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Forggensee im Allgäu : Als habe jemand den Stöpsel gezogen

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Die Geschichte vom versunkenen Dorf

Und: Wir finden den Ort. Nein, nicht wir – die Kinder finden ihn. Aufgeregtes Fuchteln von kurzen Armen. Atemlose Versuche, das Entdeckte zu schildern. Ein Loch sei da hinten, nein, eine Schatzkammer, also auf jeden Fall eine Höhle. Tatsächlich sehen wir das halb im angeschwemmten Material versunkene Tonnengewölbe der Forggenmühle. Im weiteren Umkreis entdecken wir die Ruinen anderer Gutshäuser und Gehöfte. Zersprungene Dachziegelsplitter liegen wie Schorfreste um die zerfallenen Behausungen herum und bezeugen auch dort, wo das Wasser die Grundsteine fast gänzlich zum Verschwinden gebracht hat, rostrot ihren Verbleib. An die fünfzig Gebäude fielen dem Stausee zum Opfer, zweihundert Menschen siedelten zwischen 1950 und 1954 um. Hima und Nepomuk quittieren den Hinweis mit nachdenklichem Schweigen, stecken andächtig ein paar rote Scherben in ihre Hosentaschen und trollen sich.

Gäbe es nicht den See, es gäbe doch den Fluss - so fräst sich der Lech nun eben durch eine weite Ebene aus Schlamm, Geröll und getrocknetem Lehm, der aussieht wie die Schuppenhaut einer urzeitlichen Echse.

Ich stehe allein im alten, plangewaschenen Forggen, das so viel wie „bei den Föhren heißt“ und dem See seinen Namen gegeben hat, und hänge der alten Sage nach, von der der findige Füssener Historiker und Forggensee-Spezialist Magnus Peresson berichtet: Da die armen Bauern von Forggen und Deutenhausen lange bevor es den See gab, auf einigen Feldern neben dem Lech, „zwischen dem Dornigen Bühl und dem Scherenberg“, beim Mähen des Öfteren auf Gegenstände aus Metall und Scherben aus Glas stießen, deren Herkunft sich niemand erklären konnte, nahm man an, dass unter der Ackerkrume eine ganze Ortschaft liegen musste. Man begann sich die Geschichte vom versunkenen Dorf zu erzählen: Durch Hochmut und Geiz seien die Bewohner beim himmlischen Vater in Ungnade gefallen, sagte man, weshalb sich die Erde aufgetan habe und der gesamte Weiler versunken sei. So weit die Sage.

Dann kam der See. Und während nun die Dörfer der Nachkommen der Geschichtenerzähler versanken, legte zu aller Überraschung das Wasser gleichzeitig das versunkene Dorf der Sage wieder frei: eine einsame Villa Rustica aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert nach Christus. Auch ihre Ruinen sind markiert durch einen roten Hof aus geborstenen Dachziegeln. Als ob unter Wasser das Chronologische der Zeitlichkeit verschwimmt, liegen die Überreste der Behausungen aus den verschiedenen Jahrhunderten nun alle auf einer Ebene. Das eine versunken, das andere emporgestiegen und eben noch beides mehrere Meter unter Wasser. Normalerweise.

Arisla, Sisana, Cirata, Cereia und Enasina

Dann ein Surren. In der Luft steht wie ein neugieriges Insekt eine kleine Drohne und zwinkert mir mit ihrem Kameraauge zu. Über das flache Land, gefolgt von einer kleinen Staubfahne, kommt ein Fotograf herangestapft. Den Kopf gesenkt, beide Hände an den Steuerungselementen starrt der Kopterpilot begeistert auf sein Display, ohne seine Augen nur ein einziges Mal zu heben. „Schauen Sie nur“, sagt er. Gebannt betrachte ich die bizarre Schönheit der Landschaft aus der Vogelperspektive. Wie eine silbrige Schlange windet sich der Lech durch ein in allen Erdtönen melierendes Gefilde. Rinnsale in verschiedenen Farben rahmen Inseln aus Lehm, durchädern den erdigen Urgrund, und alles erscheint aus der Senkrechten wie ein hochstilisiertes abstraktes Gemälde. Mannigfach durch Wasser, Wind und Sonne geformte Strukturen zieren in rhythmischer Gleichmäßigkeit die Außenhaut der Welt: Krusten wechseln sich ab mit Verschuppungen, ebenmäßige Flächen mit gekräuseltem Wasser, geometrische Spuren mit organischen Wucherungen. Mitten in einem der Luftbilder sind kleine, sich bewegende Pünktchen zu erkennen. Ein größerer, ruhiger und zwei kleinere, hüpfend. Nepomuk und Hima haben jemanden kennengelernt.

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