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Deutschlands ältester Findling : Energie, die aus der Tiefe strahlt

  • -Aktualisiert am

Fettes Ding: Deutschlands ältester Findling Bild: Bernd Schiller

Nach einer langen Reise in der Eiszeit ist Deutschlands ältester Findling in Hamburg heute Treffpunkt für Gurus, Verliebte und Geologen.

          Der alte Mann legt Rucksack, Hemd und Hose ab. Dann lehnt er sich, nur mit knappster Badehose bekleidet, mit dem Rücken an den gewaltigen Felsbrocken, hebt die Arme wie zum Sonnengruß und atmet tief ein und aus. Nach fünf Minuten dreht er sich mit dem Gesicht zum Koloss und wiederholt die Zeremonie. Später wird er uns erklären, dass er fast jeden Tag Energie aus dem Stein am Elbufer zieht, ganz viel positive Energie aus einem Stein, dessen Alter von Experten auf 1,8 Milliarden Jahre geschätzt wird.

          Es war ein sonniger, aber kühler Tag Mitte September 1999, als die Schaufeln des Kettenbaggers „Titan“ beim Ausbaggern der Elbe auf heftigen Widerstand stießen. Kurzes Rätselraten, aber eine Bombe, wie sie immer wieder mal aus der Elbe geholt wird, konnte es nicht sein, die hätten ihre Eimer mit nach oben befördert. Und für das Wrack eines vor langer Zeit abgesoffenen Kutters war das Ding dort unten zu groß. Taucher und nach ihnen die Geologen fanden bald heraus, dass es sich um einen gewaltigen Findling handelte, einen für die Bücher der Rekorde, aber eben auch für spirituelle Spökenkieker, wie die zumeist nüchtern eingestellten Hanseaten esoterische Sinnsucher nennen.

          Während alle anderen Großfindlinge mit den Gletschern der Weichsel-und Saale-Eiszeit in den Norden Deutschlands gekommen waren, hat sich Hamburgs Fels schon viel früher auf den Weg durch die heutige Ostsee-Senke gemacht.

          Einen Monat nach der ersten Begegnung mit dem Stein setzte ein Schwimmkran den Giganten, viereinhalb Meter hoch, fast zwanzig Meter im Umfang, im zweiten Anlauf auf den Strand, Tausende waren Zeuge des Spektakels. Und im Sommer darauf kamen noch mehr Zuschauer, diesmal zur feierlichen Taufe. Inzwischen wusste man, dass der Koloss seinen Ursprung in Südschweden haben musste, von Grauem Växjö-Granit sprachen fortan die Fachleute, vom Alten Schweden die stolzen Hamburger. Hatten sie nicht gleich auf gut Norddeutsch gestaunt: „Alter Schwede, was für ein Koloss...!“ Der Name war also schnell konsensfähig. Aber alles musste seine Ordnung haben, weshalb er am 6. Juni 2000 ganz offiziell mit Elbwasser getauft und eingebürgert wurde: Großer Bahnhof mit Senatorin Krista Sager, einer beliebten grünen Politikerin, damals Zweite Bürgermeisterin der Hansestadt, dem schwedischen Generalkonsul sowie dem Pastor der schwedischen Seemannskirche.

          „Da saß ich gut, gar manchen Sommernachmittag“

          Welchen Weg dieser älteste Findling des Landes in grauer Vorzeit nach Süden genommen hat, lässt sich nur vermuten. Während alle anderen Großfindlinge mit den Gletschern der Weichsel-und Saale-Eiszeit in den Norden Deutschlands gekommen waren, hat sich Hamburgs Fels schon viel früher, während der sogenannten Elster-Kaltzeit, auf den Weg durch die heutige Ostsee-Senke gemacht. Mineralien belegen seine Herkunft oder doch zumindest seine Zugehörigkeit zu Graniten, wie sie bis heute für Ostsmåland charakteristisch sind. In seinen Ecken, Kanten und Mulden haben sich typische rauhe Oberflächen erhalten. Alle Vorsprünge hingegen sind glattpoliert vom Eis der Urzeit, als sei der Alte Schwede gerade durch die Waschanlage gezogen worden.

          Die Hamburger haben ihren dicken Brocken schnell liebgewonnen. Längst genießt er Kultstatus. Nicht zuletzt wurde er ein Treffpunkt der Verliebten. In seinem Schatten wird geturtelt, jedoch auch ausgeknobelt, wer eine neue Runde Bier von nebenan holt, und es werden reichlich Selfies abgesetzt, mit dem Koloss im Hintergrund und, wenn es passt, zudem einem dicken Pott auf der Elbe. Wie fast alles in Hamburg und erst recht hier an der Elbe sanftem Strand, hat die bewährte Mischung aus Liebelei und Fernweh Tradition. Heinrich Heine hat hier einst vor sich hin geträumt: „Da saß ich gut, gar manchen Sommernachmittag“.

          Der Gigant ist viereinhalb Meter hoch und misst fast zwanzig Meter im Umfang.

          Es wird spät. Die Flut ist aufgekommen, manchmal schwimmen Schweinswale aus der Nordsee auf ihren Wellen bis vor die Elbphilharmonie. Aber vor allem reiten die großen Schiffe mit dem Hochwasser in den Hafen hinein. Mütter rufen ihre Kinder aus dem Wasser und rubbeln sie trocken. Zwei junge Männer versuchen noch mit etwas Bouldern am Alten Schweden ihren Mädchen zu imponieren, erfolglos, sie rutschen ab, das Eis von damals zeigt seine Wirkung.

          Der Alte, den sie hier den Guru nennen, hat sich wieder angezogen, seine Batterie, gespeist aus der Kraft von Jahrmillionen und dem schwedischen Granit aus der Tiefe, ist aufgeladen. Bis morgen wenigstens.

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