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: Der Sternenhimmel über Kenia

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"Jambo!" Das Wort klingt, als hätte es eine Werbeagentur für die kenianische Tourismus-Industrie erfunden. "Jambo" heißt auf suaheli "Hallo, willkommen, wie geht's? Touristen lieben dieses Wort. In der ...

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          "Jambo!" Das Wort klingt, als hätte es eine Werbeagentur für die kenianische Tourismus-Industrie erfunden. "Jambo" heißt auf suaheli "Hallo, willkommen, wie geht's? Touristen lieben dieses Wort.

          In der Hauptstadt Nairobi, den Safari-Camps der Massai Mara oder an der Küste um Mombasa führt der Besucher ungefähr hundertmal am Tag mit den Einheimischen seinen "Jambo? Jambo!"-Dialog. "Jambo" erzeugt einen ganzen Horizont positiver, urlaubstauglicher Assoziationen: Man denkt an Früchtekörbe, possierliche Dickhäuter oder fröhliche Menschen.

          So trauen wir unseren Ohren kaum, als wir an einem glasig-hellen Morgen in Sindo ankommen und weit und breit kein "Jambo" zu hören ist. Sindo ist ein staubiges Nest am nordöstlichen Ufer des Victoria-Sees, ein Handelsknotenpunkt für die umliegenden Dörfer. Hier verkauft man sein Gemüse, schickt seine Kinder in die Schule oder läßt sein Fahrrad reparieren. Touristen empfängt man hier nicht. Denn Sindo sieht aus wie ein unaufgeräumtes Zimmer, dessen Tür man vor dem Besucher lieber schnell zuschlägt. Die Hütten sind schief aus dem Boden gewachsen, der Müll wird penibel zur Straßenmitte gekehrt, wo er - festgetrampelt - den fehlenden Belag ersetzt. Auch uns ist es eigentlich bestimmt, Sindo so schnell wie möglich hinter uns zu lassen. Ein Geländewagen soll uns hier abholen und in den naheliegenden Ruma-Nationalpark bringen, in dem es seltene Tier- und Pflanzenarten zu bewundern gibt.

          Es ist ein eindrucksvolles Panorama, das sich rund um den See entfaltet. Kleine, hölzerne Fischerboote kommen vom frühmorgendlichen Fang. Stolz schleifen die Fischer ihre Barsche zum Marktplatz am Strand. Auf einmal erhebt sich allgemeines Gekicher. Durch die Menge spaziert ein stattlicher nackter Mann, der ungerührt inmitten des Getümmels sein Morgenbad im See nimmt. Auftritt des Dorfverrückten. Die große Schüchternheit der Bewohner maskiert sich mit absichtlichem Übersehen.

          Der Victoria-See ist die Lebensader der Menschen, und er macht einen friedlichen und gütigen Eindruck. Aus dem riesigen See, der größer ist als die Schweiz, beziehen die Menschen ihr Trinkwasser, ihre Nahrung und ihre Energie. Selbst für gutes oder schlechtes Wetter sorgt der Victoria-See. Mit seiner hügeligen Küste, seinen grünen Inseln und seiner endlosen Weite gleicht er eher einem Meer als einem süßen Binnengewässer.

          In der letzten Zeit waren vom Victoria-See wenig erfreuliche Nachrichten zu hören. Der nimmersatte Nilbarsch, in den fünfziger Jahren von japanischen Fischerei-Experten ausgesetzt, soll dabei sein, das Riesengewässer systematisch leer zu fressen. Mit der Ausbreitungswut des robusten Raubfisches, der bis zu zwei Meter groß und 250 Kilo schwer werden kann, hält nur die Wasserhyazinthe Schritt, deren grüne Teppiche mit den violetten Blüten inzwischen ganze Uferabschnitte bedecken. Aus der Flugzeugperspektive sieht das hübsch aus, unter dem Mikroskop erweist es sich aber als die Brutstätte heimtückischer Krankheiten wie der gefährlichen Wurminfektion Bilharziose.

          "Sie können hier ruhig schwimmen. Ich mache das auch jeden Tag. Das ist kein Problem." Der Manager des Mfangano Island Camp zerstreut alle Bedenken über den Victoria-See. Die kleine Insel Mfangano liegt etwa eine halbe Stunde von Sindo und dem Ufer entfernt. Sie ist ein felsiges Eiland, das sich im Unterschied zur quirligen Nachbarinsel Rusinga zu fast hundert Prozent in Naturbesitz befindet. Nur einige kleine Dörfer, mysteriöse rote Felszeichnungen und eines der teuersten Hotels Kenias künden inmitten des wuchernden Grüns von der Zivilisation.

          Sena, das Hauptdorf, macht einen friedlichen Eindruck, abgeschirmt von allen Aufregungen der Gegenwart. Nicht einmal Plakatspuren des Präsidentschaftswahlkampfes vom vergangenen Dezember sind hier zu finden, als nach 24 Jahren der ehemalige Lehrer Daniel Arap Moi zur Freude seiner Untertanen abgelöst wurde.

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