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Der Schirm : Es wird schon nicht so schlimm

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Nach Wochen der Hitze und der Trockenheit regnet es endlich wieder. Bauern und Allergiker können aufatmen. Ebenso ist eine besondere Spezies Mensch wieder zu sehen: die Träger des Regenschirms. Sie haben endlich eine Gelegenheit, ihr geliebtes Utensil hervorzuholen und wir einen Grund, unser Verhältnis zum Schirm zu überdenken.

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          Schirme machen keine Freude. Nur selten wenigstens. Denn hierzulande erinnern sie noch immer an schlechtes Wetter. Manchmal riechen sie nach nassem Hund. Und überhaupt: Wer will schon, dass es regnet?

          Lässt es hingegen zu regnen nach, lässt man den Schirm prompt stehen. Nur gut, dass dies auch anderen passiert. So gehen die Dinger von Arm zu Arm - nur dass man sie nicht immer gebrauchen kann. Den einst erbeuteten Riesenschirm etwa mit der Aufschrift „Sauwetter“ aufzuspannen schien bei der Beerdigung selbst weitläufiger Verwandtschaft pietätlos. Also wurde die Sippe triefnass und schwor dem Ungetüm baldige Rache. Will heißen: Adieu. Bis dahin aber goss es aufs Haupt. Bei diesem Anblick immerhin war einen Moment lang die Sage glaubhaft, wonach aus nassen Pilzen einst die Menschheit entstanden sei. Und - aber das steht nicht in Ovids „Metamorphosen“ - vermutlich aus einem fuchsteufelswilden Parasolpilz der Schirm.

          Von Gefängnisinsassen gebastelt

          Und doch kann ein Schirm solchen Zauber verbreiten, dass selbst mythische Figuren wie der Fliegende Robert, wie Mary Poppins, Pan Tau und in gewisser Weise sogar der legendäre Regendegen John Steed kaum mehr als dessen Abglanz sind - ein poetisches Surrogat, weil irgendjemand an den buchstäblichen Charme eines Schirms allein nicht glauben mochte. Denn der Zauber, ganz wie in jenen Tagen, als der Schirm einzig und allein über Potentaten aufgespannt wurde, geht immer nur in die eine Richtung, nämlich auf seinen Träger über - nie aber umgekehrt.

          Was aber macht der Schirm nicht alles mit einem? So wäre ich beinahe mitsamt meinem Schirm von Rilkes Grab in Raron bis hinunter ins Tal geweht worden, ehrlich. Da fühlt man sich mit Schirm auf einmal der Schwerkraft ledig; geradeso, als sei er Teil einer anderen Welt, wozu es wiederum passt, dass er aus fernen Ländern stammt und das einst als Insignium exotischer Würdenträger galt. Davon ist heute bloß die teflonbeschichtete Tigerbordüre geblieben. Zudem kommen fast alle Schirme jetzt aus China - und das liegt mittlerweile vor der Haustür. Vielleicht entstammt dieser Zauber aber auch aus unserer Kindheit, da wir Cocktailschirmchen, gleichfalls in China produziert, als etwas Wunderbares empfanden. Selbst das Gerücht, sie würden von Gefängnisinsassen in mühevoller Handarbeit gebastelt, tut der Magie keinerlei Abbruch.

          Sichtrauen unter Vorbehalt

          Das schöne Wort „Teleskopschirm“ weist ebenfalls hinaus in andere Sphären, Lichtjahre entfernt vom ordinären Knirps mit Swarowskiklunkern, den garantiert keiner einfach so mitnimmt. Dagegen ist das „It's raining cats and dogs“-Modell von Moschino zwar eine Augenweide, aber noch lange kein Vergleich zu jenen ätherischen, mit Pelz, Flitter und Perlen besetzten Schirmchen vornehmer Damen, wie sie im angeblich einzigen Schirmmuseum der Welt, in Gignese im italienischen Piemont, der Heimat von Schirmhändlern und Schirmflickern, zu bestaunen sind.

          Was diese Schirme fast vergessen machen: dass sie dem Menschen ein rührender Behelf sind, ein Sichtrauen unter Vorbehalt. Man wagt sich hinaus, aber weiß sich dabei in kindischer Manier zu schützen. „Es wird schon nicht so schlimm“, sagt der Schirm und dreht sich dabei wie ein buntes Rad. Wenn aber doch, dann stülpt er sich kurzerhand um und dient keine Sekunde länger - es sei denn, man besäße ein Exemplar, das laut Garantie nicht stülpt und angeblich selbst Hurrikanen und ähnlich widrigen Umständen trotzt. Es kann also jeden Moment anders sein mit dem Schirm. Eine Ahnung Gefahr ist deshalb dabei. Nicht allein, was das Wetter betrifft.

          Das rauschhafte und erotische Element

          Noch ein Zauber: Schirme lassen Männer distinguierter erscheinen, kultivierter, dafür auch älter. Selbst Studenten. Aber nirgends wird es so deutlich wie bei englischen Angestellten der Banken und der Börse auf dem Weg früh morgens in London zur Arbeit. Da lesen wir sie sogar als einen Ausweis der Vertrauenswürdigkeit. Daneben findet sich natürlich auch bei Männern jene vollkommen zweckfreie Schirmverlorenheit, wie sie der Spaziergänger aus Palermo oder der Mann am Meer zeigen. Je jünger aber der Herr, desto entschiedener empfehlen wir einen gehörigen Abstand zu Knirps nebst Täschchen. Einen Wolkenbruch sollte ein angehender Mann im Prinzip aushalten können. Und wenn er danach noch schön ist, so soll es uns nur recht sein.

          Es gab und gibt Frauen, die sind unwiderstehlich mit Schirm. Dazu muss man nicht unbedingt als Françoise Gilot mit einem verliebten Picasso am Strand herumtollen. Selbst im einundzwanzigsten Jahrhundert geht das noch, und sei es in Galle auf Sri Lanka, falls man seine Augen aufmacht, anstatt übellaunig durch Pfützen zu trampeln. Nicht ohne Grund war der Schirm lange Zeit ein Accessoire des Flirts, gepaart mit einer Schüchternheit, die nur ein Schirm mit sich bringt. Vielleicht ist das ein Teil seines Geheimnisses und der schwierigste dazu.

          Das rauschhafte und erotische Element verkörperte schon auf einem antiken Relief Bacchus, als er mit einem Schirmchen bewehrt ad inferos schwebte - bloß um der Unterwelt einen kurzen Besuch abzustatten. Und dann auf und davon.

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