https://www.faz.net/-gxh-7yte4

Deutscher Schnee (1) : Weißer Rausch am Wurmberg

Da fühlt sich auch der Dilettant wohl: Der Wurmberg im Harz Bild: dpa

Braunlage im Harz schläft seit Jahrzehnten vor sich hin und träumt von einem florierenden Tourismus. Nun sollen es die Skifahrer richten – auch blutige Anfänger.

          So lernen das die Kinder: Pizza und Pommes. Pizza und Pommes“, sagt Skilehrerin Teresa. Was für die Kinder gut ist, kann für uns ja nicht schlecht sein, denn wir alle stehen noch sehr unsicher auf den Brettern und wünschen uns Stöcke, aber erst mal müssen wir das freihändig lernen. Balance halten, unfallfrei um die Kurve kommen und Pizza und Pommes machen, also die Skier vorne spitz zusammen, dann wieder parallel. Bremsen und fahren. Es ist gut, zuerst einmal zu lernen, wie man bremst. Und steht, ohne aus Versehen loszufahren. Wie man absichtlich losfährt, lernen wir danach. Unser Grüppchen rutscht auf dem Idiotenhügel umher und fährt um die bunten Hindernisse herum, die lachende Tannenbäume und grinsende Pinguine zeigen. Noch grinst du, Pinguin, denke ich, noch hat dich keiner umgefahren! Ich wechsele von Pommes zu Pizza und belaste den Talski. Schon bin ich um die Kurve gefahren. Der Pinguin grinst. Geht noch ganz gut! Vielleicht ist dieses Skifahren doch ein bisschen wie Radfahren – einmal im Rückenmark, verlernt man es nicht mehr.

          Es ist ziemlich lange her, seit ich damals mit der Schule zur Skifreizeit nach Südtirol fuhr. Das war in der achten Klasse, und ich wurde gerade vierzehn. Ich erinnere mich daran, dass mir jemand einen Geburtstagskuchen gebacken hat und ihn mir morgens auf dem Alten Bornemann servierte. Das war das verhasste Latein-Lehrbuch, ein hoffnungslos überkommener Schinken, der mit dem schönen Satz „Dominus servum vocat“ begann, der Herr ruft den Sklaven, damit uns Schülern das mit der Klassengesellschaft auch möglichst früh klarwurde. Wir waren in einer Pension massenuntergebracht, die grauenvoll schlechtes Essen servierte, grüngraue, dünne Suppe, durch die man den Tellerboden sah, mit undefinierbaren Brocken darin. Klassenfahrten gingen immer mit Pampe einher.

          Laura dachte, in Deutschland könne jeder skifahren

          Ich erinnere mich aber auch daran, dass Skifahren im Gegensatz zu Handball, Geräteturnen und Leichtathletik keine Sportart des Grauens für mich war, bei der man gegen irgendwelche Holzbalken rennen musste, um in der schwitzigen Hilfestellung eines Sportlehrers zu landen und am Ende doch wieder irgendwo gegen das Gerät donnerte. Skifahren war in Ordnung. Ich war an der Luft, nicht in einer Turnhalle, die nach Bohnerwachs und Gummimatten stank, mit mir und den Brettern allein, konnte das Tempo weitgehend selbst bestimmen und musste niemanden dabei anfassen. Man bekam auch keine Bälle gegen den Kopf. Nur ab und zu fiel ich aus dem Lift. Skifahren war ganz in Ordnung, ich habe es danach nur nie wieder ausgeübt.

          Nun begab ich mich als Beinahe-Anfänger in die Hände von Teresa, einer Skilehrerin der Skischule Oberharz. Wir waren ein kleiner, leicht verfrorener Haufen Menschen, der sich am Morgen mit Leihski, Leihhelm und Leihschuhen an der Hexenritt-Alm einfand, gleich neben dem Idiotenhügel. Außer mir war noch eine Mädchengruppe aus Bremerhaven da. „Bestimmt werden wir jetzt alle zu den Kleinen gesteckt“, spekulierten sie. Aber dann kam noch ein holländisches Vater-Tochter-Gespann dazu, ein eigentlich nicht unsportlich aussehendes Pärchen, zwei Freundinnen um die fünfzig mit Langlauferfahrung, und Laura, die Apulierin aus Braunschweig, die bislang gedacht hatte, in Deutschland könne eh jeder Ski fahren. Eigentlich dachten wir das alle. Wir schauten uns an und waren erstaunt, dass wir Nicht-Skifahrer doch so viele sind.

          Weitere Themen

          Alles, nur nicht bremsen! Video-Seite öffnen

          Reisen mit dem Rad : Alles, nur nicht bremsen!

          Elektrisch durch die Fjorde, stehend durchs Gelände – und für den guten Zweck über Inseln: Fahrradsommerreisen in Norwegen, Österreich und Griechenland.

          Topmeldungen

          AKK zieht ins Kabinett ein : Sie musste springen

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat es bislang vermieden, den Weg zur Kanzlerkandidatur über das Bundeskabinett zu gehen. Woher kommt der Sinneswandel?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.