https://www.faz.net/-gxh-a301u

Zu den Wurzeln!

Von JENS KUHR
Foto: picture alliance

6. September 2020 · Der Waitukubuli National Trail ist der erste Weitwanderweg der Karibik. Er führt fast 200 Kilometer lang durch sechs Vegetationszonen, und die Wanderer erfahren viel über die Antilleninsel Dominica.

Casper Burdon schwört auf Kaninchenkot. „Für den Boden gibt es nichts Besseres“, sagt der 33-Jährige. In grauen Shorts steht er oberhalb des tief eingeschnittenen, dicht mit Farnen und alten Tropenbäumen bewachsenen Dublanc River Tales. Am Himmel kreist ein Falke. „Der hat es auf meine Kaninchen abgesehen“, erklärt der bärtige Mann. Ein besonders dickes hält er schützend im Arm. Es hatte sich aus dem Drahtkäfig unter der Krone des Mangobaumes befreit und wäre das erste Opfer des Greifvogels geworden.

Vor einem Jahr hat Burdon sich hier oben einen Hektar Land gekauft. Die Jacko-Farm, streng ökologisch. In sie verliebt hat sich der gebürtige Kanadier während einer Wanderung auf der zehnten Etappe des Waitukubuli National Trails. Der im Jahr 2011 mit europäischer Hilfe fertiggestellte Wanderweg verläuft in 14 Etappen 184 Kilometer von Scotts Heads im Süden der Karibikinsel Dominica zum Cabrits Nationalpark im Norden. Er führt über die Höhen des oft dampfenden Regenwaldes im Morne Trois Pitons Nationalpark, durch tiefe Schluchten, lebendige Dörfer und vorbei an spektakulären Wasserfällen.

Auf den steilen Hängen der Jacko-Farm gedeihen Avocados, Brotfrüchte und Bananen. Ananas und Kokosnuss erntet Burdon von kleinwüchsigen Bäumchen. All das bekommen auch die Gäste im Guesthouse der Farm. Wenn welche da sind. Während der Corona-Pandemie war die Insel vom 26. März bis zum 15. Juli selbst für Einheimische geschlossen. Dabei hat das Virus bis heute lediglich 21 Menschen infiziert, bei einer Bevölkerung von knapp 70.000. Daran gestorben ist bislang niemand. Seit dem 7. August sind Reisen nach Dominica wieder möglich.

Wanderer auf dem Waitukubuli National Trail
Wanderer auf dem Waitukubuli National Trail Foto: Jens Kuhr

Über der Jacko-Farm erhebt sich der Gipfel des mit 1447 Meter höchsten Berges Dominicas, des Morne Diablotins. Dorthin führt der 34-jährige Jeffrey Akwasi Asiedu. Zu Beginn streift der Pfad die ausladenden Brettwurzeln der fast 40 Meter hohen, von Lianen überwucherten Gommier-Bäume. Ihr hartes Holz eignet sich gut für die Einbäume der Kalinago, der Ureinwohner Dominicas, aber auch als rutschfeste Stufen für die Wanderwege der Insel. Asiedu schlägt einen faustgroßen Stein gegen eine der Brettwurzeln. Dumpf hallt es durch den Wald. Auf diese Weise kommunizierten früher nicht nur die Kalinago. Mitte der 1970er Jahre waren auch die Rastas darauf angewiesen. Die Anhänger der jamaikanischen Glaubensrichtung Rastafari wurden Opfer des 1974 erlassenen Dread Acts, der sie zu Vogelfreien machte. Willkürliche Verhaftungen und das öffentliche Abschneiden ihres verfilzten Kopfschmucks, die Dreadlocks genannt wurden, ließen viele von ihnen in die Wälder fliehen. Hier halfen ihnen die Wurzeln, um sich über größere Entfernungen auszutauschen.

Weiter oben macht eine Gruppe von Kaiseramazonen mit durchdringenden Schreien auf sich aufmerksam. Aufgeschreckt kreisen bunte Papageien über den Baumriesen, die zunehmend Platz machen für haushohe Farne und ein Wurzelwirrwarr, auf, zwischen und unter dem es nun immer höher geht. Es quietscht und gluckst, wenn die Füße doch einmal den Boden berühren. Hier hängen die Wolken fest.

Dominica ist die grünste Insel der Antillen – wer Strand sucht, bevorzugt andere
Dominica ist die grünste Insel der Antillen – wer Strand sucht, bevorzugt andere Foto: Jens Kuhr
Dominica ist die grünste Insel der Antillen – wer Strand sucht, bevorzugt andere Foto: Jens Kuhr

Schon als Kind streifte Asiedu durch die Wälder Dominicas: „Ich kannte jeden Wasserfall und wusste, dass sich Boas kringeln, wenn sie Gefahr spüren. Die scheuen Schlangen sind harmlos, fressen höchstens mal ein Huhn.“ 2004 unterbrach er das Inselleben und ging für eine kaufmännische Ausbildung nach Deutschland. In Hannover folgte eine Zeit als Geschäftsführer in der Gastronomie. 2012 wollte Asiedu zurück und arbeitet seitdem im Tourismus. Vor ein paar Wochen kam die Nachricht, dass die staatliche AID-Bank ihm einen Kredit für den Bau von ein paar Touristen-Lodges gewährt. Ob der Traum Wirklichkeit wird, steht in den Sternen. Beim Gespräch über die Corona-Pandemie wippt Asiedu mit dem Fuß. Er ist sicher, dass der Tourismus sich so schnell nicht erholen wird, und fragt sich, ob seine Zukunft wirklich auf Dominica liegt: „Erica, Maria, Corona. Was wir aufbauen, stürzt sofort wieder ein.“

Zweieinhalb Jahre bevor Corona dem Tourismus und damit dem neben der Landwirtschaft größten Arbeitgeber der seit 1978 unabhängigen Republik ein vorläufiges Ende setzte, suchte „Maria“ die zwischen Martinique und Guadeloupe gelegene Insel heim. Der Hurrikan verwüstete mit Geschwindigkeiten von über 300 Stundenkilometern nahezu alles. Dabei hatte das sich gerade von Hurrikan „Erika“ erholt, dessen Wassermassen 2015 ganze Dörfer ins Meer gerissen hatten.

Dichte, uralte Wälder findet man noch auf Dominica
Dichte, uralte Wälder findet man noch auf Dominica Foto: picture alliance
Dichte, uralte Wälder findet man noch auf Dominica Foto: picture alliance

Im Bergdorf Bellevue Chopin ist davon nichts mehr zu sehen. Hier endet die zweite Etappe des Trails. Am Ortsrand betreibt Roy Ormond die Harmony Gardens. Unter einem Bambusunterstand hat er etwa 50 Kräuter, Früchte, Wurzeln, Blätter und Gräser drapiert. Der Mann weiß, wie traditionelle Medizin funktioniert. Mit Engelsgeduld erklärt er, dass Noni, dessen buckliger, weißer Fruchtkörper mit gelben Pünktchen gesprenkelt ist, gut gegen Knieprobleme, Prostatakrebs und Bluthochdruck hilft. Die orange leuchtenden Tumarik-Wurzeln ähneln verpuppten Insektenlarven und wirken als Antiseptikum – als Rohkost-Snack, im Tee oder direkt auf der offenen Wunde. Gegen Parkinson empfiehlt Ormond die spitz zulaufenden Blätter und gelben Blüten eines Strauches namens „Sinni“.

Rote Felsen am Pointe Baptiste bei Calibishie
Rote Felsen am Pointe Baptiste bei Calibishie Foto: Jens Kuhr

Von den Harmony Gardens führt Ormonds Kollege Dylan Williams durch dichte Vegetation in allen Grünschattierungen über die dritte Etappe des Weges. Die Sonne steht hoch. Eine Zimtpflanze mit länglichen, ledernen Blättern schlängelt sich an einem Baumstamm empor. Williams zeigt, wie die Pflanze so vom Stamm zu trennen ist, dass sie im heimischen Garten problemlos anwächst: „Der Weltmarktpreis für hochwertigen Zimt geht gerade durch die Decke, viele Leute verdienen sich mit dem Gewürz etwas dazu.“ Es geht langsam voran, weil der Wanderführer mit seiner Machete den Weg freischlagen muss. So ähnlich muss sich Alexander von Humboldt während seiner Südamerika-Reise vor rund 220 Jahren gefühlt haben, nur dass dessen Führer nicht telefonierten. Unablässig versucht Williams mit seinem Handy eine Führung in Giraudel zu organisieren. Der Ort, etwa auf der Hälfte der Etappe, ist berühmt für seine Blumen. 

In Wotten Waven geht der Tag zu Ende. Jetzt sind die natürlichen Open-Air-Pools des Ortes mit ihren unterschiedlichen Wassertemperaturen aufgrund vulkanischer Aktivitäten genau das Richtige. Sehenswert ist auch das Atelier von Gharan Burton, einem der vielen Kreativen der Insel, die sich in der Waitukubuli Artist Association zusammengeschlossen haben. In überschwänglichen Farben, die typisch sind für die Malerei in der Karibik, beschreibt der 37-Jährige den Alltag auf Dominica. Der Rundgang durch die Galerie gerät selbst zu einer Reise.

Der Maler Gharan Burton in seinem Atelier
Der Maler Gharan Burton in seinem Atelier Foto: Jens Kuhr

Auf die letzten Kilometer des Waitukubuli National Trails haben sich Valery Francis und ihre Pferde spezialisiert. Wer will, kann von der Mündung des Bell Hall Rivers bis zum Strand in Portsmouth reiten und dort mit den Pferden zusammen ins Wasser gehen. Etwas heikel ist die Passage über das neu gebaute Kempinski-Areal. Dessen Promenade und damit ihre alte Strecke darf Francis nach langen Verhandlungen mit der Hotelleitung seit kurzem wieder nutzen. Aber nur, wenn sich keiner der Hotelgäste daran stört. Francis: „Auf keinen Fall dürfen die Hinterlassenschaften der Pferde die Gäste belästigen.“ Dann passiert es doch. Stute Judy entlässt ein paar Pferdeäpfel auf den frisch gewienerten Betonboden. Mit eindringlicher Geste fordert Francis die kleine Gruppe sofort auf, weiterzureiten, als wäre nichts gewesen. Sie selbst springt vom Pferd und befördert die Exkremente in den Müll. Casper Burdon, der Ökobauer von der Jacko-Farm, hätte wohl eine bessere Verwendung gehabt.

Der Weg nach Dominica



Corona
Seit dem 7. August sind Reisen nach Dominica wieder möglich. Touristen müssen bei Ankunft einen negativen, höchstens 72 Stunden altes Corona-Test vorlegen. Zusätzlich wird bei der Einreise ein Schnelltest-Screening durchgeführt. Spätestens 24 Stunden vor Ankunft muss ein Gesundheitsfragebogen abgeschickt sein.

Anreise
Ab Deutschland via Paris nach Point á Pitre (Guadeloupe) oder Fort de France (Martinique) ab 445 Euro. Am nächsten Tag mit Fähre nach Roseau (Dominica) für rund 120 Euro. Ohne Zwischenübernachtung (voraussichtlich ab Ende Oktober) über Paris und St. Maarten ab 800 Euro.

Unterkunft
Traumhaftes Essen und netter Pool: Hotel „The Champs“ ab etwa 130 Euro (DZ), Traumhafte Lage direkt am Fluss: „Banana Lama Eco Villas“ ab etwa 120 Euro (Cottage), Traumhafter Meerblick: „Tamarind Tree Hotel“ ab etwa 95 Euro (DZ), alle drei Hotels sind coronazertifiziert, d.h. alle sind gemäß den geltenden Gesundheits- und Sicherheitsrichtlinien hinsichtlich Corona durch das Gesundheitsamt in Dominica zertifiziert.

Weitere Infos
discoverdominica.com/de

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 09.09.2020 18:37 Uhr