniper diejenigen, die im Sommer vom karibisch anmutenden Traumziel Forggensee finanziell abhängig sind, in Angst und Schrecken versetzt: Der Damm sei marode, vom Lech unterspült, müsse umfassend geprüft und saniert werden, bevor eine Vollstauung wieder möglich sei. So liegt der Seeboden nun bis auf Weiteres in der Sonne und gibt allen Blicken, die sich ihm zuwenden, seine Geheimnisse und Schönheit preis. Doch Schönheit liegt natürlich in den Augen des Betrachters. Das wusste und formulierte schon der altgriechische Flottenkommandant Thukydides und hätte den leeren See aufgrund seiner Profession wahrscheinlich genauso wenig goutiert wie die Forggensee-Schifffahrt nebst Segelvereinen, Fischern, Badestrandbewirtschaftern und Seecampingbetreibern. Man habe erst im März von Uniper erfahren, dass die Saison eklatant bedroht werde, heißt es. Deshalb habe man kaum eine Chance gehabt zu reagieren. Manche Hochzeitsfahrten seien schon abgesagt und viele spät informierte Seetouristen mit bereits gebuchten Zimmern irritiert bis verärgert. Er könne die Enttäuschung verstehen, und die finanziellen Einbußen vor allem für den Schifffahrtsbetrieb seien diesen Sommer immens, sagt Füssens Bürgermeister Paul Iacob. Es helfe aber nichts, die Sicherheit gehe natürlich vor, doch er hoffe darauf, dass der See, wenn auch mit Verspätung, dieses Jahr noch kommen werde. „Andererseits ist es auch eine einmalige Situation: der ausgelaufene Forggensee im Sommer – eine skurrile bis utopische Landschaft.“ Iacob gerät kurz in ein ehrliches Schwärmen und verweist auf die Führungen von Spezialist Magnus Peresson durch den leeren See. „Mit jedem Schritt entdeckt man dort unten die Vergangenheit.“

          Der meiste Unmut sitzt am Südende des Sees. Das Kraftwerk inklusive Damm am Nordende. Seitens Uniper argumentiert man mit der Bitte um Verständnis, einem immensen Sicherheitsrisiko, das nicht in Kauf genommen werden könne, der Beteuerung, die Sanierung schnellstmöglich voranzutreiben, und dem Angebot, die Wassersaison im Herbst zu verlängern. Ausgeschlossen sei es nicht, dass man dieses Jahr noch stauen könne, versprechen aber könne man zu diesem Zeitpunkt nichts.

          Das alttestamentarische Sintflut-Topos

          Peter Danner ist der Wasserbauingenieur der Uniper. Er ist als Bauleiter der Maßnahmen vor Ort eingesetzt und gibt bereitwillig Auskunft über die Arbeit am Staudamm. Gerade sei man dabei, Bohrkerne zu gewinnen, die Aufschluss über die komplexe Positionierung der verschiedenen Felsschichten geben können. Denn dort, bis zu achtzig Meter tief unter der lehmkernigen Dammkrone, lagere sich das Gestein unterschiedlicher Dichte nicht waagrecht, sondern senkrecht ab und auch noch in Fließrichtung des Wassers. Manch eine Schicht sei poröser als die andere und daher über die Jahre ausgespült worden. So etwas hatte der Lech am Ende der Würmeiszeit ja schon einmal vollbracht. Ohne Damm kein See. Darum werde man Beton injizieren, um dem wilden Fluss dort unten Einhalt zu gebieten, und auch den Damm selbst mit einer stabilen Betonwand als Herzstück im Inneren befestigen.

          Im Sommer ist der Forggensee eigentlich Traumziel und Touristenmagnet.

          Eine schwere Spezialmaschine wird anrücken, und man hatte großes Glück, dass ein Exemplar samt Experten davon so schnell verfügbar war. Es gibt davon nur eine Handvoll weltweit. Wenn Danner über die Erkundungen im Felsinneren und die diffizilen Maßnahmen spricht, ähnelt er in seiner Leidenschaft dem begeisterten Sondengänger. Auch hier am Damm, dem Geburtsmoment des Sees, geht man den Dingen auf den Grund, Versunkenes wird sichtbar und fordert zur Auseinandersetzung heraus.

          Ach, dann dauert es eben noch, denken wir und genießen die ziellose Wanderung über die nackte Erde, die sich durch den ständigen Ab- und Anstau weder einen Pelz aus Über- noch Unterwasserflora zulegen kann und deshalb in ihrem puren Sosein unter unseren Sohlen liegt. Irgendwann ziehen wir die Schuhe aus. Schweigend marschieren wir weiter, selten waren die Kleinen bei einem Ausflug so konzentriert und bedacht. Aber auch all die anderen Menschen, die sich hier herunter trauen, Wanderer, Radfahrer, Reiter strahlen eine selten beobachtete Andächtigkeit aus. Vermutlich berührt dieser ephemere, vergängliche Raum etwas Archaisches in den Menschen, das sie aufmerksamer werden lässt, als wenn sie unterwegs sind auf Boden mit bekanntem Reglement. Hier hat der Mensch durch sein Einwirken die Schöpfung umgekehrt. Sich die Erde untertan gemacht, indem das alttestamentarische Sintflut-Topos Wirklichkeit wurde. Und jetzt liegt im strahlenden Sonnenschein eine urzeitliche Landschaft vor uns, die hauptsächlich durch die vier basalen Elemente ihre Formung erfährt. Prä-vegetativ. Vor dem Leben. Ein Zustand, der berührt und auch verunsichert. Denn hier gibt es keine Regeln, keine Anleitung und nur wenig Strukturen, die einem vorgeben, wie man sich zu verhalten hat. Wo kann man gefahrlos laufen? Ist es überhaupt gefährlich? Darf man hier überhaupt sein?

          „Sind wir im Traum, oder ist das jetzt wirklich?“

          Man ist gezwungen, sich zur Landschaft zu verhalten, sich auf seine Sinne zu verlassen. Plötzlich bleibt Hima stehen. „Es donnert.“ Wir schauen zum Himmel. Keine Wolke zu sehen. Nur die Sonne und der Wind. Und doch ist ein Rumoren und Grollen nicht zu überhören. Die Ursache: Vor uns liegt nur noch dreißig Meter entfernt die lehmige Abbruchkante, darunter fräst sich der Lech durch den weichen Seegrund. Dann und wann bricht ein mannsgroßes Stück Boden ab und versinkt in den Fluten. Vorsichtig nähern wir uns. Wir achten auf Risse, spüren Erschütterungen, dann liegt der wilde Lech vor uns. Milchkaffeebraun und mit rasanter Geschwindigkeit nimmt er sich Raum. Darüber thront Neuschwanstein.

          „Sind wir im Traum, oder ist das jetzt wirklich?“ fragt Hima, das Mädchen, das noch nie am Meer war und deren Name dem Sanskritwort für Schnee synonym ist, während sie auf Gletscherwasser, Märchenschloss und das abbrechende Steilufer starrt. Nepomuk, benannt nach dem Schutzheiligen bei Hochwasser, steht daneben, schüttelt erst den Kopf, nickt dann unschlüssig, zuckt die Schultern, greift ihre Hand und nimmt es einfach hin, wie es ist.

          Führungen durch den leeren Forggensee mit Magnus Peresson vermittelt die Touristinformation Schwangau; dort ist auch dessen Buch „Der Forggensee – Bilder aus einer versunkenen Welt“ (mit P. Nasemann und G. Grieser) erhältlich; Tel. 08 36 2 / 81 98 0, E-Mail: info@schwangau.de.

           

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