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Forggensee im Allgäu : Als habe jemand den Stöpsel gezogen

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Das pulverbeschichtete, faltbare Stahlrohrgestänge des High-End-Bollerwagens ächzt unter der Last unseres Proviants. Eisern umklammere ich die Deichsel mit den Händen und stemme mich mit beiden Fersen fest in den steinigen Untergrund. Geröll rieselt unter mir hinweg. Fieberhaft kämpfen zwei Paar Kinderhände darum, die Reifen unseres Gefährts aus einer Verkeilung am Steilhang der Kiesdüne zu befreien. Der Wagen kippt bedrohlich, ich gerate ins Rutschen, doch genau im letzten Moment, bevor unser Treck in den mit Schlick gefüllten Graben stürzt, löst sich das Rad. Mit drei letzten, kräftigen Zügen hiefen wir unser Hab und Gut auf den Kamm. Oben angekommen, verschlägt uns der Anblick den Atem.

Männer mit schwarzen Aktentaschen in spartanischen Stuben

Vor uns liegt eine geheimnisvolle Geröllwüstenlandschaft. Klüfte lassen sich erahnen, weißgebleichte Baumstumpfreste krallen sich in den Untergrund wie gespenstische, erstarrte Spinnentiere. So neu, so ungewohnt ist es in unseren Breiten, dass der Blick derart ungehindert und weit die nackte Erde betasten kann, dass selbst die beiden Fünfjährigen in ehrfürchtiges Schauen verfallen. Die bizarren Formen, die sich allenorts abzeichnen, und die augenscheinliche Möglichkeit, dieses wilde unentdeckte Land auf völlig eigenen Wegen zu durchmessen und zu erkunden, lösen einen unbändigen Entdeckerdrang aus. So müssen sich die Pioniere und Siedler gefühlt haben, als sie durch die Great Plains in den Westen Amerikas aufbrachen.

Die Menschen, die sich hier herunter trauen - Wanderer, Radfahrer, Reiter - strahlen eine selten beobachtete Andächtigkeit aus.

Nach dem Moment der gebannten Faszination stürmen die Kinder los. Auch mich packt die Lust, es ihnen gleichzutun, mit ausgebreiteten Armen einfach loszurennen und durch den ungehindert wehenden Wind zu tauchen, wo sonst meterhoch das Wasser steht. Zwischen zwei Tümpeln, in einer geschützten Senke, schlagen wir unser Lager auf, öffnen unsere Proviantboxen. Doch der Hunger der Kinder nach Entdeckungen übersteigt den nach Grillwurst. Sie stochern mit Schwemmholz im Morast, drehen Steine um, untersuchen die alten Baumstümpfe und vermuten hinter allem ein Geheimnis. Womit sie gar nicht so unrecht haben. Denn der See tat zweierlei: Während einerseits ganze Dörfer darin versanken, legten die Fluten andere, längst vergessene Spuren der Zivilisation überhaupt erst wieder frei.

Lange Jahre wollte es niemand so recht glauben. Dass der See komme. Und er ließ ja auch auf sich warten. Das erste Interesse an der Kraft des Lechs zeigte man bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Werner von Siemens hatte den elektrodynamischen Generator erfunden und damit die fast magisch anmutende Verwandlung von Wasser in Strom möglich gemacht. Man musste kein besonders innovativer Unternehmer sein, um ein zukunftsträchtiges Geschäft in der Nutzbarmachung der Wasserkraft zu wittern. Der wilde Lech und seine tosenden Schmelzwässerstürze klimperten wie Gold in den Ohren der Investoren. Es wurden erste Grundstücke und Konzessionen gekauft, die Aktiengesellschaft Bayerische Wasserkraftwerke, die Bawag, gegründet. Doch die beiden Weltkriege bremsten die Pläne aus, die Lechauen samt landwirtschaftlicher Flächen und Dörfer zu fluten. Keiner der Bauern, die das fruchtbare Land besiedelten, konnte sich vorstellen, was in den Fünfziger dann Wirklichkeit wurde. Plötzlich standen Männer mit großen schwarzen Aktentaschen in den spartanischen Stuben und breiteten Pläne aus. Nannten Beträge, forderten Unterschriften sowie Verschwiegenheit und drohten ungerührt mit Enteignung. Manch einer wollte es bis zuletzt nicht wahrhaben. So, wie der Müller des Weilers Forggen, der den anstehenden Untergang seines Anwesens samt Mühle aus dem siebzehnten Jahrhundert einfach verdrängte. Noch im Jahr des Aufstauens baute er einen neuen Stall, dessen Fundament heute neben den baulichen Resten der Forggenmühle auf dem Seegrund liegt.

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