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Deutschland : Beten in Beton

Wunder der Moderne: Der Mariendom von Neviges wurde 1968 von Gottfried Böhm entworfen und ist mit sechstausend Plätzen der zweitgrößte Kirchenbau des Erzbistums Köln. Bild: (c) Mark Wohlrab/ARTUR IMAGES

Jeder kennt den Kölner Dom. Aber Neviges? Pilgerfahrt zu einem der größten modernen Bauwunder Deutschlands

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          Beton hat keinen guten Ruf. Selbst der Werbeslogan der deutschen Zement- und Betonhersteller „Es kommt drauf an, was man draus macht“ klingt eher wie eine Entschuldigung und könnte auch eine Imagekampagne der Plutoniumindustrie oder der Hersteller von Stacheldraht sein. Überall auf der Welt wird die Betonmoderne abgerissen, die Stilrichtung „Brutalismus“, die vom französischen Wort für Rohbeton, „Béton brut“, kommt und im Französischen eher nach einem edel perlenden Champagner klingt, wird im Deutschen als moralisches Verdikt gelesen: die Brutalität, die den historischen Städten angetan wurde.

          Niklas Maak
          Redakteur im Feuilleton.

          Dabei ist eines der schönsten Gebäude Deutschlands ein brutalistisches Betongebirge, das Anfang der siebziger Jahre mitten in eine hinreißende Altstadt im Bergischen Land gestellt wurde und heute eines der beliebtesten Pilgerziele nicht nur für Katholiken, sondern auch für Architekten aus aller Welt ist: Der Mariendom von Neviges, mit sechstausend Plätzen der zweitgrößte Kirchenbau des Erzbistums Köln, taucht mal wie ein gigantisches Bergkristall, mal wie eine Stadt mit alten spitzen Giebeln und Türmen aus dem Morgennebel des Bergischen Landes auf, und dieser Effekt war gewünscht.

          Neviges, eine der ersten großen Kirchbauten nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, sollte eine neue Selbstsicht der katholischen Kirche in neuen Bauformen zum Ausdruck bringen. Nicht als exklusive Burg, die irgendwo außerhalb der Welt auf einem Berg steht, sondern als ein Zelt für das wandernde Volk „auf den Marktplätzen der Welt“ wollte die Kirche jetzt gesehen werden - also entwarf der 1920 in Offenbach geborene Gottfried Böhm, der später als erster deutscher Architekt mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde, 1968 genau das: eine Kirche als Marktplatz. Statt fester Bänke gibt es in seinem Dom Stühle, die herausgetragen werden können, dann sieht das Hauptschiff wie eine alte italienische Piazza aus, die Emporen wie die Fenster und Balkone einer alten Stadt. Sogar die Statik seines Doms war metaphorisch wertvoll: Bei der aufgehängten Betonkonstruktion stützen sich die kristallinen Wand- und Deckenelemente gegenseitig - was dem damals schon fast blinden, legendären Kölner Kardinal Frings, der das Modell abtastete, um den Entwurf zu begreifen, so gut gefiel, dass er Böhms Entwurf durchsetzte, obwohl er, weil zu unkonventionell, im Architekturwettbewerb nicht auf den ersten Platz gesetzt worden war.

          Futuristisch und uralt

          Wie bei Le Corbusiers Wallfahrtskirche von Ronchamp von 1955, wo die Betonskulptur an die Atmosphäre frühchristlicher Katakomben erinnert und das Sonnenlicht während der Morgenmesse durch einen unkonventionellen Schlitz fällt, als fände in diesem Moment die Verkündigung statt, setzt auch Böhm auf unmittelbare und heftige Überwältigung: Statt abstrakter Muster sind auf die Scheiben rote Rosen, das Symbol Mariens, gemalt. Das war, statt der verklemmten Abstraktion, die man sonst in der modernen Kirchenfenstermalerei fand, beste Pop-Art, im Sinne Warhols und im Sinne von „populär“: allen unmittelbar verständlich und umwerfend im Effekt. Wenn durch diese Fenster Licht in den Raum fällt, erglüht er glutrot, als erwache der graue Beton zum Leben, das Ganze wirkt dann wie ein Gemälde von Feininger oder eine expressionistische Filmkulisse aus Metropolis und verbindet das Futuristische mit dem Uralten: Und vielleicht ist das auch das Geheimnis, warum dieser Betonbau so beliebt ist auch bei denen, die gar keine Freunde der Moderne sind.

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