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Deutsche Utopien (7) : Widerständiges Wendland

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Auge in Auge mit der Staatsgewalt: Auch wenn die Freie Republik Wendland Geschichte ist, hat dieser Landstrich immer noch ganz eigene Gesetzmäßigkeiten. Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wer ins Wendland geht, kommt als ein anderer wieder heraus. Das lässt sich nicht vermeiden, auch wenn man nur seine Ruhe haben will, denn die Geschehnisse dringen in alle Dörfer, Gärten und Köpfe ein.

          10 Min.

          Das Wendland polarisiert. Jeden. Meinen Sie nicht? Das Wendland rührt im Tiefsten an unsere Instinkte, mit denen wir durch den Tag laufen. Meinen Sie nicht?

          Vielleicht wissen Sie ja gar nicht, wo das Wendland liegt. Vielleicht haben Sie noch nie von Orten wie Breselenz oder Waddeweitz gehört. Wieso sollte gerade da der geheime Zugang zu unser aller Wesen liegen?

          Berlin kennt man. Potsdamer Platz, Museumsinsel, Kreuzberg. Da findet Geschichte statt, da ist Metropole, da wird Literatur geschrieben. Da ist die Bundeskanzlerin, da sind die Diskurse. Ist das nicht zentraler? Warum gerade Wendland?

          Es ist aber gerade das Wendland, das jeden von uns zu unmittelbaren Reaktionen führt. Sie glauben es nach wie vor nicht? Gut, dann machen wir ein kleines Experiment. Wir bilden eine Wortkette. Mal ganz naiv, wie die Kinder. Und Sie werden sehen, wie Sie im Verlauf der Wortkette immer weiter in eine bestimmte Richtung kommen, und das, was Sie da lesen, werden Sie gleich notwendigerweise mit einem Urteil belegen. Einem Geschmacksurteil. Sie können nichts dagegen tun, es geschieht einfach. Sie können an der folgenden Wortkette geradezu ablesen, wie Sie funktionieren, welche Reflexe Sie haben, wie Ihre Welt aussieht und wie Sie sie haben wollen, diese Ihre Welt.

          Der Jongleur als Robin Hood oder Nichtsnutz

          Also: Niedersachsen, Hannover, Wendland, Lüchow-Dannenberg (erste Reaktionen des Gemüts?), Gorleben, Castor, Hüttendorf, Strickmützen, Jonglieren. Polizei, Blockade, Abräumen. Allgemeinverfügung, Ordnung, Recht. Demokratie. Kriegt man für Berlin, dieser geschichtlich für uns immerhin äußerst bedeutsamen Stadt, kriegt man denn für Berlin eine ähnliche Wortkette hin, die so einmal mitten und grundlegend durch unser aller gesellschaftliches Weltbild durchführt?

          Nehmen wir allein das unschuldige Wort „Jonglieren“. Jonglieren ist nicht gerade einfach, man muss es lernen, und man braucht dazu Zeit. Wer jonglieren kann, hat also Zeit gehabt. Auch hier erleben wir an uns wieder dieses sofortige Einsetzen eines entweder positiven oder negativen Gefühls: Die einen sehen den bärtigen, jungen Demonstranten in seinem Waldlager vor sich, wie er gerade am Feuer sitzt und ein bisschen vor sich hin jongliert, eine Art Robin Hood, durch und durch angenehm, viel besser als die normale, kranke, durchzivilisierte Welt um ihn herum mit ihrer ökologisch katastrophischen Politik und Wirtschaft (vor dem Wald marschieren gerade 15000 Polizisten auf); die anderen sehen einen unangenehmen, aufsässigen Nichtsnutz vor sich, der gleich sehr viel Geld kosten wird (nämlich durch den Polizeieinsatz) und dessen Widerstand sich auf etwas bezieht, das für viele Außenstehende demokratisch schlichtweg abgesegnet ist und von der Polizei ermöglicht werden muss, da die Macht nun einmal vom Staat und nur von diesem ausgehen darf und nicht jeder machen und verhindern kann, was er gerade will.

          Ein Lackmustest für uns alle

          Das Wendland polarisiert. Jeden. Es rührt, wie gesagt, an unsere grundlegendsten Welthaltungen und deckt sie auf. Man kann es punktgenau am ehemaligen Innenminister Manfred Kanther festmachen, der angesichts unseres beispielhaften Waldjongleurs mal vom „unappetitlichen Pack“ gesprochen hat und damit in gewisser Weise ja wirklich die Volksseele und ihren Wortlaut getroffen hat. Denn das ist die Scheidelinie: Robin Hood versus unappetitliches Pack. Darin liegt die Grundentscheidung. Etwas dazwischen gibt es nicht. Daher ist das Wendland so etwas wie ein Lackmustest für uns alle. Das schafft nicht einmal ein Ort wie Berlin.

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