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Deutscher Schnee (1) : Weißer Rausch am Wurmberg

Da fühlt sich auch der Dilettant wohl: Der Wurmberg im Harz Bild: dpa

Braunlage im Harz schläft seit Jahrzehnten vor sich hin und träumt von einem florierenden Tourismus. Nun sollen es die Skifahrer richten – auch blutige Anfänger.

          7 Min.

          So lernen das die Kinder: Pizza und Pommes. Pizza und Pommes“, sagt Skilehrerin Teresa. Was für die Kinder gut ist, kann für uns ja nicht schlecht sein, denn wir alle stehen noch sehr unsicher auf den Brettern und wünschen uns Stöcke, aber erst mal müssen wir das freihändig lernen. Balance halten, unfallfrei um die Kurve kommen und Pizza und Pommes machen, also die Skier vorne spitz zusammen, dann wieder parallel. Bremsen und fahren. Es ist gut, zuerst einmal zu lernen, wie man bremst. Und steht, ohne aus Versehen loszufahren. Wie man absichtlich losfährt, lernen wir danach. Unser Grüppchen rutscht auf dem Idiotenhügel umher und fährt um die bunten Hindernisse herum, die lachende Tannenbäume und grinsende Pinguine zeigen. Noch grinst du, Pinguin, denke ich, noch hat dich keiner umgefahren! Ich wechsele von Pommes zu Pizza und belaste den Talski. Schon bin ich um die Kurve gefahren. Der Pinguin grinst. Geht noch ganz gut! Vielleicht ist dieses Skifahren doch ein bisschen wie Radfahren – einmal im Rückenmark, verlernt man es nicht mehr.

          Es ist ziemlich lange her, seit ich damals mit der Schule zur Skifreizeit nach Südtirol fuhr. Das war in der achten Klasse, und ich wurde gerade vierzehn. Ich erinnere mich daran, dass mir jemand einen Geburtstagskuchen gebacken hat und ihn mir morgens auf dem Alten Bornemann servierte. Das war das verhasste Latein-Lehrbuch, ein hoffnungslos überkommener Schinken, der mit dem schönen Satz „Dominus servum vocat“ begann, der Herr ruft den Sklaven, damit uns Schülern das mit der Klassengesellschaft auch möglichst früh klarwurde. Wir waren in einer Pension massenuntergebracht, die grauenvoll schlechtes Essen servierte, grüngraue, dünne Suppe, durch die man den Tellerboden sah, mit undefinierbaren Brocken darin. Klassenfahrten gingen immer mit Pampe einher.

          Laura dachte, in Deutschland könne jeder skifahren

          Ich erinnere mich aber auch daran, dass Skifahren im Gegensatz zu Handball, Geräteturnen und Leichtathletik keine Sportart des Grauens für mich war, bei der man gegen irgendwelche Holzbalken rennen musste, um in der schwitzigen Hilfestellung eines Sportlehrers zu landen und am Ende doch wieder irgendwo gegen das Gerät donnerte. Skifahren war in Ordnung. Ich war an der Luft, nicht in einer Turnhalle, die nach Bohnerwachs und Gummimatten stank, mit mir und den Brettern allein, konnte das Tempo weitgehend selbst bestimmen und musste niemanden dabei anfassen. Man bekam auch keine Bälle gegen den Kopf. Nur ab und zu fiel ich aus dem Lift. Skifahren war ganz in Ordnung, ich habe es danach nur nie wieder ausgeübt.

          Nun begab ich mich als Beinahe-Anfänger in die Hände von Teresa, einer Skilehrerin der Skischule Oberharz. Wir waren ein kleiner, leicht verfrorener Haufen Menschen, der sich am Morgen mit Leihski, Leihhelm und Leihschuhen an der Hexenritt-Alm einfand, gleich neben dem Idiotenhügel. Außer mir war noch eine Mädchengruppe aus Bremerhaven da. „Bestimmt werden wir jetzt alle zu den Kleinen gesteckt“, spekulierten sie. Aber dann kam noch ein holländisches Vater-Tochter-Gespann dazu, ein eigentlich nicht unsportlich aussehendes Pärchen, zwei Freundinnen um die fünfzig mit Langlauferfahrung, und Laura, die Apulierin aus Braunschweig, die bislang gedacht hatte, in Deutschland könne eh jeder Ski fahren. Eigentlich dachten wir das alle. Wir schauten uns an und waren erstaunt, dass wir Nicht-Skifahrer doch so viele sind.

          Pizza und Pommes – so kurvt man als Anfänger gemächlich den Waldweg hinunter.

          Niemand wird für unkoordiniertes Gefuchtel blöd angeschaut

          Für einen Beinahe-Anfänger wie mich ist das natürlich ideal. Ein kleines, etwas abseitiges Skigebiet voller Norddeutscher, Dänen und Holländer, die nicht alle schon auf Brettern auf die Welt gekommen sind und entsprechend wenig Gewese darum veranstalten. Niemand wird für unkoordiniertes Gefuchtel blöd angeschaut, es gibt praktisch keine ballermanneske Hüttenbespaßung. Gut, an der Wurstbude laufen Hüttenschlager, aber das war es auch schon. Alle wollen einfach nur ein Wochenende lang in Ruhe Ski fahren, zwischendurch etwas essen und sonst eigentlich nicht viel. Und dafür eignet sich der Wurmberg, immerhin der höchste Berg Niedersachsens, ziemlich gut. Die Mädels aus Bremerhaven brauchten dreieinhalb Stunden mit dem Auto, das kann man übers Wochenende schaffen.

          Über uns dreht sich der Anker-Schlepplift, links befördert der Sessellift die geübteren Fahrer bis ganz hinauf auf den Wurmberg. Daneben gibt es noch eine Seilbahn und zwei Tellerlifte. Alles ist noch ganz neu, denn erst vergangenes Jahr wurde das Skigebiet nach gründlichem Ausbau wiedereröffnet. Das Projekt trägt den ehrgeizigen Titel „Wurmberg 2015“, kostete acht Millionen Euro und ist die große Hoffnung des Städtchens Braunlage, eines reichlich verschlafenen Nests am Rande des Nationalparks Harz. Nur ein paar Kilometer sind es bis Sachsen-Anhalt, dort liegt die Gemeinde Oberharz mit den Ortsteilen Sorge und Elend.

          Wenn nichts mehr hilft, hilft Harzer Grubenlicht

          Seit der Wiedervereinigung ist die Gegend um Braunlage kein Zonenrandgebiet mehr und die damit verbundene Zonenrandförderung weggefallen. Dazu kommt, dass die wanderbegeisterten Harztouristen zu einem nicht geringen Teil an Braunlage vorbei in den Ostharz fahren, ins hübsch herausgeputzte Wernigerode zum Beispiel. Seitdem kränkelt der Tourismus, die Übernachtungen sind auf die Hälfte geschrumpft.

          Schaut man sich in Braunlage um, ist das kein Wunder. Man muss Orte mögen, in denen die Zeit stehengeblieben ist, sonst wird man hier nicht glücklich. Das Eisstadion ist ein trüber Betonklotz aus den Siebzigern, daneben, direkt in der Ortsmitte ein Loch aus Gras und Schotter, das den „Adventure-Golfpark Braunlage“ bildet. Einkaufen kann man Harz-Spezialitäten bei „Harz-Spezialitäten“, Krimskrams bei der „Kleinen Zauberwelt“ und bei „Adolf Junker Haushaltswaren“ alles, von dem man nicht mehr glaubte, dass es noch hergestellt wird. Die Gastronomie ist unspektakulär. Wenn nichts mehr hilft, helfen Harzer Grubenlicht und Schierker Feuerstein. Von der letztgenannten Spirituose wurde ich eindringlich gewarnt, man könne damit problemlos ganze Kontinente ausrotten. Vermutlich ist die Gegend hier deshalb so dünn besiedelt. Das Einzige, was wirklich floriert, ist die Wurmberg-Seilbahn. Sie war lange chronisch überlastet, bis sie im Jahr 2000 abgerissen und 2001 mit größeren Kabinen wiedereröffnet wurde. Jetzt schaufelt sie Stunde um Stunde Skifahrer und Wanderer aus dem Tal hinauf auf den Wurmberg.

          Busse voller Rentner, die punktuell ausgekippt und abgefüttert werden

          Dabei fällt es nicht schwer, das Potential der Gegend zu erkennen: Überall stehen ganz reizende, holzbeschindelte Villen herum, die aus der fernen Zeit stammen, als hier wohlhabende Kurgäste logierten. Nicht wenige von ihnen sind nette kleine Pensionen. Die Verklotzung mit Massenhotels hält sich weitgehend in Grenzen. Die Landschaft ist angenehm unverbaut, die Dörfchen haben Charme, und mit dem Oberharzer Wasserregal befindet sich eines der abseitigsten Weltkulturerbe in der Nähe, das jemals in die Liste der Vereinten Nationen aufgenommen wurde. Dennoch ist der Harz seit zwei, drei Jahrzehnten eher ein Ziel für Busse voller Rentner, die punktuell ausgekippt und abgefüttert werden und hässliche Hexensouvenirs kaufen. Und das ist eigentlich sehr schade.

          Lange hat es Braunlage mit dem sanften Tourismus versucht, allein, es half nichts. Wer kam, der kam zum Ski fahren. Und fortan sollen es möglichst immer mehr werden, die zum Ski fahren kommen, damit die Übernachtungszahlen wieder stimmen. Ganz unumstritten ist das Projekt „Wurmberg 2015“ allerdings nicht, denn dafür mussten eigens mehrere Flächen aus dem Naturschutzgebiet Oberharz herausgenommen werden. Bäume wurden gefällt und künstliche Seen auf der Bergkuppe angelegt, die als Vorratsbehälter für die Schneekanonen dienen. Seit vergangenem Winter werden die Pisten am Hexenritt künstlich beschneit, das sorgt für Schneesicherheit und verlängert die Saison. Dazu wurde ein großer, neuer Parkplatz für die Skigäste angelegt, der auch ziemlich gut belegt ist.

          Erstmal die Piste überqueren. Aber mit Teresas Hilfe klappt das schon!

          Um Himmels Willen – da runter?

          Nach zwei Stunden brennen uns ungeübten Neuskifahrern die Beine. Wir stellen die Ski vor die Hexenritt-Alm und humpeln mit den ungewohnt klobigen Skischuhen in die Gaststube. Auch hier ist alles noch ganz neu, und die Bedienung weiß das W-Lan-Passwort noch nicht auswendig. „Gibt’s erst seit gestern“, sagt sie. Ansonsten gibt es Salat, Schnitzel, Flammkuchen - vegetarisch oder mit Speck - und hausgemachten Kuchen. Ich lasse mich auf die Bank fallen, nehme den Helm vom Kopf und mache mich über einen Flammkuchen her, als hätte ich seit Tagen nichts zu essen bekommen.

          In einer Stunde geht es schon weiter. Nun hilft alles nichts mehr, wir müssen uns Karten für den Lift kaufen und uns mit dem Schleppanker auseinandersetzen. Ungläubig schauen wir die Piste hinauf: Um Himmels Willen – da runter? Nein, beruhigt uns Teresa, es gibt eine flachere Strecke durch den Wald. Jetzt müsse sie uns aber erst einmal verkaufen. Sie verteilt uns Anfänger am Lift so, dass jeder von uns einen geübteren Partner an der Seite hat. Ich lande neben einer Dame aus Polen, die selbst noch etwas wackelig auf den Brettern ist. „Muss man eben üben“, sagt sie. Sie macht keinen Kurs, das geht ihr zu langsam. Einfach immer hochfahren, herunterkommen, dann wird das schon. Sie strahlt den Optimismus aus, den ich jetzt brauchen kann.

          Am „Kaffeehorst“ ist alles egal

          Der Lift schleppt uns gemächlich zwischen den Bäumen hindurch, der Schnee ist gespickt mit Tannennadeln. Damals, bei der Schul-Skifreizeit in Südtirol, habe ich die Ankerlifte gehasst. Ständig bin ich herausgefallen und musste mich durch den Tiefschnee zur Piste zurück kämpfen. Hier geht es erstaunlicherweise gut. Ob es an mir liegt oder an dem Lift oder an den modernen Skiern, die keine langen, schweren Stahlmonster mehr sind, sondern schicke, leichte Carving-Ski, kann ich nicht sagen. Wir kommen beide oben an, lassen den Anker los und fahren nach links weg. Dann nur noch die Piste überqueren, und wir haben unsere Ruhe.

          Wir teilen uns den Waldweg mit Langläufern, Spaziergängern und Familien, die ihre Kinder im Schlitten hinter sich herziehen. Hier können wir ausprobieren, was wir außer Pizza und Pommes noch brauchen, um einen Hang hinunterzukommen. Wir hüpfen, bremsen, wenden, kurven vor uns hin. Ab und zu lassen wir einen Hund vorbei, dann kurven wir wieder. Ich habe Skifahren nicht so entspannt in Erinnerung, was aber vermutlich daran liegt, dass ich im Verbund mit dem Schulumfeld ungefähr gar nichts als entspannt in Erinnerung habe. Manchmal muss man erwachsen werden und ansatzweise souverän und hänselresistent, bis Dinge anfangen, einem Spaß zu machen. Dann guckt man nicht mehr darauf, was für eine Figur man macht, ob die Frisur sitzt und ob der Skianzug hip genug ist – damals eine zeitgemäße Scheußlichkeit im Knitterlook mit Graffittimuster, die man heute in besonders hedonistischen Vierteln Berlins wieder tragen könnte. Hier, am westlichen Hang des Wurmbergs, der den schönen Namen „Kaffeehorst“ trägt, ist all das egal.

          Die norddeutsche Art des Skifahrens

          Den Nachmittag verbringe ich damit, mit der apulischen Laura den Lift hinaufzufahren, bis wir beide den Bammel vor dem Anker verlieren, und mit Teresa und dem Rest der Gruppe den Waldweg hinunter zu kurven. Es hilft, dass die Liftschlangen nicht unendlich lang sind, innerhalb weniger Minuten hat man schon den Anker am Hintern. Nichts ist anstrengend, nichts nervt, kein Weg ist weit, keine Warterei stellt einen auf Geduldsproben. Diese norddeutsche Art des Skifahrens beginnt mich zu überzeugen. Und auch die wackeligsten unter uns gewinnen allmählich an Sicherheit. „Seht ihr“, sagt Teresa, „jetzt könnt ihr nach einem Tag schon Ski fahren.“

          Kurz nach drei kapitulieren wir. Ich habe keine Kraft mehr in den Beinen, und der Rest der Gruppe sieht auch schon etwas mitgenommen aus. Der holländische Papa hat sich vor einer Stunde in die Gastronomie abgeseilt. Das war auch ein langer Tag, sagt selbst unsere Skilehrerin, und dass wir jetzt bloß weitermachen sollen. Morgen wieder? Die beiden Langlauffreundinnen sind dabei. Ich leider nicht, aber ich befürchte ohnehin Schlimmstes in Sachen Muskelkater. Mein Sport wird darin bestehen, mit Koffer viermal umzusteigen, denn Braunlage hat keinen Bahnhof, und die Busverbindungen im Harz sind, vorsichtig ausgedrückt, spannend. Immerhin sieht man viel von der Gegend.

          Am Abend bin ich zu faul, das Hotel zu verlassen, und schleppe mich ins Restaurant im Erdgeschoss. Dort widme ich mich dem Verzehr eines riesigen Schnitzels mit Blaubeerschmand, wie man es in der Gegend üblicherweise mit einer angemessenen Menge Harzer Grubenlicht kombiniert. Die beiden Holländer sind auch da und grüßen mit erhobenem Messer. Nein, besonders groß ist der Skibetrieb hier wirklich nicht, man läuft sich dauernd über den Weg. Aber wer Trubel sucht, der soll halt in die Alpen fahren.

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