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Wandern im Libanon : Die Nahostgipfel

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Stolz der Nation: Einige der Zedern im Shouf-Biosphärenreservat sind an die zweitausend Jahre alt. Bild: Günter Kast

Der Lebanon Mountain Trail zieht sich quer durch die Berge des Libanons. Er verbindet Regionen und Religionen, die sich viele Jahre bekriegt haben. Wer auf ihm wandert, begegnet Menschen, die heute auf der Flucht sind.

          Erster Tag, Etappe 19: „El Barouk – Maaser ech-Chouf“,14 km, „very difficult“

          Wie geht Wandern im Libanon? Darf man den Pfad verlassen, oder tritt man dann gleich auf eine Mine? Die ersten Kilometer sind ein vorsichtiges Vorantasten. In El Barouk gibt es ein Gästehaus, das sich als Etappenort auf dem „Lebanon Mountain Trail“ (LMT) anpreist. Ein gutes Zeichen, der Weg scheint tatsächlich zu existieren. In dem Ort leben vor allem Drusen. Man erkennt sie an ihren traditionellen Pluderhosen. Und eine schwäbische Reise-Gruppe, der man andernorts vielleicht aus dem Weg gegangen wäre, ist bereits hier und jetzt ein Anker zum Sich-Selbst-Vergewissern. Die Deutschen unternehmen allerdings nur eine leichte Tageswanderung zu den Zedernwäldern des Shouf-Biosphärenreservats. Die bis zu 2000 Jahre alten, extrem langsam wachsenden und würzig duftenden Zedern bilden einen zusammenhängenden Wald, der den Libanesen heilig ist. Eine Zeder ziert sogar die Landesflagge. Angeblich befahl ein israelischer General 1985, die Wälder von den Bombenangriffen zu verschonen. Das Wald-Reservat wird von Park-Rangern vorbildlich betreut. Es gibt ein Infozentrum und Broschüren, fast wie in einem US-Nationalpark.

          Jenseits dieses touristischen Leuchtturms schrumpft die Infrastruktur auf Normalmaß, die LMT-Markierungen verlieren sich wieder im Gestrüpp. Der Abstieg nach Maasser al-Shouf ist jedoch leicht zu finden. Friedlich schmiegt sich der Ort in ein Tal, angestrahlt vom weichen Abendlicht. Salim Elachkar, der Eigentümer einer Pension im Nachbardorf Khraibeh, wartet bereits auf seine Gäste. Während das Dienstmädchen aus Bangladesch einen Eintopf mit Okraschoten serviert, erzählt er vom Geschäft mit den Wanderern.

          Zweiter Tag, Etappe 22: „Jezzine – Aaitanit“, 15 km, „difficult“

          Erschreckend, wie schnell sich das Denken an dieses Libanon-Muster anpasst: An jedem Ortsschild wandert der Blick nach oben. Sieht man Kirchtürme oder Minarette? Plakate der Drusen-Partei oder der Hisbollah? Leben hier Schiiten oder Sunniten? Jezzine, das schmucke Städtchen im Süd-Libanon, ist größtenteils maronitisch, die beiden Kirchen zieren große Kruzifixe. Auf den Hügeln thronen inmitten von Pinienwäldern und Obstgärten elegante Häuser, die auch in der Toskana stehen könnten. Statussymbole der Diaspora, die mit 15 Millionen viel größer ist als die Zahl der Libanesen im Land selbst.

          Heute wollen Dina, George und Majd mitwandern. Die drei sind von Damaskus nach Beirut geflüchtet, wo sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. Ihre Aufenthaltsgenehmigung ist abgelaufen, sie haben Angst vor Kontrollen. An „Proviant“ mitgebracht haben sie einen einzigen Liter Wasser, viele Zigaretten und noch mehr Marihuana. Über die Funktionsjacken der Deutschen schmunzeln sie. Wenn man in diesen Tagen aus Syrien kommt, verschieben sich die Prioritäten.

          Dass das Trio noch nie vom „Lebanon Mountain Trail“ gehört hat, verwundert nicht. Allerdings schütteln auch die Einheimischen den Kopf, wenn man sie nach den weiß-violetten Markierungen des LMT fragt. Der erste Fernwanderweg des Landes mit 26 Tagesetappen auf 470 Kilometern ging vor zehn Jahren auf Initiative einer NGO an den Start. Dieser war es gelungen, von der US-Entwicklungshilfe-Behörde USAID fünf Millionen Dollar Anschub-Finanzierung einzutreiben. Das Ziel: den Tourismus fördern, aber auch die einst verfeindeten Gruppierungen in den 75 Dörfern entlang der Route zusammenführen. Herausgekommen ist dabei ein nahöstlicher Jakobsweg.

          Spurenlos ging der Krieg nicht am Land vorbei.

          In Jezzine den Einstieg in den LMT zu finden, ist ein Abenteuer für sich. Zum Glück sind die Libanesen ein kosmopolitisches Völkchen. Zumindest die Jüngeren sprechen außer Arabisch auch fließend Französisch und Englisch. Als einer der „Pfadfinder“ vom LMT hört, sagt er spontan: „Eine gute Sache. Wir müssen lernen, uns nicht länger gegenseitig umzubringen.“ Dann geht es hinauf in die Berge. Durch ausgetrocknete Wadis und über mit Macchia bewachsene Anhöhen. Es riecht nach Kräutern und Mittelmeer, der Ginster blüht goldgelb. Wer sich jemals über zu viele Leute auf dem Fernwanderweg E5 zwischen München und Meran aufgeregt hat, ist hier genau richtig: Ein Schafhirte ist den ganzen Tag der einzige Mensch, der auf der Bühne erscheint.

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