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Neuseeland : Auf dem grünen Hügel

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Der neuseeländische Vulkan Taranaki (auch Mount Egmont genannt): Der Gießener Naturforscher Ernst Dieffenbach erklomm ihn am Weihnachtstag 1839 gemeinsam mit einem englischen Walfänger. Bild: Bulls _ Caters

Was hat ein neuseeländischer Vulkan mit einem deutschen Naturforscher zu tun? Eine Tour auf den Taranaki.

          6 Min.

          Wenn man 16 000 Kilometer weit reist, um einen Berg zu besteigen, und dann die Kamera im Hotel vergisst, kann man eigentlich nur dankbar sein. Irgendwo muss er doch sein, denkt man später beim Durchsuchen der Festplatte: der Sonnenaufgang über der grauen Scheibe des Pazifiks, die unmerklich in Land übergeht.

          Hab’ ich ihn etwa nicht fotografiert? Das tiefe, undurchdringliche Grün des Egmont-Nationalparks, das sich um den perfekten Kegel des Taranaki legt? Wo ist das schwarze Geröll, durch das wir Stunde um Stunde gestapft sind und in das man immer wieder hintenüber hineingefallen ist, weil das Schotterzeug einem unter den Schuhen wegrutschte? Wo ist eigentlich das glitzernde Eis in der Caldera, auf dem man auch am heißesten Tag des Sommers rodeln kann, wo der Blick vom endlich erklommenen Gipfel zum 130 Kilometer entfernten Tongariro, mit dem der Taranaki nach der Überlieferung der Maori einst um die Gunst der schönen, grün bewaldeten Vulkanfrau Pihanga wetteiferte und sich dann, geschlagen, traurig und einsam, an die Küste verzog, wo er bis heute schmollt?

          Nur in meinem Kopf - und in einem sehr alten Buch. „Travels in New Zealand“ heißt es, erschienen im Jahr 1843 in London. Ein hessischer Naturforscher namens Ernst Dieffenbach hat es geschrieben - zu einer Zeit, als es noch keine Fotografie gab und man daher alles, was man in der Ferne sah, sehr sorgsam notieren musste. Es war eine bewegte Zeit, in der bürgerliche Revolution, romantische Empfindsamkeit und nüchterne Welterforschung zusammenfielen.

          Ernst Dieffenbach - der erste Europäer, der den Berg erklommen hat

          Ernst Dieffenbach war der erste ausgebildete Wissenschaftler in Neuseeland und der erste Europäer, vielleicht sogar der erste Mensch, der den Taranaki erklommen hat. Sein Aufstieg am Weihnachtstag 1839 war so abenteuerlich wie sein ganzes Leben. Geboren 1811 in Gießen, hatte Dieffenbach sich als Medizinstudent der Burschenschaft „Germania“ angeschlossen und musste nach der gescheiterten Revolution von 1830 aus Deutschland fliehen. Zuerst kam er in der Schweiz unter, wo er den Doktor machte und dann - wieder aus politischen Gründen - ausgewiesen wurde. Erst in England konnte Dieffenbach unbehelligt arbeiten.

          Seine wissenschaftlichen Artikel fielen unter anderem Charles Darwin auf, dessen „Reisen“ Dieffenbach ins Deutsche übertrug. 1839 begann dann seine eigene große Reise. Zwei Mitglieder der Royal Geographical Society empfahlen ihn der New Zealand Company. Die private Firma wollte die Kolonisierung des 1769 entdeckten Neuseelands vorantreiben und stellte eine erste Expedition zusammen, um es zu erkunden. Wo konnten dort Europäer leben und wovon? Wie war es um die Sitten der Eingeborenen, damals noch gelegentliche Kannibalen, bestellt? Ernst Dieffenbach sollte es herausfinden.

          Ernst Dieffenbach (2.v.l.) und der Maori Te Waru um 1843
          Ernst Dieffenbach (2.v.l.) und der Maori Te Waru um 1843 : Bild: Alexander Turnbull Library

          Nach einer „schnellen Reise von nur 96 Tagen“ erreichte er die Nordinsel Neuseelands. Während die Company Land aufkaufte, dokumentierte Dieffenbach, was er sah. Die Region Taranaki im Westen der Nordinsel, die vom Anblick des gleichnamigen Stratovulkans dominiert wird, hatte es ihm besonders angetan. Klima und Boden erschienen ihm ideal geeignet für europäische Siedler. Als Geologe war er auch am Vulkanismus interessiert und wollte den 2518 Meter hohen, von den Maori Taranaki genannten Berg, den James Cook Mount Egmont getauft hatte, unbedingt bezwingen.

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