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Forggensee im Allgäu : Als habe jemand den Stöpsel gezogen

  • -Aktualisiert am

Wie eine Karawane in der Wüste: Zum Picknick dorthin, wo sonst die Fischlein schwimmen. Bild: Peter von Felbert

Der Forggensee im Allgäu ist Deutschlands größter Stausee. Doch zurzeit ist er leer – und wirkt wie eine Wüste, zu Füßen von Schloss Neuschwanstein. Eine Erkundungstour mit Kindern auf dem Grund des Sees.

          Wie ein zu Stein gewordenes Meer wogt das Gelände auf und ab und zerstiebt an den Rändern zu Gischt aus klickerndem Kies. Dort, wo sich keine Steine häufen, ist der Boden fest, aber federnd, zersprungen in abertausend ledrigbraune Schuppen, wie die Haut einer gewaltigen Urzeitechse. In den Senken liegen kleine Tümpel, und irgendwo, den Blicken entzogen, frisst sich ein Fluss mit entferntem Brausen durch den Grund. Am Horizont ein schmales grünes Vegetationsband, das die Ebene von einem plötzlich emporspringenden Gebirgsmassiv trennt. Auf halber Höhe, am Ausgang eines Trogtals: Schloss Neuschwanstein.

          Aufgewachsen zwischen den beiden oberbayerischen Vorzeigegewässern Tegernsee und Schliersee, hatte ich dem im Allgäu liegenden Forggensee nie wirklich Beachtung geschenkt. Ein weiteres „blaues Juwel am Alpenrand“ – nichts, was meine Neugierde weckte. Bisher. Jetzt ist das anders. Ausgerechnet jetzt: Der fünfzehn Quadratkilometer große See ist leer!

          Kurzerhand verlegen wir ein geplantes Picknick mit der besten Freundin meines fünfjährigen Sohnes vom heimischen Garten in die Terra incognita. Die Kinder sind Feuer und Flamme. Auf dem Grund eines Sees herumspazieren? Liegen da nun alle Fische herum? Kann man dort Schätze finden? Wo ist denn das Wasser überhaupt hin, und kommt es je wieder? Sofort entbrennt unter den Kindern eine heiße Diskussion. Während mein Sohn Nepomuk eher physikalische Vermutungen wie „alles weggedampft“ oder „jemand hat wohl den Stöpsel gezogen“ anstellt, tippt seine Freundin Hima auf den Einfluss von Magie.

          Was versunken war, darf wieder ans Licht

          Wie sich herausstellt, haben beide irgendwie recht. Denn: Der Forggensee ist nicht natürlich, sondern Deutschlands größter Stausee. Die hundertsechzig Millionen Liter aquamarin blinkender Fluten, die sich dem Märchenschloss Neuschwanstein zu Füßen legen, als hätte König Ludwig natürlich und vor allem wegen des Sees seinen Architektur gewordenen Knabenmorgenblütentraum genau dort plaziert, diesen See gibt es überhaupt erst seit vierundsechzig Jahren. Der König hat ihn nie gesehen. Er blickte auf eine satt grüne Auenlandschaft mit weiten, ebenen Feldern, durch die der wilde Lech mäanderte, wie es ihm gefiel.

          Sprung ohne Platscher

          Ob dem König bewusst war, was für Geo- und Glaziologen unserer Tage offensichtlich ist, ist fraglich: Denn die „herrliche Aussicht weithin in die Ebene“ (Ludwig II. an Richard Wagner 1868) war selbst wiederum die Aussicht auf den Grund eines ausgetrockeneten Sees. Die ganze Landschaft lag nach heutigen Erkenntnissen während der letzten Eiszeit vor dreißigtausend Jahren unter der mindestens fünfhundert Meter dicken Eisschicht des Lechgletschers. Nur die Spitzen der höchsten Gipfel, wie des Säulings und des Tegelbergs, ragten ein kleines Stückchen daraus hervor. Gigantische Zungen aus Eis schrammten an Felsen entlang und räumten Geschiebe beiseite. Lässt man den Blick schweifen, erkennt man, auch ohne ein Spezialist zu sein, die runden, walfisch- oder tropfenförmigen Hügel – die „Drumlins“ –, die die Fließrichtung des Gletschers belegen. Als es der letzten Eiszeit zu warm wurde, formte das Schmelzwasser den großen Bruder des Forggensees, den riesigen Füssener See, der quasi das gesamte Talbecken bedeckte – bis sich schließlich der Lech durch den weichen Molasserücken des Illasbergs, zwölf Kilometer nördlich vom heutigen Füssen, fraß und den späteiszeitlichen See entleerte. Übrig blieb der wilde Fluss und eine „herrliche Aussicht weithin in die Ebene“. Bis, ja bis man in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Illasbergschlucht mit einem Damm verstopfte, um den Lech erneut zu einem, wenn auch etwas kleineren See aufzustauen. In diesem Jahr zog man den Stöpsel. Was versunken war, darf wieder ans Licht.

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