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Deutschlandreise in Coronazeit : Auf nach Neustadt! Aber in welches?

  • -Aktualisiert am

Neustadt, die Erste: Neustadt in Holstein. Bild: Christoph Moeskes

Wenn ein neuartiges Virus uns eine neue Urlaubsrealität beschert, wäre dann nicht Neustadt der passende Ferienort? Vor allem, weil es Neustadt im Norden, Osten, Westen und Süden unseres Landes gibt. Nichts wie hin.

          5 Min.

          Alles scheint neu in diesem Jahr: ein neuartiges Virus, neue Hygieneregeln, neue Hilfsprogramme, eine neue Demut, neue Schulden, neue Verschwörungen, neue Sitzabstände, neues Plexiglas, eine neue Realität. Man kann von Glück sagen, dass noch nicht vom Neuen Menschen die Rede ist, so sehr treibt uns die Eindämmung der Pandemie vor sich her. Das gute alte Neu, das der grellen Angebote und Ausrufezeichen hat derzeit ebenso wenig Platz wie die echten, aus Entdeckergeist und Wagemut gespeisten Innovationen.

          Wo alles so grundlegend neu sein soll in diesem Sommer, schien es uns höchste Zeit, nach Neustadt zu fahren. Wo sonst sollte man mit den Neuerungen der Gegenwart besser klarkommen als hier? Stellte sich nur die Frage: in welches Neustadt? 36 Städte, Gemeinden und Ortsteile namens Neustadt listet die Arbeitsgemeinschaft „Neustadt in Europa“ auf, 27 davon in Deutschland. Es herrscht akute Verwechslungsgefahr, da helfen auch Zusätze wie „an der Orla“, „an der Aisch“ und „an der Donau“ zunächst kaum weiter. Die Verwirrung wäre noch größer, stände auch das Neustadt von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg auf der Liste. Doch deren Wohnort existiert glücklicherweise nur auf trötenden CDs.

          Am Ende folgen wir der Empfehlung aus Hennig Venskes Hörspiel „Als die Autos rückwärts fuhren“ von 1977. „Neustadt im Schwarzwald, Neustadt am Rübenberge, Neustadt in Schleswig... -Holstein“, singt da ein durchgeknallter Schulchor im Erdkundeunterricht. So soll es sein, dahin fahren wir. Neustadt an der Weinstraße und Neustadt in Hessen nehmen wir auch mit, denn die liegen quasi auf dem Weg. Die fünf urbanen Novitäten sind natürlich in die richtige Reihenfolge gebracht: Wir wollen ja nicht rückwärts fahren.

          Auf nach Norden

          Die Autobahn von Berlin nach Hamburg dehnt sich wie ein schlaffes Gummiband. Wir lassen Neustadt an der Dosse liegen und mit ihm den legendären Ritter Kalebuz, Brandenburgs bekannteste Mumie. Der Mann verweste einfach nicht, nachdem man ihn 1702 in eine Gruft gebettet hatte. Für die rund 1000 Kilometer von der Ostsee bis in den Schwarzwald haben wir vier Tage veranschlagt. Da kann man nicht jedes Neustadt mitnehmen.

          Neustart in Neustadt, endlich! Deutschlands nördlichste liegt zwar nicht direkt am Meer, doch das macht nichts. Im Hafen haben Ausflugsboote mit flatternden Wimpeln festgemacht. Auf der Promenade stehen die Menschen mundgeschützt Schlange, um einen Platz in einem der Fischrestaurants zugewiesen zu bekommen. Ganz Ost-Holstein scheint unterwegs, Motorradfahrer, Fahrradfahrer, Autofahrer, sie alle zieht es zu den schmalen Stränden entlang der Lübecker Bucht. Es ist, als hätte man den Spanngurt gelöst für ein Frachtgut namens Naherholung. Wir machen uns auf zum Marktplatz, vorbei an Fahrschulen und Spielotheken.

          Neustadt, die Zweite: Neustadt am Rübenberge.

          Neustadt in Holstein wurde im selben Jahr wie Kiel gegründet: 1244. Damals brauchte man neue Handelsplätze für den Ostseeverkehr und das bäuerliche Hinterland. Eine Kirche, ein Marktplatz, ein paar gerade Straßen: Fertig war die „nova civitas“, die neue Stadt. Ähnlich verfuhr man auch anderswo.

          Fast alle deutschen Neustädte wurden im 12. und 13. Jahrhundert gegründet. Dank Privilegien wie dem Markt- und Schankrecht hatten sie eine herausgehobene Position im Umland. Für uns coronamüde Fischbrötchenesser hat das durchaus etwas Tröstliches: Das Neustadt von gestern ist die Altstadt von heute.

          Die allerdings sieht gar nicht so alt aus. Neustadts Marktplatz wirkt wie aus dem 19. Jahrhundert gefallen. In die Mitte hat neuerdings ein massiger runder Stein aufgeschlagen, aus dem ein sinkendes Dampfschiff herausragt. Es ist das Denkmal für die Opfer der „Cap Arcona“. Am 3. Mai 1945, kurz vor Kriegsende, griffen britische Bomber das vor der Küste liegende Schiff an. Sie glaubten, an Bord befänden sich deutsche Soldaten. Tatsächlich war der ehemalige Luxusdampfer mit KZ-Häftlingen gefüllt, die vor den Alliierten verborgen gehalten werden sollten. Die meisten der über 4000 Menschen kamen bei dem tragischen Angriff ums Leben.

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