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Deutsche Utopien (7) : Widerständiges Wendland

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Nico war fünfmal bei Gottschalk

Die Letzteren glauben übrigens meistens, die ganzen Brennstäbe und Castorenbehälter seien längst unter der Erde im Salz. Das ist ein Irrtum. Im Wendland beklagen sie, dass ihre Erfolge leider nie zu sehen sind. Es ist ja immer noch nur die grüne Wiese dort zu besichtigen, wo die Wiederaufbereitungsanlage hin sollte. Und dass die Castoren nur in der Halle stehen und nicht unten im Salz, ist für die Wendländer ja auch immer ein Erfolg. Es sieht im Fernsehen nur genau anders aus. Da sieht man stets, wie die Castoren an ihrem Ziel dann letztlich, durch alle Jongleure hindurch, doch ankommen. Sie kommen aber ins Zwischenlager, also in die Halle, nicht ins Endlager. Das ist der feine Unterschied.

Wer sich dem Wendland nähert, erlebt seine eigenen Klischees bald etwas differenzierter. Teils geht es richtig gutbürgerlich zu, und in Wahrheit können gar nicht alle jonglieren. In Lüchow geht man ins Wendel zum Stammtisch. Dort versammeln sich Lehrer, Richter, Apotheker. Der Stammtisch hat eine lange Tradition, früher saßen sie alle im Bistro von Nico, einem Libanesen. Nico Haddad ist bundesweit dadurch bekannt geworden, dass er immer mal wieder Wetten für „Wetten, dass . . ?“ anbietet. Tausende Kerzen in drei Minuten ausblasen oder solche Dinge. Er war vielleicht fünfmal bei Gottschalk. Heute betreibt er eine Wirtschaft im Lüchower Rolling-Stones-Museum. Dem einzigen Stones-Museum weltweit.

Die Künstlerdichte ist beachtlich

Beim Stammtisch sitzt auch Axel Kahrs, PEN-Mitglied und eine der Integrationsfiguren im Wendland. Axel Kahrs leitet die Stipendiatenstätte Künstlerhof Schreyahn. Schreyahn ist einer dieser erzromantischen Rundlinge, durch die manchmal die Reisebusse durchkommen und wo die Besucher schon mal die Bewohner fragen, was sie denn nach 18 Uhr machen, wenn Feierabend ist und die Attraktion schließt. Sie halten diese Rundlinge teils einfach für Freilichtmuseen.

Schreyahn hatte ein ziemlich berühmtes Musikfestival, und es werden erheblich viele Literaten dort durchgeschleust, von Galsan Tschinag über Silke Scheuermann bis hin zu den Büchnerpreisträgern Reinhard Jirgl und Arnold Stadler. Arnold Stadler hat sich dort in der Nähe vor Jahren ein Haus gekauft. Marie-Luise Scherer, die für den Spiegel ihre berühmten literarischen Reportagen geschrieben hat, lebt im Landkreis, ebenso wie Hans Christoph Buch. Die Künstlerdichte im Wendland ist beachtlich. Im Wendland verbrachte zudem der heute leider etwas vergessene Nicolas Born seine letzten Jahre. Er wäre heute sicher einer der Riesen neben Lenz, Enzensberger, Grass und Handke (mit letzteren beiden war er eng befreundet). Grass hielt auf ihn die Totenrede - im Wendland. Born hat dem Elbholz bei Gartow ein schönes Gedicht gewidmet (“Ein paar Notizen aus dem Elbholz“), vielleicht die eigentliche Hymne auf das Wendland und den Geist der Freien Republik, auch wenn Born sie nicht mehr erlebt hat. Es findet sich darin der Satz: „Die Ruhe auf dem Lande ist oft stille Wut.“

Ein aufsässiger, ungehorsamer Musterschüler

Es gibt Bürger der Freien Republik Wendland, die gar nichts von ihrer Einbürgerung wissen. Vor zweiunddreißig Jahren, als das Hüttendorf an Bohrstelle 1004 im Wald für dreiunddreißig Tage existierte, gab es Schlagbäume, und der Ausweis war für zehn Mark zu haben. Seitdem hat der Geist von damals immer mehr Menschen erobert, und die diversen Polizeiaktionen haben das Ihre dazu beigetragen. Die Wendländer haben deshalb nachzudenken begonnen, weil sie mussten. Die Bundesrepublik hat ihnen die schwerste Aufgabe gestellt, die man einem Landkreis stellen kann, und die Wendländer sind als aufsässiger, ungehorsamer Musterschüler dabei herausgekommen. Das geht bis hinein in die einzelnen Bauernfamilien.

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