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Whitstable in Kent : Der schönste Sonnenuntergang Britanniens

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Eine Delikatesse seit den Zeiten der Römer: Die Austern sind bis heute der ganze Stolz von von Whitstable Bild: Martin Glauert

Whitstable an der Nordküste von Kent gilt Feinschmeckern wegen seiner Austern als Himmel auf Erden. Für einen der berühmtesten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts aber war der Ort die reinste Hölle.

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          Ausgerechnet am Dead Man’s Corner sitzen sie, jener Ecke des Hafenbeckens von Whitstable, die bei den Einheimischen so heißt, weil die Strömung neben Treibgut hier manchmal auch einen toten Seemann anspült. Da sitzen die Fischer an einem einfachen Blechtisch, trinken Kaffee, rauchen Zigaretten und sehen sehr lebendig aus. Die kräftigen Arme sind flächendeckend tätowiert, die Stimmung ist bestens, laut und dreckig wird gelacht. „Sollen wir uns nackig machen?“, bieten sie dem Touristen an, der ein Foto von ihnen knipst und dann schnell das Weite sucht. „English Fish“ steht stolz auf dem flatternden Wimpel am Mast, einmütig sind sie für den Brexit, wegen der Fangquoten. Die Beute des heutigen Fischzugs ist gut und wird gerade nebenan in der Fischhalle verkauft. Am Eingang wacht ein lebensgroßer Seemann aus Plastik im gelben Ölzeug, in der Hand hält er einen großen Fisch am Schwanz. Zu ihm hat sich eine riesige Pommestüte gesellt, die sich lächelnd selbst verzehrt. Fish & Chips, das englische Nationalgericht, hat hier ein Heimspiel.

          Gegenüber, vor den schwarzen Holzschuppen auf der anderen Seite des Beckens, hat sich inzwischen eine Schlange aus geduldig wartenden Menschen gebildet. Das Objekt der Begierde ist eine Lieferung frischer Austern, direkt vom Kutter. Austern in England, das hätte man nicht gerade erwartet. Dabei ist die flache Themsemündung seit jeher der ideale Zuchtgrund für Austern, liefert der Fluss doch wertvolle Nährstoffe aus dem Marschland. Schon die Römer waren von ihrem Geschmack so beeindruckt, dass sie die seltsamen Muscheltiere bis nach Italien exportierten. Direkt vor der Küste liegen ausgedehnte Austernbänke, die mehr als zweihundert Jahre lang das wirtschaftliche Rückgrat von Whitstable bildeten. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts schickte der kleine Hafenort jährlich weit mehr als hundert Millionen Austern zum Fischmarkt von Billingsgate in London, auf dem sie als billiges und nahrhaftes Essen des armen Mannes galten. 1894 erhielt die Whitstable Oyster Company sogar die Erlaubnis, ihre Austern an die Queen zu liefern.

          Nehmt Euch vor den giftigen Seesternen in Acht!

          Von dieser Blütezeit zeugt das stolze Backsteinhaus am Horseshoe, dem ehemaligen Umschlagplatz am Strand. Hier, in den Royal Native Oyster Stores, hatten sich die Fischer und Austernzüchter in einer Genossenschaft organisiert. „Der freie Austernfischer ist absolut unabhängig, er muss seinen Hut weder vor dem feinen Herrn noch vor dem Landbesitzer ziehen“, hieß es selbstbewusst in einer Festschrift. Sie betrachteten sich als die Aristokratie des Ortes, von denen der Wohlstand der übrigen Bewohner abhing. Die Arbeit war freilich hart. An sechs Tagen in der Woche, bei gutem wie bei schlechtem Wetter, waren die Mannschaften an den Austernbänken beschäftigt, säuberten die Käfige, töteten die giftigen Seesterne und fischten die reifen Austern mit Schleppnetzen ab.

          „Eine Zeitlang hatten wir die Pazifische Auster, weil die schneller heranwächst“, sagt Steve, „aber in den vergangenen Jahren sind alle wieder auf einheimische Sorten umgestiegen. Die sind größer und geschmackvoller.“ Aber auch bei den Einheimischen sind offenbar erhebliche Unterschiede zu beachten, wie wir von den kreidebeschriebenen Schiefertafeln an der ehemaligen Fischerhütte The Forge lernen. Sie ist aus den typischen schwarzen, pechbemalten Holzbrettern gezimmert und steht neben dem Fußpfad zum Meer. Auf einem Holztablett liegen die Austern in der Abendsonne, in einem Bett von Eis und Zitronen. Da gibt es die Trestle Oysters, die drei Jahre reifen müssen. Die Seasalter Jumbos dagegen wachsen wild und brauchen mindestens fünfzehn Jahre. Wild Whitstable Bay und Whitstable Pearl komplettieren das Angebot.

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