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Schweiz : Das zweite Leben der Strohhüte

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Seit siebzehn Jahren ist die Einrichtung eines neuen Nationalparks ein beharrlich verfolgtes Vorhaben im Tessin. Bild: Picture-Alliance

Im Tessin soll der zweite Nationalpark der Schweiz entstehen. Doch die Geburtswehen des Parco Nazionale del Locarnese ziehen sich hin und sind heftig. Nicht nur schützenswerte Ortsbilder sollen erhalten werden.

          7 Min.

          Der Chauffeur des Schweizer Postbusses meistert die aufreibende Fahrt in die alpine Sackgasse mit Bravour. Über dreiundzwanzig Kilometer lenkt er sein gelbes Gefährt bergauf durchs Valle Onsernone: durch winzige Dörfer aus grobbehauenem Granit wie Auressio, Loco, Russo oder Comologno; durch Kurven, Haarnadelkurven und noch mehr Kurven; durch Serien von schmalen Spitzkehren, einspurigen Passagen und extremen Engpässen am Abgrund, ständig haarscharf vorbei an Felswänden, Kirchenmauern, Brückengeländern und Leitplanken. Im Weiler Spruga ist Endstation für den Bus, aber die Verknotung der Serpentinen in den Steilhängen geht weiter, fortan als schmaler Wanderweg bergab.

          Nach eineinhalb Stunden Fußmarsch steht man am Flüsschen Isorno vor einer bizarren Ruine. Mauerwerk und Gewölbekonstruktion erinnern an eine römische Badeanstalt, doch existiert hier, genau auf der unsichtbaren Grenze zwischen der Schweiz und Italien, kein antikes Monument. Vielmehr ist das Mauerskelett der Überrest der Bagni di Craveggia, eines beliebten Thermalbades aus dem neunzehnten Jahrhundert. Vom einstigen Kurhotel lassen sich die Grundmauern nur noch erahnen, die Badehäuser sind verfallen und ausgeweidet, nur sechs Badewannen schimmeln in den düsteren Katakomben vor sich hin. Es ist ein seltsamer Ort, beklemmend und anrührend zugleich, ganz so, als würde hier kurz vor der Apokalypse ein letzter Rest von Zivilisation zerbröckeln.

          Der Nationalpark ist umstritten, und vor der entscheidenden Volksabstimmung, die Mitte nächsten Jahres stattfinden soll, regt sich sogar aktiver Widerstand.
          Der Nationalpark ist umstritten, und vor der entscheidenden Volksabstimmung, die Mitte nächsten Jahres stattfinden soll, regt sich sogar aktiver Widerstand. : Bild: Picture-Alliance

          In Wirklichkeit wurden die Bagni di Craveggia von einer Lawine zerstört, und jetzt stehen sie symbolisch für den Niedergang einer alpinen Region, die seit je von Armut gezeichnet war und die den anderswo gelungenen touristischen Anschluss nur vorübergehend geschafft hat. Das letzte Wort freilich scheint nicht gesprochen. Denn beim Näherkommen entdeckt man neben den Gebäuden zwei nagelneue Badewannen aus glattgeschliffenem Granit, die der Wanderer bei Bedarf aus der gefassten, neunundzwanzig Grad warmen Quelle füllen kann. Vor den Ruinen der Vergangenheit wirken sie wie eine trotzig zuversichtliche Botschaft fürs einundzwanzigste Jahrhundert, und tatsächlich sind sie der Hinweis auf ein seit siebzehn Jahren beharrlich verfolgtes Vorhaben: die Einrichtung eines neuen Nationalparks im Tessin.

          „Wir sind für alles offen“

          Der Parco Nazionale del Locarnese wäre erst der zweite Schweizer Nationalpark überhaupt, und er soll eine völlig andere Zielsetzung verfolgen als sein Pendant in Graubünden. Während sich dort der mehr als hundert Jahre alte Park ganz dem Naturschutz verschrieben hat, geht es im Locarnese um mehr: um die nachhaltige Förderung von Natur, Kultur und Wirtschaft. Denn Naturschutz kann sich hier nicht auf die Bewahrung uralter Wälder oder Landschaftsbilder berufen, weil die Natur in den Tälern und auf den Berghängen erst in den vergangenen sechzig, siebzig Jahren herangewachsen ist: halbwüchsige Wildnis auf dem Boden einer jahrhundertealten Kulturlandschaft. Noch vor zwei, drei Generationen rackerten sich die Menschen auf einem ebenso mühselig wie kunstvoll errichteten System von Terrassierungen aus Trockenmauern ab oder hüteten ihre Kühe, Schafe und Ziegen auf Bergwiesen und Almen. Nur ein Zehntel der Fläche war damals bewaldet. Der seither durch Abwanderung der Bevölkerung und Vernachlässigung der landwirtschaftlichen Flächen entstandene Mischwald aus Buchen, Kastanien, Linden, Lärchen und Weißtannen ist also kein Urwald im eigentlichen Sinne, zumal sich mittendrin Hunderte von Rustici verstecken, verlassene Granitsteinbauten der ehemaligen Bauern und Viehhirten.

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