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Forggensee im Allgäu : Als habe jemand den Stöpsel gezogen

  • -Aktualisiert am
Im Sommer ist der Forggensee eigentlich Traumziel und Touristenmagnet.

Eine schwere Spezialmaschine wird anrücken, und man hatte großes Glück, dass ein Exemplar samt Experten davon so schnell verfügbar war. Es gibt davon nur eine Handvoll weltweit. Wenn Danner über die Erkundungen im Felsinneren und die diffizilen Maßnahmen spricht, ähnelt er in seiner Leidenschaft dem begeisterten Sondengänger. Auch hier am Damm, dem Geburtsmoment des Sees, geht man den Dingen auf den Grund, Versunkenes wird sichtbar und fordert zur Auseinandersetzung heraus.

Ach, dann dauert es eben noch, denken wir und genießen die ziellose Wanderung über die nackte Erde, die sich durch den ständigen Ab- und Anstau weder einen Pelz aus Über- noch Unterwasserflora zulegen kann und deshalb in ihrem puren Sosein unter unseren Sohlen liegt. Irgendwann ziehen wir die Schuhe aus. Schweigend marschieren wir weiter, selten waren die Kleinen bei einem Ausflug so konzentriert und bedacht. Aber auch all die anderen Menschen, die sich hier herunter trauen, Wanderer, Radfahrer, Reiter strahlen eine selten beobachtete Andächtigkeit aus. Vermutlich berührt dieser ephemere, vergängliche Raum etwas Archaisches in den Menschen, das sie aufmerksamer werden lässt, als wenn sie unterwegs sind auf Boden mit bekanntem Reglement. Hier hat der Mensch durch sein Einwirken die Schöpfung umgekehrt. Sich die Erde untertan gemacht, indem das alttestamentarische Sintflut-Topos Wirklichkeit wurde. Und jetzt liegt im strahlenden Sonnenschein eine urzeitliche Landschaft vor uns, die hauptsächlich durch die vier basalen Elemente ihre Formung erfährt. Prä-vegetativ. Vor dem Leben. Ein Zustand, der berührt und auch verunsichert. Denn hier gibt es keine Regeln, keine Anleitung und nur wenig Strukturen, die einem vorgeben, wie man sich zu verhalten hat. Wo kann man gefahrlos laufen? Ist es überhaupt gefährlich? Darf man hier überhaupt sein?

„Sind wir im Traum, oder ist das jetzt wirklich?“

Man ist gezwungen, sich zur Landschaft zu verhalten, sich auf seine Sinne zu verlassen. Plötzlich bleibt Hima stehen. „Es donnert.“ Wir schauen zum Himmel. Keine Wolke zu sehen. Nur die Sonne und der Wind. Und doch ist ein Rumoren und Grollen nicht zu überhören. Die Ursache: Vor uns liegt nur noch dreißig Meter entfernt die lehmige Abbruchkante, darunter fräst sich der Lech durch den weichen Seegrund. Dann und wann bricht ein mannsgroßes Stück Boden ab und versinkt in den Fluten. Vorsichtig nähern wir uns. Wir achten auf Risse, spüren Erschütterungen, dann liegt der wilde Lech vor uns. Milchkaffeebraun und mit rasanter Geschwindigkeit nimmt er sich Raum. Darüber thront Neuschwanstein.

„Sind wir im Traum, oder ist das jetzt wirklich?“ fragt Hima, das Mädchen, das noch nie am Meer war und deren Name dem Sanskritwort für Schnee synonym ist, während sie auf Gletscherwasser, Märchenschloss und das abbrechende Steilufer starrt. Nepomuk, benannt nach dem Schutzheiligen bei Hochwasser, steht daneben, schüttelt erst den Kopf, nickt dann unschlüssig, zuckt die Schultern, greift ihre Hand und nimmt es einfach hin, wie es ist.

Führungen durch den leeren Forggensee mit Magnus Peresson vermittelt die Touristinformation Schwangau; dort ist auch dessen Buch „Der Forggensee – Bilder aus einer versunkenen Welt“ (mit P. Nasemann und G. Grieser) erhältlich; Tel. 08 36 2 / 81 98 0, E-Mail: info@schwangau.de.

 

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