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Neuseeland : Auf dem grünen Hügel

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Der neuseeländische Vulkan Taranaki (auch Mount Egmont genannt): Der Gießener Naturforscher Ernst Dieffenbach erklomm ihn am Weihnachtstag 1839 gemeinsam mit einem englischen Walfänger. Bild: Bulls _ Caters

Was hat ein neuseeländischer Vulkan mit einem deutschen Naturforscher zu tun? Eine Tour auf den Taranaki.

          Wenn man 16 000 Kilometer weit reist, um einen Berg zu besteigen, und dann die Kamera im Hotel vergisst, kann man eigentlich nur dankbar sein. Irgendwo muss er doch sein, denkt man später beim Durchsuchen der Festplatte: der Sonnenaufgang über der grauen Scheibe des Pazifiks, die unmerklich in Land übergeht.

          Hab’ ich ihn etwa nicht fotografiert? Das tiefe, undurchdringliche Grün des Egmont-Nationalparks, das sich um den perfekten Kegel des Taranaki legt? Wo ist das schwarze Geröll, durch das wir Stunde um Stunde gestapft sind und in das man immer wieder hintenüber hineingefallen ist, weil das Schotterzeug einem unter den Schuhen wegrutschte? Wo ist eigentlich das glitzernde Eis in der Caldera, auf dem man auch am heißesten Tag des Sommers rodeln kann, wo der Blick vom endlich erklommenen Gipfel zum 130 Kilometer entfernten Tongariro, mit dem der Taranaki nach der Überlieferung der Maori einst um die Gunst der schönen, grün bewaldeten Vulkanfrau Pihanga wetteiferte und sich dann, geschlagen, traurig und einsam, an die Küste verzog, wo er bis heute schmollt?

          Nur in meinem Kopf - und in einem sehr alten Buch. „Travels in New Zealand“ heißt es, erschienen im Jahr 1843 in London. Ein hessischer Naturforscher namens Ernst Dieffenbach hat es geschrieben - zu einer Zeit, als es noch keine Fotografie gab und man daher alles, was man in der Ferne sah, sehr sorgsam notieren musste. Es war eine bewegte Zeit, in der bürgerliche Revolution, romantische Empfindsamkeit und nüchterne Welterforschung zusammenfielen.

          Ernst Dieffenbach - der erste Europäer, der den Berg erklommen hat

          Ernst Dieffenbach war der erste ausgebildete Wissenschaftler in Neuseeland und der erste Europäer, vielleicht sogar der erste Mensch, der den Taranaki erklommen hat. Sein Aufstieg am Weihnachtstag 1839 war so abenteuerlich wie sein ganzes Leben. Geboren 1811 in Gießen, hatte Dieffenbach sich als Medizinstudent der Burschenschaft „Germania“ angeschlossen und musste nach der gescheiterten Revolution von 1830 aus Deutschland fliehen. Zuerst kam er in der Schweiz unter, wo er den Doktor machte und dann - wieder aus politischen Gründen - ausgewiesen wurde. Erst in England konnte Dieffenbach unbehelligt arbeiten.

          Seine wissenschaftlichen Artikel fielen unter anderem Charles Darwin auf, dessen „Reisen“ Dieffenbach ins Deutsche übertrug. 1839 begann dann seine eigene große Reise. Zwei Mitglieder der Royal Geographical Society empfahlen ihn der New Zealand Company. Die private Firma wollte die Kolonisierung des 1769 entdeckten Neuseelands vorantreiben und stellte eine erste Expedition zusammen, um es zu erkunden. Wo konnten dort Europäer leben und wovon? Wie war es um die Sitten der Eingeborenen, damals noch gelegentliche Kannibalen, bestellt? Ernst Dieffenbach sollte es herausfinden.

          Ernst Dieffenbach (2.v.l.) und der Maori Te Waru um 1843

          Nach einer „schnellen Reise von nur 96 Tagen“ erreichte er die Nordinsel Neuseelands. Während die Company Land aufkaufte, dokumentierte Dieffenbach, was er sah. Die Region Taranaki im Westen der Nordinsel, die vom Anblick des gleichnamigen Stratovulkans dominiert wird, hatte es ihm besonders angetan. Klima und Boden erschienen ihm ideal geeignet für europäische Siedler. Als Geologe war er auch am Vulkanismus interessiert und wollte den 2518 Meter hohen, von den Maori Taranaki genannten Berg, den James Cook Mount Egmont getauft hatte, unbedingt bezwingen.

          Die Route von Dieffenbach

          Ein Abenteuer - und ein Sakrileg. Die Maori, schreibt Dieffenbach, „konnten nicht verstehen, was mich dazu bewog . . . Sie bemühten sich nach Kräften, mir das Vorhaben auszureden, indem sie mir mitteilten, dass der Berg ,tapu‘ sei, dass es dort ngarara gab, die mich unweigerlich auffressen würden; der mysteriöse Vogel Moa, von dem ich später noch sprechen werde, sollte ebenfalls dort existieren.“

          Der damals 28-jährige Gießener ließ sich von solchen „Ausgeburten einer lebhaften Phantasie“ nicht irritieren. Dieffenbach forderte, einen Führer gestellt zu bekommen. Es sei doch möglich, argumentierte er, dass auf dem Berg Gold zu finden sei. Bekäme er seinen Führer nicht, drohte Dieffenbach der Company, dann würde er allein gehen und den ganzen Berg nach den Gesetzen der Maori für sich selbst beanspruchen, in dem er das „tapu“ darüber verhängte. Das wirkte. Zusammen mit einem Führer begann er den Aufstieg am 3. Dezember 1839.

          Welche Route Dieffenbach genau genommen hat, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Unsere beginnt im Visitors’ Center in North Egmont, innerhalb des 1900 entstandenen Nationalparks, der den Vulkan als dichter Regenwaldkreis umgibt. Heute gibt es eine gute Schotterstraße bis auf 945 Meter Höhe, damals gab es nicht mal einen Pfad. Dieffenbachs Führer wusste angeblich einen, „den aber nur dieser selbst sehen konnte“, denn „der Primärwald war oft beinahe undurchdringlich“. Die Dornen zerkratzten den Teilnehmern der kleinen Expedition Hände und Gesichter, die Sonne bekamen sie kaum zu Gesicht.

          Im Reich des Feenlands

          Probleme, die wir nicht kennen. In der „Tahurangi Lodge“ auf 1500 Metern machen wir eine Pause, füllen unsere Wasserflaschen auf. Der Taranaki Alpine Club betreibt diese Berghütte, in der man nach Voranmeldung für umgerechnet rund 15 Euro im „Dormitory“ übernachten kann. Dieffenbach musste damals unter Bäumen schlafen oder in verlassenen Maori-Hütten, in denen es von Ratten wimmelte. Mit dem Wetter hatte er kein Glück - es war abwechselnd heiß oder regnete in Strömen. Feuer ließ sich nicht entfachen, das Gewehr wurde nutzlos. Zu essen gab es Sprossen, junge Baumfarnblätter und Palmherzen. Doch selbst während der feuchten, unbequemen Nächte im neuseeländischen Busch behielt Dieffenbach seinen genauen, ästhetischen Blick auf die Natur. „Während dieser Nächte“, schreibt er, „nahm der Wald eine schöne Gestalt an: die umgefallenen Bäume und beinahe der ganze Waldboden funkelten tausendfach aufgrund der Phosphoreszenz des vermodernden Pflanzenmaterials - wir schienen das erleuchtete Reich des Feenlandes betreten zu haben.“

          Die Feen aber wollten ungestört bleiben. Seinen ersten Versuch, den Taranaki zu erklimmen, musste Dieffenbach nach zwölf Tagen abbrechen. Bald unternahm er einen zweiten Versuch, ausgestattet mit mehr Vorräten, Helfern und in Begleitung des englischen Walfängers James Heberley. Dieffenbach bestimmte die Höhenlagen, indem er Wasser kochte. An der Schneegrenze ließ er die Maori zurück, da sie keine Schuhe hatten und sich fürchteten. Dann war es so weit: am 1. Weihnachtstag 1839 stieg er auf und genoss die Sicht vom Gipfel. Bis zur Cook-Straße an der Südspitze der Nordinsel konnte er sehen, wo er im August desselben Jahres gelandet war. Dann zog Nebel auf, Dieffenbach und Heberley stiegen ab.

          Heute dauert der Aufstieg keine Tage mehr, sondern nur um die fünfeinhalb Stunden, der Abstieg circa drei. Steigausrüstung braucht man im Sommer keine. Fit sollte man sein und das Wetter gut im Auge behalten - es schlägt dank der isolierten Lage des Vulkans nah am Meer blitzschnell um. Was als sonniger Tag beginnt, erklärt mir mein Bergführer Ross, kann binnen kurzer Zeit in einen Blizzard umschlagen. Der Taranaki ist mit über achtzig Todesopfern Neuseelands zweittödlichster Berg. Sicherer ist es, wenn man einen erfahrenen Bergführer dabei hat - oder sogar zwei. Ross nimmt gern seine Ehefrau mit auf den Gipfel wie auf einen Sonntagsspaziergang. Echte Kiwis eben. Wem ein Tag Klettern zu anstrengend ist, mietet einen Heli für einen Rundflug (zum Beispiel www.precisionhelicopters.com). Umwerfend sieht es aus, wenn man vom Meer kommend langsam auf den Gipfel zufliegt - die Wanderer sind dann kleine Punkte, das Eis in der Caldera glitzert weiß, und der Egmont National Park legt sich als genau 9,6 Kilometer breiter, wollig-grüner Teppich um den symmetrischen Berg. Der Nationalpark wurde 1900 errichtet, als zweiter überhaupt in Neuseeland. Er bewahrt den artenreichen Regenwald, endemische Vögel wie den nördlichen Streifenkiwi und viele kleine Bergbäche mit klarem Wasser: Neuseeland, wie es vor den Menschen ausgesehen haben muss.

          Händler, Walfänger, Robbenjäger

          Schon 1839 war das selten. Die Maori hatten seit dem 14. Jahrhundert vielerorts den dichten Busch gerodet, der alles Land mit Ausnahme der Berge bedeckte - ohne sie wäre Dieffenbach also wohl nie auf seinen Vulkan gekommen. Die Europäer holzten später den Rest ab.

          Die zweijährige Reise des Deutschen fiel in einen entscheidenden Moment in der Geschichte des Landes. Fünf Jahre zuvor hatten sich mehrere Stämme zu einem souveränen Maori-Staat erklärt - arrangiert von den Briten, damit keine andere Macht dort Ansprüche erheben konnte. Doch noch während Dieffenbach im Land umherreiste, im Januar 1840, war es auch wieder vorbei mit den „Vereinten Stämmen von Neuseeland“. Um Frankreich und den Vereinigten Staaten zuvorzukommen, wurde das Land zur britischen Kolonie erklärt.

          Aber was hieß das schon, Kolonie: Neuseeland blieb noch lange das Ende der Welt. Nur zweitausend Einwanderer lebten dort 1839: Missionare, Händler, Walfänger, Robbenjäger, und die meisten von ihnen waren an die Maori stärker assimiliert als umgekehrt. Erst Dieffenbachs Arbeitgeber, die New Zealand Company, sorgte für die Kolonisierung des Inselstaates. Bis zu ihrer Auflösung 1859 hatte sie die Zahl der Weißen im Land auf 28 000 erhöht. Diese Siedler formten das Land, das wir heute, 150 Jahre später bereisen. Ernst Dieffenbach sah die touristische Zukunft Neuseelands bereits zu einer Zeit voraus, in der die Anreise noch drei Monate dauerte.

          „In zukünftigen Zeiten“, schreibt er über Taranaki, „werden dieses malerische Tal, wie auch der Mount Egmont und das lächelnde offene Land zu seinen Füßen für ihre Schönheit gefeiert werden wie der Golf von Neapel und Reisende aus allen Teilen der Erde anziehen.“

          Der Weg nach Neuseeland

          Anreise New Plymouth ist der nächste Flughafen, die Fahrt zum Egmont-Nationalpark dauert mit dem Auto etwa eine halbe Stunde.

          Unterkunft „King and Queen“ in New Plymouth (kingandqueen.co.nz), Suite ab 200 Euro

          Mount Taranaki Die beste Zeit für einen Aufstieg ist von Februar bis Mitte April. Mehr Infos auf: www.visit.taranaki.info. Topguides bietet auch Touren an: topguides.co.nz.

          Ernst Dieffenbachs „Travels in New Zealand“ wurde 2005 im Verlag M. G. Schmitz neu aufgelegt.

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