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Forggensee im Allgäu : Als habe jemand den Stöpsel gezogen

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Schon von weitem ist das Piepsen des Metalldetektors zu hören. „Das ist ein echter Schatzsucher“, quiekt Hima. Der Mann im grauen T-Shirt sondiert mit schwingenden Bewegungen den Boden. Auf meine Frage, warum er denn nicht auf dem Gebiet der Villa Rustica suche, wo doch damals die Bulldozer bei den vorbereitenden Planiermaßnahmen für den Aufstau die nur flach vergrabenen Urnen der Römer geköpft und deren Inhalt weit verteilt hätten, lächelt er. Nur abseits von alledem könne man mit etwas Glück legal Schätze bergen. Im selben Augenblick geht er in die Knie, zieht ein Grabemesser aus dem Halfter und beginnt den borkigen Boden aufzustechen. Mit ein paar Handgriffen befördert er eine Münze ans Tageslicht. Er strahlt. Den Kindern stehen die Münder offen. Dann jubeln sie. Als der Mann die Verkrustungen mit dem Fingernagel abkratzt, stellt sich heraus: kein Römergeld, aber auch kein langweiliger Euro. Nein, ein Pfennig von 1924. Immerhin. „Was ist ein Pfennig?“ fragt Nepomuk. „Bist du jetzt reich?“ Der Schatzsucher lacht. „Ja, um eine Geschichte.“

In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verstopfte man die Illasbergschlucht mit einem Damm, um den Lech aufzustauen. In diesem Jahr zog man den Stöpsel.

Wer den Pfennig wohl verloren hat? Das Stück Metall verknüpft sich sofort mit einem potentiellen Schicksal. Eine ganze Epoche faltet sich für einen Moment kaleidoskopisch auf. Wie es da wohl erst bei den Findern der römischen Bleietiketten gewesen sein mag: kleinen Schildern, darauf eingeritzt in Vulgärlatein die Namen der hier vor Jahrtausenden ansässigen Weberinnen, die ihre Stoffgebinde mit diesen Abzeichen versahen: Arisla, Sisana, Cirata, Cereia, Enasina. Die römische Militärstraße Via Claudia Augusta führte einst dort entlang, wo sich nun das Seebett ausbreitet.

Normalerweise ein karibisch anmutendes Traumziel

Wenn es den See nicht gäbe, das Wasser nicht zurückkäme, würde nach einiger Zeit eine Wiese wachsen und Bäume, Hecken, Gestrüpp. Vermutlich würden wiederum Straßen gebaut und Häuser. Aber das Wasser kommt ja wieder. Bloß wann? Die Frage stellen sich viele in der Region. Dass der See leer ist, ist nicht ungewöhnlich. Jeden Winter wird das Wasser abgelassen und erst zur Schneeschmelze im Frühsommer wieder aufgestaut. Das rege beschiffte Postkartenmotiv von eisblauem Gletscherwasser vor Märchenschloss gibt es nur von Juni bis Mitte Oktober. Danach wird abgestaut, bis im Januar der See den jährlichen Tiefstand erreicht. In der Regel verbergen dann Schnee und Eis die durchaus polarisierende Landschaft unter einem vornehm weißen Plumeau.

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