https://www.faz.net/-gxh-7uk0r

Deutsche Farbenlehre (8) : Der Durchgriff des Realen

Dänisches Krönungsporzellan für die besseren Stände

Oder gleich ins Jagdschloss ziehen. Im tiefrauschenden Forst am anderen Ende des Ortes ragt das historische Gebäude auf, aber bis hier im größeren Stil jemand wohnen kann, wird noch etwas Zeit vergehen. Unter den jetzigen Voraussetzungen wäre es dem ehemals großherzoglichen Schloss wohl auch nicht zu wünschen. Denn ein Bauunternehmer hat es erworben und droht dem Verein, der zuvor die Repräsentationsetage des Schlosses restauriert hatte und diese nun als Museum der Öffentlichkeit präsentiert, die Räumung an. Zwar war das Schloss 2008 von der Gemeinde Gelbensande an besagten Bauunternehmer verkauft worden. Aber mit der im Museumsprospekt wie folgt beschriebenen Klausel, dass die Repräsentationsetage im Dauernutzungsrecht der Gemeinde verbleibt, die wiederum froh ist, dass der Museumsverein sich weiter kümmert und die historischen Räumlichkeiten als solche erhält.

Alles andere wäre auch ein Jammer, und man kann nach Lage der Dinge nur hoffen, dass dem klagewütigen Bauunternehmer nicht der kommerzielle Durchmarsch durch sein Schloss gelingt. Wer die Homepage vom Jagdschloss Gelbensande aufruft, ahnt nichts von dem heimlichen Gegeneinander zwischen der sogenannten Residenz (darunter fallen etwa die Gastronomie im Erdgeschoss sowie ein Beauty-Bereich weiter oben) und dem Museum, also dem historischen Repräsentationsflur auf der ersten Etage. Eine Reihe kunstvoller Kamine, phantastische Fenster, die großherzogliche Wanne mit Warm-kalt-Wasserregulator und einer ungewöhnlichen Tiefe, dänisches Krönungsporzellan in der Tellersammlung aus dem Bestand des Schlosses, eine für die Zeit sehr fortschrittliche Belüftungs- und Lifttechnik - all dies lässt sich beim Gang durch die Repräsentationsetage bestaunen und in angenehmster Erinnerung behalten, während man wieder rüber in seinen Plattenbau geht und den tapferen Museumsleuten Durchhaltewillen und einen langen Atem wünscht. Essen und Trinken tut man ohnehin besser in Frau Hojas herzoglichem Bahnhofslokal als im Schloss des Bauunternehmers.

Letzte Sonnenstrahlen bei zartem Wind

Noch ein Wort zu den Grausamkeiten im Walde, die manch einem im Ort schon das Pilzesammeln verleidet haben. Es stimmt, dass vor Jahr und Tag im Gehölz um Gelbensande herum ein Mädchen vergewaltigt und ermordet wurde. Aber der Triebtäter wurde gefasst und hinter Gitter gesteckt. Der Wald ist heute so gefährlich oder ungefährlich wie jeder andere Wald im Lande. An einem verlängerten Wochenende wie diesem kann man nur raten: Herrn Eisermann anrufen, Platte festmachen, und dann nichts wie rein in den Urwald der Rostocker Heide, nichts wie hin an die nahe Küste von Klein-Müritz, letzte Sonnenstrahlen bei zarten Winden genießen! Es muss nicht immer Venedig sein. Gelbensande, solange es noch nicht verschwunden ist, leuchtet.

Weitere Themen

Topmeldungen

Bayern-Sieg im DFB-Pokal : Geballte Münchner Klasse

Nach dem Meistertitel in der Fußball-Bundesliga sichert sich der FC Bayern nun das Double. Die Münchner setzen sich im Pokalfinale gegen RB Leipzig durch. Vorstandschef Rummenigge bestätigt anschließend: Trainer Kovac bleibt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.