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Deutsche Utopien (7) : Widerständiges Wendland

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Und es zogen immer mehr Menschen ins Wendland, angezogen von diesem Geist - und den billigen Grundstückspreisen. Neben den Jongleuren kamen die Biobauern, kamen die Künstler, kamen die Tagungshäuser, kamen Zeitungsredakteure aus Berlin, aus Hamburg. Es wäre allein schon eine Kulturgeschichte wert, was die Menschen dort aus den Rundlingshäusern gemacht haben. Jedem ist dieselbe Aufgabe gestellt: Ich habe eine riesige Diele, vormals Stall und Schuppen, und einen ganz kleinen Wohntrakt im Hinterhaus. Und daraus muss ich jetzt etwas Neues machen. Die Diele zum Wohnzimmer umzufunktionieren geht im Regelfall nicht, das wird viel zu groß. So kamen Werkstätten, Cafés, Lädchen und diese ganze Jongleursvielfalt über den Landkreis, aber natürlich auch der Geruch nach Kleinkunst und einer gewissen Verweigerung unseres gegenwärtigen Gesellschaftslebens, das meist durch Großsymbole funktioniert: von Landesgartenschauen bis hin zu Olympischen Spielen, von Berliner Prunkprotzarchitektur bis hin zu Großflughäfen, die man haben muss, damit man nicht zu klein ist auf der Welt und weil es andere ja auch haben. Im Wendland dagegen bekommt man wirklich nur Halstücher und selbstgetöpferte Tonwaren und kann in der coolen Gegenwart der Berliner Republik kaum mithalten. Ja, das Wendland ist uncool. Absichtlich.

Keine Wald-und-Wiesen-Deppenarmee

Eine Gesellschaft der Träumer sind sie nicht. Sie sind alle knallharte Arbeiter, das merkt man im Herbst, wenn die Castoren kommen. Da gibt es keinen Gestellungsbefehl, und doch sind sie alle da und vorbereitet und schlagen sich, auch wenn es in ARD und ZDF ganz anders aussieht, äußert diszipliniert eiskalte Tage und Nächte um die Ohren. Der Landkreis steht dann wie eine Eins. Und es ist auch kein Volkssport. Erst bei der Nahbetrachtung und vor allem während der Castortransporte und den Vorbereitungen dazu merkt man, dass im Wendland ganz normale Leute ganz anders geworden sind. Sie haben sich dazu nie entschlossen. Es kam durch die Umstände. Sie leben keine Utopie. Sie leben anders als wir. Sie lassen sich vieles gar nicht erst einreden, dafür sind sie schon zu lange mit ihrem Kopf dabei in dieser Republik. Notgedrungen dabei. Und sie wissen genau, mit welchen Klischees sie belegt werden. Die Wald-und-Wiesen-Deppenarmee der Ewig-Gestrigen-Ökobewegung. Ein großer Teil der Bundesrepublik schaut da hin und denkt, die sind alle Bähbäh. In genau dieser Kinderkopfregung. Dabei wären sie an deren Stelle wohl genauso geworden.

Wer ins Wendland geht, kommt als ein anderer dort wieder heraus. Das liegt, wie gesagt, nicht am Wendland, sondern an dieser jahrzehntelangen Geschichte, mit der das Wendland so quer zu vielem in der Bundesrepublik liegt. Diese Utopie bestand zuerst aus ein paar Holzhütten und war doch da bereits gelebt und also keine Utopie. Und heute ist es auch keine Utopie. Das Wendland ist ein Stück Land, das von außen ganz normal aussieht. Bis auf die Xe, die Rundlinge und die vielen Jongleure. Die Menschen sind es, die das Wendland fast zu einer Ideallandschaft umgestalten. Nicht im Ausleben gestriger Strickstrumpf- und Ökomoden. Sondern durch den - notgedrungen - erheblich gestiegenen Quotienten von Bewusstsein über die Lage unserer Dinge. Axel Kahrs hat 2006 ein Buch über das Wendland herausgegeben, das den sprechenden Titel trägt: Im Wendland ist man der Wahrheit näher.

Im Wendland angekommen, versteht man den Sinn dieser Worte bald. Die Kunst des Ausblendens ist dort am Ende. Was im Rest der Republik geht - das Leben als Benutzeroberfläche mit den Müllstrukturen darunter versteckt -, geht dort nicht. Auch wenn andere bloß in Ruhe grillen wollen. Das ist ja auch ein Leben. Eben unseres. Das normale.

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