https://www.faz.net/-gxh-72sj2

Deutsche Utopien (7) : Widerständiges Wendland

  • -Aktualisiert am

Im Wendland stehen überall gelbe Kreuze, die keine Kreuze sind, sondern immer den Buchstaben X darstellen. Als Kreuze wären es Andreaskreuze. Andreaskreuze sind die Schlüsselsymbole für Akteure der Sadomaso-Szene. Das gelbe X dagegen ist das dortige „Ich bin gegen Atomkraft“-Zeichen. Es ist tatsächlich das wendländische Markenzeichen. Natürlich stehen sie nicht wirklich überall. Es gibt Leute im Landkreis, die von dem Atomwiderstand erheblich genervt sind. Sie würden da gern ein normales Leben führen, wie es andernorts überall möglich ist. Auch hinter Uelzen, solange der Landkreis Lüchow-Dannenberg noch nicht begonnen hat, ist dieses Leben noch möglich. Es herrscht kein Krieg zwischen den Entnervten und den Atomkraftgegnern (die, da gibt es nichts zu diskutieren, weitaus in der Mehrheit sind, durch alle Bevölkerungsschichten hindurch). Aber es gibt sie schon, diese Szenen: Wenn ein Zwanzigertrupp jonglierender Robin Hoods mit selbstgestrickten Ringelmützen am Gartenzaun vorbeiläuft und dahinter stehen Menschen, die einfach nur ihre Ruhe haben und grillen und Bier trinken wollen, weil gerade so ein schöner Tag ist, da will man solche Leute vor dem Gartenzaun nicht patrouillieren sehen.

Vom Trupp Tecker eingekesselt

Damals war ganz Großes im Wendland geplant, und das hat dann die deutsche Politik zurückbekommen: diesen seltsamen Landkreis mit seinen widerständigen Bauern, seinem feld- und wiesentauglichen Beamten- und Lehrerstamm, seiner in allen Überlebenstechniken geschulten Jugend und den tausendfachen Demütigungen, die die Polizisten aus dem Rest der Republik dort jedes Mal selbst von den jüngsten Wendländern erfahren müssen. Denn wenn sie mit einem dort oben Erfahrung haben, dann mit massenhaften Polizeiaufläufen. Es kann passieren, dass ein Polizeibus mal von einem Trupp Trecker eingekesselt wird, und dann sind die Polizisten schutzlos den Wendländern ausgeliefert. Die misshandeln sie zwar nicht, aber der Polizist kommt dabei im Regelfall trotzdem sofort in Panik. Ausgeliefert, schutzlos. Wer weiß, was ihm so in der Einsatzvorbereitung ausgemalt wurde. Anschließend bekommen sie noch vor Ort psychologische Betreuung vom Polizeipsychologen. Das ist kein Witz. Aber es macht den gemeinen Wendländern dennoch Spaß. Manche vergleichen das Wendland mit dem Asterixdorf, und die Polizisten sind die Römer. Und der Zaubertrank ist das Selbstbewusstsein. Auch die Gesellen von Asterix können ja bisweilen den Zaubertrank weglassen und die Römer trotzdem erfolgreich plattmachen. Sie müssen nur daran glauben (siehe „Asterix bei den Briten“).

Großes war geplant dort oben am Rand der Republik, wo der Wind nach draußen zieht. Das Wendland sollte das Nuklearzentrum Deutschlands werden. Und so gut wie alles ist niemals gekommen, was die einen freut und die anderen wohl bis heute ärgert. Die anderen, die in der Bundesrepublik heute hauptsächlich eine Wutbürger-Verhinderungsrepublik sehen. Ein geplantes Atomkraftwerk kam nicht, die so entscheidende Wiederaufbereitungsanlage kam nicht, das Endlager kam nicht. Was wir heute als Atomwirtschaft vor uns sehen, ist nur der Rumpf und der Stummel dessen, was einstmals in ganz großem Maßstab geplant war. Im Wendland wurde die Kernkraftindustrie waidwund geschossen. Der damalige Ministerpräsident Albrecht kapitulierte, geblieben ist dort oben lediglich ein Zwischenlager, eine bloße Halle an der Straße. Und geblieben ist der Salzschacht von Gorleben als ewiger Zankapfel. Auch an ihm scheiden sich die Geister. Die einen sagen, da wird nur so viel Geld hineingesteckt, damit die Politik da gar nicht mehr zurückkann. Die anderen sagen, wenn man da schon so viel Geld reingesteckt hat, dann soll man das auch zu Ende bringen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Bundestagswahl : Diese Politiker treten 2021 nicht mehr an

Nicht nur die Bundeskanzlerin will nächstes Jahr aufhören – auch viele andere prominente Politiker ziehen sich nach der Bundestagswahl zurück. Einer aber will unbedingt weitermachen. Dabei ist er jetzt schon Rekordhalter.
Der Pianist Igor Levit engagiert sich auch politisch: hier am 9. November 2018 auf der 43. Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen in Leipzig.

SZ und Igor Levit : Der Druck der Masse

Erst veröffentlicht die „Süddeutsche Zeitung“ eine Polemik gegen den Pianisten Igor Levit, dann entschuldigt sie sich dafür. Was geht da eigentlich vor?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.