https://www.faz.net/-gxh-7rnq9

Deutsche Farbenlehre (3): Blaubeuren : Das schaurige Schicksal der schönen Lau

Blauer wird es nicht in Deutschland: der Blautopf in Blaubeuren, der wie ein harmloser Weiher aussieht, tatsächlich aber eine gewaltige Quelle ist. Bild: ddp

Blaubeuren ist berühmt für seinen Blautopf, Deutschlands prachtvollste Quelle. Wasserweiber mit Entenfüßen sollen dort leben und eine verfluchte Fürstentochter. Manchmal glaubt man, ihr Wehklagen heute noch zu hören.

          7 Min.

          Fünf Enten schwimmen am Rande des Blautopfs. Sie gründeln aus Leibeskräften, rudern mit ihren Schwimmfüßen in der Luft, schütteln sich das im Sommer wie im Winter etwa neun Grad kalte Wasser aus dem Gefieder und zeigen dem Beobachter am Uferrand schimmernde Knopfaugen und breitschnäbliges Profil. Es kümmert sie nicht, dass ihr kleines Revier als schönste Quelle des ganzen Landes gilt und dass hier bis zu 32000 Liter Wasser in der Sekunde austreten können, immerhin ein ganzer Tanklastwagen voll. Sie wissen nicht, wer Eduard Mörike war, kennen nicht das Ulmer Münster und nicht die Geschichte vom Stuttgarter Hutzelmännlein. Sie haben nie von der schönen Lau oder der 40000 Jahre alten Venus von Schelklingen gehört.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Gehörten sie zur Familie der Eiderenten, könnten sie mühelos bis auf den Grund des Blautopfs tauchen, wo sich in einer Tiefe von einundzwanzig Metern ein Zugang zu einem gewaltigen System aus unterirdischen Höhlen und Gängen öffnet, das bis auf den heutigen Tag weitgehend unerforscht ist. Aber so viel weiß man: Etwa 160 Quadratkilometer groß ist das Gebiet, aus dem der Quelle das Wasser zufließt. Doch Stockenten zieht es nicht in die Tiefe, sie tauchen längst nicht so gut wie Eiderenten, und so können sie nicht wissen, ob unter ihnen nicht noch immer schöne Wasserfrauen hausen, so muntere und kluge Mädchen, als je auf Entenfüßen gingen, denn was von dem gemeinen Stamm der Wasserweiber ist, hat rechte Entenfüße.

          Eine Bimmelbahn wie ein Sträflingstransport

          Es lässt sich manches über die Schwäbin sagen, aber Entenfüße hat sie nicht. Auch die Touristinnen, die in Blaubeuren aus großen Bussen steigen, um sich in das Blautopfbähnle pferchen zu lassen, das sie im Nu durch den ganzen Ort gebracht hat, dürften wohl kaum Entenfüße aufweisen. Präzisere Rückschlüsse lässt ihr meist unförmiges Schuhwerk leider nicht zu. Was das Stuttgarter Hutzelmännlein, das sich auf die Kunst verstand, Glücksschuhe zu schustern, zu diesen schuhgewordenen Schreckensprodukten der Freizeitindustrie sagen würde, mag man sich gar nicht ausmalen. Vermutlich hätte es aus Ärger und Entsetzen die Profession gewechselt und wäre Scherenschleifer geworden: „Scheraschleifer, wetz, wetz, wetz, / Laß dei’ Rädle schnurra!“

          Das Blautopfbähnle auf seinen Gummirädle ist ein notdürftig als Wildwest-Eisenbahn verkleidetes Automobil mit zwei Anhängern, in die man reiselustige Rentner gezwängt hat. Sie werden durchs Dorf gefahren wie ein Sträflingstransport, den Einheimischen zur Abschreckung: Seht her, so ergeht es einem, wenn man ohne Not Haus und Hof verlässt, um in der Fremde Löcher in die Luft zu starren! Mürrisch blicken die Männer und Frauen aus den verglasten Anhängern ins wehrlose Blaubeuren hinein, das sich wundert über die vielen Fremden: So mancher Grantler, Zuberklaus und Raritätsvogel, wie Mörike sagen würde, scheint da im Bähnle zu sitzen.

          Weinstände, Wurstbuden und ein Weltrekordkirchturm

          Dass der Verfasser des „Hutzelmännleins“, ein kleiner Landpfarrer und ein großer Dichter, selbst ein Raritätsvogel war, weiß man in ganz Schwaben, lässt es aber nur ungern an dem Hinweis fehlen, dass solche Raritätsvögel im Ländle an allen Ecken und Enden vorkommen: „Der Schelling und der Hegel, / der Schiller und der Hauff, / das ist bei uns die Regel, / das fällt hier gar nicht auf.“ Der Vierzeiler aus dem Jahr 1897 stammt von dem Kunsthistoriker, Archäologen und Gelegenheitsdichter Eduard Paulus, über dessen Geburtsstadt Stuttgart der Ludwigsburger Mörike die Kinder in seinem Märchen vom Hutzelmännlein Spottverse singen ließ: „Stuagart is a grauße Stadt, / Lauft a Gänsbach dura.“ Ob damit der Neckar gemeint war? Gut möglich, denn im Vergleich zur fast dreitausend Kilometer langen Donau, in die das Wasser des Blautopfs mündet, ist der nur 360 Kilometer lange Neckar tatsächlich kaum mehr als ein Rinnsal, allerdings eines, das gerne über seine Ufer tritt.

          Weitere Themen

          Die Flucht ins Leben

          Gran Canaria : Die Flucht ins Leben

          Gran Canaria ist ein sicheres Reiseziel. Das sagt sogar die Kanzlerin – und rät uns dringend davon ab hinzufahren. Wir haben es trotzdem getan – und können es nur wärmstens empfehlen.

          Topmeldungen

          Zwischen Angst und Wut: Unter den Demonstranten in Thailand sind viele junge Frauen, die sich von den Traditionen ihrer Eltern abwenden.

          Proteste gegen Rama X. : Thailands König entzweit Familien

          Die junge Thailänderin Nan demonstriert in Bangkok für eine Einschränkung der königlichen Rechte. Sie will nicht vom reichsten Monarchen der Erde regiert werden. Ihre Eltern aber wollen nicht an den Traditionen rütteln.
          „Geschlossen“: Schilder wie dieses hängen derzeit wegen der Corona-Pandemie an der Tür vieler Restaurants.

          Allianz-Chef zu Corona : „Pandemien sind nicht versicherbar“

          Viele Gastwirte wollen wegen der Corona-Verluste Geld von ihrer Versicherung. Allein 150 Klagen richten sich gegen die Allianz Deutschland. Doch deren Chef sagt: Die Policen wurden nicht als Schutz vor einer Pandemie verkauft.
          Lange Schlangen vor den Supermärkten sind auch vor Weihnachten wieder zu erwarten.

          So reagiert der Handel : Lange Schlangen und gähnende Leere befürchtet

          Wenige Wochen vor dem Weihnachtsfest hat die Bundesregierung die Corona-Maßnahmen noch einmal verschärft – sehr zum Ärger des hiesigen Handels. Gerade Supermärkte haben für die Regeln nur wenig Verständnis.
          Schwierige Partner: Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen

          Polens Außenminister : Die EU-Verträge sind heilig

          In Europa gilt das Einstimmigkeitsprinzip. In den Regelungen für die Corona-Hilfe soll das nun rechtswidrig umgangen werden. Polen muss mit einem Veto drohen, um einen drohenden Vertragsbruch abzuwenden. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.