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Deutsche Utopien (7) : Widerständiges Wendland

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Das Wendland als Zentrum unserer bipolaren Volksseele also? Nähern wir uns der ganzen Sache mal von Uelzen aus. Uelzen ist noch nicht Wendland und die letzte Bastion der Normalkultur, bevor das große Jonglieren beginnt. Uelzen ist Bahnhof, Uelzen ist Friedensreich Hundertwasser. Die letzte Station für die anderen. Die Senioren, die da besichtigenderweise durch den Bahnhof wandern, stehen dann manchmal unvermittelt vor den barfüßigen Robin-Hood-Nichtsnutzen, die gerade auf ihrer letzten Etappe Richtung Wendland sind und natürlich alle Klischees erfüllen. Friedenszeichen, Rastalocken, Gitarre. Die Senioren erfüllen auch alle Klischees. Sie sehen allesamt aus wie Heinz und Hilde Becker.

Zwischen Waldromantik und Siebziger-Jahre-Ökobewegung

Der Robin-Hood-Nichtsnutz schläft meistens im Wald oder wenigstens in einem der alten Zwei-, Drei- oder Vierständerhäuser in einem der berühmten Rundlingsdörfer, von denen das Wendland noch voller ist als Berlin mit allen seinen Einstein- und Starbucks-Cafés. Und der Waldschlaf hat eine lange Tradition im Wendland. Dem Rest der Republik kommt da natürlich immer die Wandervogel-Bewegung in den Sinn und dass die im Wendland schlichtweg hundert Jahre zu spät kommen. Das ist auch so ein Klischee: das stehengebliebene Wendland. Irgendwo zwischen Waldromantik und Siebziger-Jahre-Ökobewegung hängengeblieben. Wir werden das später noch näher betrachten, dieses Klischee.

Die Tradition des Waldschlafs ist zugleich der Beginn dieser utopischen Gesellschaft Wendland, wie sie heute den Besucher empfängt. Damals wurde auf deutschem Boden eine Freie Republik gegründet, die dann auch gleich wieder von der Polizei und vom Bundesgrenzschutz abgeräumt wurde, nämlich im Wald, an einer Bohrstelle. Es gibt noch die alten Radiomitschnitte des Senders der Freien Republik Wendland vom Hüttendorf. Die Live-Aufnahmen brechen genau da ab, wo die Polizisten den Sender abräumen. Noch heute allerdings gibt es Ausweise dieser Republik. Schwer zu sagen, wann man die Staatsbürgerschaft bekommt. Die Zulassungsstatuten sind kaum zu durchschauen. Diese Republik ist auch nicht deckungsgleich mit den Grenzen des Wendlands beziehungsweise des Landkreises Lüchow-Dannenberg. Es ist eine Republik, die hauptsächlich in den Köpfen stattfindet (der damalige niedersächsische Innenminister Egbert Möcklinghoff sprach von „Hochverrat gegen die Bundesrepublik Deutschland“). Rückwirkend hat diese Kopf-Republik allerdings den Landkreis so massiv beeinflusst, dass man heute im Wendland tatsächlich das seltsamste Stück Deutschland vor sich hat. Das Wort Utopie, gelebte Utopie, läge nahe. Aber das ist so viel wie ein hölzernes Eisen oder ein schwarzer Schimmel. Das Wendland ist ja ein Ort. Schwer zu verstehen zwar, und ebenso leicht zu lieben wie zu verspotten. Aber ein Ort und ganz konkret.

Glasige Sandlandschaft, urdeutsches Grün

Lässt man Uelzen hinter sich, wird der Himmel immer heller, und das Licht wandelt sich. Es ist am ehesten mit Ostseelicht zu vergleichen. Als läge eine fast glasige Sandlandschaft unter diesem blauen Himmel, wie an der Küste. Aber es liegt kein Sand unter dem Himmel, sondern ein tiefes, sattes, urdeutsches Grün. Der Erstbesucher stellt zunächst immer folgende Frage: Was bedeuten die gelben Kreuze?

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