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Süddeutsche Moorlandschaften : Extrem still und unglaublich sauer

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Lieber nicht querfeldein: das Hochmoor Wurzacher Ried. Bild: Picture-Alliance

Hier wackelt der Wald: Die Moorlandschaft an der Schwäbischen Bäderstraße bietet Schwingrasen, Sonnentau und Himmelsziegen.

          Der Holzzuber ist randvoll mit schwarzbraunem Brei. Doch was nach Pech aussieht, ist Gold wert. Der nackte Körper taucht ein, nur der Kopf schaut heraus. Es wird wohlig warm, die Muskulatur entspannt, Gefäße erweitern sich, der Stoffwechsel wird angeregt. Schon meint man zu fühlen, wie der Schmerz an der Wirbelsäule verschwindet. Die Huminsäuren des Moorbads beginnen zu wirken. Entlang der schwäbischen Bäderstraße, die von Überlingen am Bodensee nach Bad Wörishofen im Allgäu führt, kann man auf verschiedenste Weise ins Moor eintauchen, um sein Wohlbefinden zu steigern und seinen Wissensdurst zu stillen. Eigentlich klingt der Begriff düster und weckt Assoziationen an gefährliche Wege, an gespenstische Nebel, an Schauergestalten und Schauplätze finsterer Verbrechen, bei denen am Ende gar eine Leiche verschwindet. Dabei sind Moore einzigartige Lebensräume, deren Geheimnisse eher erstaunen als erschrecken.

          Mehr als nur lustige Schaueffekte

          „Wir sind das größte Naturtrampolin in Südwestdeutschland“, witzelt Kerstin Wernicke, Mitarbeiterin des Naturschutzzentrums Federsee in Bad Buchau, „dreißig Quadratkilometer Schwingboden.“ Sechshundert Meter weit führt ein Waldpfad über weichen Moorgrund, der sich rund um den See gebildet hat. „Und jetzt hüpfen wir mal gemeinsam im Takt“, fordert Wernicke auf. Tatsächlich, der Boden bewegt sich, wirft sanfte Wellen und lässt die Bäume rundherum schaukeln. Die Torfschicht in diesem Wackelwald ist nur dreißig Zentimeter dick. Darunter liegen bis sechs Meter weiche, puddingartige Ablagerungen des Federseebeckens. Einzig die Pflanzenwurzeln verleihen dem Boden seine Tragfähigkeit. Doch diese Moorlandschaft hat weit mehr zu bieten als lustige Schaueffekte. Sie ist Modellprojekt für die Wiederherstellung zerstörter Natur, Unesco-Welterbe und europäisches Vogelschutzgebiet. Aber der Reihe nach.

          Flugalarm: Hunderte Stare fliegen kurz vor Sonnenuntergang über dem Naturschutzgebiet Federsee zu ihren Schlafplätzen im Schilf.

          Über zweihundert Jahre lang wurde die Landschaft zur Torf- und Ackerlandgewinnung durch Entwässerungskanäle trockengelegt und dadurch zerstört. Nicht nur wiesenbrütende Vögel und Orchideen verloren ihren Lebensraum. Auch ein im Verborgenen konservierter Kulturschatz wurde freigelegt, damit aber gleichzeitig dem Verfall preisgegeben: Über Jahrtausende erhaltene Pfahlbauten, Palisaden und Holzwehrmauern aus vorgeschichtlicher Zeit tauchten auf und wurden durch den Kontakt mit der Luft langsam zersetzt. Vier dieser Fundstellen tragen heute den Welterbe-Titel. Der Federsee gilt als fundreichstes Moor Europas. Um Kultur und Natur gleichermaßen zu retten, begann im ältesten deutschen Nabu-Naturschutzgebiet die Renaturierung. Die Entwässerungsgräben wurden wieder zugeschüttet. Die trockengelegten Seeflächen hatten ohnehin kaum fruchtbare Böden ergeben, und die Zeiten, als die Bauern mit Moortorf heizten und die Dampflokomotiven der Schwäbischen Eisenbahn damit befeuert wurden, waren schon lange vorbei.

          Funde aus vierzehntausend Jahren

          „Die Renaturierung von Mooren ist auch ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz“, erklärt Wernicke. Kaum jemand weiß, dass etwa ein Drittel des Kohlenstoffvorrats der Erde in Mooren gebunden ist, obwohl sie nur drei Prozent der Erdfläche bedecken. Rund zehn Prozent aller Kohlendioxid-Emissionen stammen aus geschädigten und zerstörten Mooren. Entwässerte Moorböden setzen mit der Durchlüftung des Torfs erhebliche Mengen an Kohlendioxid frei, da der in den Pflanzen gebundene Kohlenstoff oxidiert. Inzwischen liegen die archäologischen Zeugnisse am Federsee wieder wohlbehalten unter Wasser. Die Originale sind ohnehin nur für Forschungszwecke zugänglich. Authentische Darstellungen und Nachbauten dieser Pfahlbauarchitektur können im nahen Federseemuseum betreten werden. Dazu gibt es Funde aus vierzehntausend Jahren Menschheitsgeschichte.

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