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Deutschlandreise in Coronazeit : Auf nach Neustadt! Aber in welches?

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Vom Rübenberge zur Weinstraße

Am nächsten Morgen stehen wir früh auf. Heute geht’s zu Neustadts Schwestern in Niedersachsen und Hessen, eine Fahrt von 500 Kilometern. Das Radio spielt Neue Deutsche Welle, es folgen Nachrichten zu einem neuen Corona-Ausbruch in Göttingen. Gut, dass wir bald Neustadt erreicht haben. Das dottergelbe Ortseingangsschild kennen wir ja bereits, wenn auch nicht mit dem Zusatz „am Rübenberge“. Niemand weiß mit Sicherheit zu sagen, woher er kommt. Berge jedenfalls gibt es hier im Großraum Hannover nicht, und auch von Rüben ist in der kleinen Fußgängerzone Neustadts nichts zu sehen.

Neustadt, die Dritte: Neustadt an der Weinstraße.

Wir schwingen uns aufs mitgenommene Fahrrad und radeln zum Steinhuder Meer. Ganz Neustadt, ganz Garbsen, ganz Hannover scheint auf den Beinen. Die Uferwege sind heillos verstopft. Ab und an wacht gelangweilte Security über so etwas wie Sicherheitsabstand. Auf der spiegelglatten Wasseroberfläche ziehen Segler und Stand-Up-Paddler ihre Bahn, derweil die Kinder sich vergnügt im Uferschlamm wälzen. Richtig baden kann man im Steinhuder Meer nicht: Es ist im Durchschnitt nur 1,35 Meter tief.

Weiter nach Nordhessen. Die Autobahn wechselt ins Mittelgebirge, ins Land der Brüder Grimm, deren bahnbrechende „Kinder- und Hausmärchen“ aus den uralten Erzählungen der Menschen von hier schöpften. Heutzutage scheint man nicht ganz so mitteilsam. Hessens Neustadt wirkt wie eingefroren mit ihren Fachwerkhäusern und stillen Vorgärten. Fahrschulen auch hier, aber keine Spielotheken. Um den Junker-Hansen-Turm steht ein Baugerüst mit knisternder Folie. Der größte Fachwerkrundbau der Welt wird derzeit renoviert und ist dem Staunen der Neustadtbesucher somit komplett entzogen.

Neustadt, die Vierte: Neustadt in Hessen.

Wir gleiten weiter die deutsche Autobahn hinunter. Kurven. Beschleunigungsstreifen. Ein guter Moment, das Album „Autobahn“ von „Kraftwerk“ zu hören. Doch wir greifen lieber zum zweiten Album von „Neu!“, den anderen Elektropionieren aus Düsseldorf. Frankfurt. Fünf Spuren, sechs Spuren. Hochhäuser. Und ein leeres Flughafenkreuz.
Neustadt an der Weinstraße wäre mit seinen 53000 Einwohnern fast schon eine Großstadt, würden sich diese nicht in neun Ortsteile am Pfälzerwald verteilen. Überall finden sich familiengeführte Weingüter und Gastwirtschaften, so auch im Ortsteil Hambach, dessen schmucke Schlossstraße überdies die „Residenz der Pfälzischen Weinprinzessin Anja I.“ und den Krönungsort der „1. Pälzer Lewerworscht-Königin“ stellt, wie zwei Bronzeplaketten an den Häusern verkünden. Hundert Meter darüber thront das Hambacher Schloss, Schauplatz der ersten deutschen Demokratiebewegung. 1832 zogen an sechs Tagen insgesamt 25000 Menschen zum Schloss, um für umfassende politische Teilhabe und nationale Einheit zu demonstrieren. Weil derlei Veranstaltungen zu jener Zeit verboten waren, gab man das Ganze als Volksfest aus. Betrachtet man in der Schlossausstellung die zukunftsfrohen Bilder von damals, die schwarz-rot-goldenen Fahnen und die klugen Texte, wirken die heutigen Hygienedemos endgültig wie ein schlechtgelaunter Irrtum.

Finale am Titisee

Wir reisen weiter ins fünfte und letzte Neustadt. Mannheim und Karlsruhe lassen wir aus. Das sind ja keine Neustädte, das sind Planstädte des 17. und 18. Jahrhunderts. Mannheims Zentrum wurde damals in Quadrate geteilt, Karlsruhe als fächerförmige Siedlung ans Schloss des Markgrafen gelegt. Doch auch Neustadt im Schwarzwald ist nicht mehr das, was es einst war. 1971 wurde die Gemeinde vergrößert und in Titisee-Neustadt umbenannt.

Neustadt, die Fünfte: Titisee-Neustadt.

Dass sich das kleine Titisee so keck vor das alte Neustadt geschoben hat, war wohl auch dem Fremdenverkehr geschuldet, der damals im Hochschwarzwald neue Höchststände erreichte. Aber es ist ja auch zu schön an dem kristallklaren, von schweren, dunklen Wäldern eingefassten ehemaligen Gletschersee. Langsam füllen sich die Ausflugsboote wieder, brechen Wanderer zum Hochfirst, dem Hausberg Titisees, und nach Hinterzarten auf. Wir aber steigen aufs Fahrrad und radeln nach Neustadt. Wohin sonst? Manchmal muss man eben die alten Wege nehmen, um Deutschland ganz neu kennenzulernen.

Neustadt in Europa

Das Netzwerk „Neustadt in Europa“ wurde 1979 gegründet. Mittlerweile gehören ihm 36 Städte, Gemeinden und Ortsteile in Deutschland und sechs weiteren europäischen Ländern an. Ziel ist die Förderung des Fremdenverkehrs sowie die Förderung zwischenmenschlicher Beziehungen unter allen Neustädtern. Die Seite neustadt-in-europa.de gibt einen umfassenden Überblick über alle Neustadt-Destinationen.

Anreise Wer nicht mit dem Auto fahren möchte, kann die aufgeführten fünf Neustädte auch per Bahn gut erreichen. Die Fahrradmitnahme lohnt sich in jedem Fall. Mehr unter bahn.de

Unterkunft Herausragende Unterkünfte sind das Altstadthotel Treysa nahe Neustadt (Hessen) und das Kloster Neustadt an der Weinstraße. Mehr unter altstadthotel-treysa.de und kloster-neustadt.de.

 

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