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Im indischen Himalaja : Die fünf Schätze des großen göttlichen Wächters

Ein Koloss von 8586 Metern Höhe: der Kangchendzönga, vom Tiger Hill in Darjeeling aus gesehen. Bild: Jean-Baptiste Rabouan/laif

Der Kangchendzönga, der dritthöchste Berg der Erde, überragt Darjeeling und Sikkim in Indien wie ein steinerner Himmelsherrscher. Wer ihn einmal gesehen hat, wird seinen Anblick nie wieder vergessen. Doch nicht jedem wird dieses Glück gewährt.

          11 Min.

          Wir sehen ihn nicht, aber wir spüren, dass er da ist, ein Gigant aus Gneis und Granit, dem Himmel näher als der Erde. Was wir stattdessen sehen, sind Wolkenwände, Nebelschleier und enttäuschte Gesichter, die sich auf das spektakulärste Panorama des östlichen Himalaja gefreut haben und jetzt, auf dem Tiger Hill in Darjeeling, ins Nichts starren. Nichts ist es mit dem Anblick des Kangchendzönga und des Triumvirats aus Mount Everest, Makalu und Lhotse, allesamt Achttausender, die von einem halben Dutzend Siebentausendern flankiert werden wie von ehrfürchtigen Sekundanten, um die gewaltigste steinerne Palisade des Planeten zu bilden. Dafür sind wir hierhergekommen und nicht für Berge aus Wolken, die plötzlich einen Spaltbreit aufreißen, für Sekunden nur, um uns schemenhaft eine gleißend weiße Gipfelpyramide so hoch wie das Firmament erahnen zu lassen - ein Blinzeln des Kangchendzönga wie eine geheime Botschaft an uns, dass wir die Geduld nicht verlieren sollen, und vielleicht sogar das Versprechen, dass uns dieser Berg doch nicht umsonst zu sich gelockt hat.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Wie ein Himmelsherrscher, der auf die Erde hinabgestiegen ist, thront der 8586 Meter hohe Kangchendzönga über Sikkim und Darjeeling im indischen Himalaja und beschützt die Menschen zu seinen Füßen, für die er viel mehr ist als nur der dritthöchste Gipfel der Welt. Namtse Dungmar, so glauben sie, der große göttliche Wächter des Nordens im buddhistischen Pantheon, wohnt dort oben und hat auf den fünf Spitzen des Berges fünf Schätze versteckt, Gold, Silber, Edelsteine, Korn und die Heiligen Schriften, unerreichbar für alle Menschen, für immer sicher vor ihrer Habgier. Manchmal soll man die Schätze aus der Ferne funkeln sehen. Doch die britischen Bergsteiger, die 1955 als erste Sterbliche auf dem Gipfel standen, fanden nur Diamanten aus Eis und Schnee.

          Kinderbimmelzug aus Lummerland

          Der Anblick des Kangchendzönga schlug die Briten schon ein Jahrhundert zuvor in seinen Bann. Er war einer der drei Gründe, die sie nach Darjeeling brachten. Die beiden anderen waren der Tee und die Verzweiflung über die Hitze, den Staub, den Lärm der Ganges-Ebene. Vor ihren Torturen flohen die Kolonialherren aus Kalkutta, stillten ihr Heimweh in der Morgennebelkühle auf zweitausendeinhundert Metern Höhe und richteten sich ihren indischen Paradiesgarten in der Stadt Darjeeling ein. Sie klammert sich an die Steilwände eines gewaltigen, steinernen Amphitheaters mit Logenblick auf den Kangchendzönga, so weit weg von den Qualen des Ganges, als seien diese bloß ein böser Traum, so hoch über den Verwünschungen des schwitzenden Menschengewimmels, als säßen auch die Briten hier oben auf ihrem Olymp, so wie der Wächter des Nordens auf seinem eisigen Thron.

          Doch selbst die Herrscher über die halbe Welt und ganze Ozeane konnten - anders als Namtse Dungmar - nicht auf ihren Göttersitz fliegen. Deswegen bauten die Briten eine waghalsige Schmalspurbahn von der Ganges-Ebene hinauf nach Darjeeling, den Toy Train, der tatsächlich aussieht wie eine Mischung aus Modelleisenbahn, Kinderbimmelzug und Jim Knopfs Lummerland-Express. Im Jahr 1881 wurde er fertiggestellt, und bis heute ächzt er sich tapfer den Berg hinauf, gezogen von hundert Jahre alten Dampflokomotiven, die zischen und fauchen und grollen, als wohnte ein grimmiger Geist in ihren Kesseln.

          Inzwischen ist die Fahrt vor allem eine Touristengaudi, eine Pflichtveranstaltung für die vielen Urlauber aus der indischen Mittelklasse, die eindrucksvoll das Trugbild Indiens als Land des Nahrungsmittelmangels widerlegen. Schwatzend und feixend zwängen sie sich in die Miniaturwaggons, schwer bepackt mit Knabberzeug und Kamera, jede Spitzkehre, jede Zickzackkurve, jedes Looping der abenteuerlichen Streckenführung lauthals bejubelnd und dann wieder andächtig staunend über das Weltwunder der Teeplantagen.

          Die schönste Landschaftsverschönerungspflanze

          Nie wieder wird man gedankenlos Tee trinken, wenn man dieses Bild gesehen hat: Bis sie sich im Dunst des Horizonts verlieren, klettern Abermillionen wagenradgroße Teebüsche die Hügel hinauf und rollen die Bergflanken hinab, akkurat gestutzt wie Buchsbaum in einem Rokokogarten von Landschaftsgärtnerlegionen. Sie haben der Natur ein Gewand aus sattem Grün auf den Leib geschneidert, gemustert mit feinen Abstandslinien zwischen den Büschen, damit die Teepflückerinnen ihre Arbeit tun können. Es ist ein so berückendes, so überwältigendes Bild, dass wir inmitten der Teeberge von Darjeeling nicht mehr sicher sind, welche die schönste aller Landschaftsverschönerungspflanzen ist: der Reis mit seinen Terrassen, der Wein mit seinen Rebenzeilenrastern oder doch der Tee mit seinem grünen Tupfenmuster.

          Der teuerste Tee der Welt: Für 1850 Dollar ist kürzlich ein Kilo Darjeeling der Sorte Silver Tips Imperial verkauft worden.

          Mit der rachitischen Dreckschleuder von Toy Train durch diese grazile Landschaft zu rattern ist fast ein Sakrileg. Die Lokomotive stinkt zum Himmel und macht einen Höllenlärm. Die Waggons wackeln wie Pudding und riechen wie alte Socken. Die Fahrt ist so romantisch wie ein Rendezvous im Hochofen und so gemütlich wie eine Reise in der Kohlekiste. Am Ende sehen alle Passagiere aus wie eine Mischung aus Aschenputtel und Schornsteinfeger - und trotzdem ist es ein Heidenspaß, sich vom Toy Train in eine Epoche rumpeln zu lassen, als Indien noch das Juwel in Britanniens Krone war und Königin Victoria als Kaiserin auch über den Kangchendzönga herrschte, der sich allerdings noch immer in Wolken hüllt und uns keine Audienz gewährt.

          Indiens kakophone Grundmelodie

          Bei der Ankunft in Darjeeling empfängt uns auch kein melancholischer Seufzer des Raj, sondern erst einmal das pralle indische Leben, das wie eine Brandung über uns zusammenschlägt - mit Menschenmassen links und rechts und mitten auf den Gleisen, mit Horden von Flickschustern, Bartschneidern, Scherenschleifern, Lumpensammlern, Lastenschleppern, durch die sich der Zug seinen Weg bahnt wie ein Pflug.

          Es ist das altvertraute, hassgeliebte Gehupe, Gedrängel, Geschubse, Indiens kakophone Grundmelodie, diese hochentwickelte Kunst der Chaosorganisation, diese wundersame Lenkung der allgegenwärtigen Menschenflut. Auf Darjeelings schmalem Grat findet sie kaum Platz und brandet sogar bis zum Zoo hinauf, der hoch über der Hauptstraße liegt, dieser Lebensader mit Infarktrisiko, die gleichermaßen Marktplatz, Flanierboulevard, Busbahnhof, Ladezone, Taxistand und Durchgangsstraße ist. In Darjeelings Zoo sieht man all die wilden Geschöpfe, die man in freier Wildbahn nie zu Gesicht bekommt, Schakal und Schneeleopard, indischer Tiger und tibetischer Wolf, roter Panda und bellender Hirsch. Und zwischen den Gehegen kann man im Museum des Himalayan Mountaineering Institute an Indiens Ruhm als Bergsteigernation teilhaben.

          Ein Ehrengrab für den Bezwinger des Mount Everest

          Die Geschichte der Expeditionen auf den Mount Everest und den Kangchendzönga wird hier heroisch nacherzählt mitsamt Galerien berühmter Bergsteiger, unter denen auch ein gewisser R. Messner und ein Harman Bhul sind. Vor dem Museum liegt in einem Sarkophag Tenzing Norgay, der gemeinsam mit Sir Edmund Hillary am 29. Mai 1953 als erster Mensch auf dem Gipfel des Mount Everest stand. Unmittelbar nach diesem Triumph wurde der Mann, der in jungen Jahren aus Nepal nach Darjeeling gekommen war, als indischer Nationalheld mehr annektiert als adoptiert, erhielt die Staatsbürgerschaft seines Gastlandes und den Auftrag, das Himalaja-Institut zu gründen. Jetzt wird sein ringelblumengeschmücktes Grab von Schulklassen und Großfamilien in Kompagniestärke umringt, die sich vor Norgays überlebensgroßer Statue als Gipfelstürmer auf der Spitze des Mount Everest lautstark und gestenreich fotografieren lassen, patriotischer Krawall mit herzerfrischendem Lachen.

          So ist Indien, und doch ist hier oben etwas anders als unten in der Ebene. In Darjeeling hat die Gegenwart die Geschichte nicht vollständig fortgerissen, und die Ahnung, wie es einmal war, ist nicht ertränkt worden in den Strudeln eines Milliardenvolkes. Wie Monolithen der Zeitlosigkeit stehen die Hinterlassenschaften der Briten stoisch in Darjeelings Gewimmel, Rathaus, Uhrturm, Kirche aus grauem Granit, herbeigezaubert aus Sussex oder Hampshire, dazwischen die älteste Bäckerei der Stadt mit ihren hölzernen Arkaden und verschnörkelten Kuchentheken oder der Planters’ Club im Art-déco-Stil, das exklusive Refugium der Teebarone, damals wie heute, Zutritt nur für Mitglieder, da hilft alles Betteln nichts.

          Verliebt in einen echten König

          Dann nehmen wir eben den Tee nebenan im ehrwürdigen Windamere Hotel, das nach dem größten See Englands benannt wurde und bis zur letzten Ritze mit Geschichte getränkt ist: ein hölzernes Fanal des Heimwehs nach dem Mutterland voller Plüschsofas und Standuhren, Glaslampen und Laubengängen, offenen Kaminen und alten Briefkästen aus der Zeit des Raj, rot wie zu Hause auf der Insel, nur mit einer goldenen Lotusblüte garniert als Zugeständnis an die Kolonialheimat. Vergilbte Fotos an den Wänden von Jagd- oder Hochzeitsgesellschaften beschwören die imperiale, Dankesbriefe von Nehru und Tagore die jüngere Vergangenheit. Zum Essen wird wie in britischen Internaten mit der Glocke gebimmelt, und sehr gerne erzählt man bis heute die Geschichte, wie sich der letzte König von Sikkim im Windamere in eine junge Amerikanerin verliebte, die prompt zur letzten Königin von Sikkim wurde. Normalerweise, entschuldigt sich das Personal mit ausgesuchter Höflichkeit, könne man Sikkim und den darüber aufragenden Kangchendzönga von der Hotelterrasse aus sehen, nur heute eben nicht, das Wetter, man möge verzeihen.

          Der König von Sikkim, der einst Darjeeling an die Briten verpachtete und es nicht mehr zurückbekam, weil der Tee dort so prächtig gedieh, wurde zum König Ohneland, als sich Indien sein buddhistisches Reich 1975 einverleibte. Seither ist Sikkim der zweitkleinste und bevölkerungsärmste indische Bundesstaat. Doch wenn man die Grenze übertritt, fühlt man sich noch immer, als betrete man ein anderes Land. Wir müssen unseren Pass vorzeigen, bekommen einen Einreisestempel und finden uns in einer Welt wieder, die vertikaler ist als alles, was wir jemals gesehen haben - eine Welt in der Senkrechten voller Gipfelgrate und Höllenschlünde, ein Fegefeuer für Höhenängstliche und Freudenfest für Schwindelfreie. So tief, als seien sie die Unterweltflüsse Styx und Lethe, haben sich die wilden Bergströme ins Erdreich gegraben. So steil, als seien es Startrampen für Drachenflieger oder Lebensendpunkte für Selbstmörder, stürzen die Flanken in den Abgrund. So tollkühn, als hätten Schwalben hier ihre Nester gebaut, kleben die Dörfer am Fels. Die Hauptstadt Gangtok, die sich über wahnwitzige siebenhundert Höhenmeter erstreckt, sieht mit ihren in die Berghänge gestapelten Hochhäusern aus wie ein Miniatur-Manhattan mitten im Himalaja. Und überall dort, wo man der schwindelerregenden Topographie ein Fußballfeld abgetrotzt hat, ist der berühmte Cartoon Wirklichkeit geworden, in dem ein ausgeschossener Ball auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe verschwindet.

          Himmelsleitern mit Gigantenstufen

          Sikkims Straßen sind eine einzige endlose Serpentine, die sich pausenlos auf Bergkämme hinaufschraubt und in Schluchten hinunterwindet, immer und immer wieder, die ewige Sklavin der Topographie. So braucht man für fünf Kilometer Luftlinie mitunter drei Stunden und kann an einem einzigen Tag so viele Höhenmeter absolvieren, dass man damit auch den Gipfel des Kangchendzönga erreichen würde.

          Harte Arbeit, grandiose Landschaftskunst: ein Bauern in den Reisfeldern von Sikkim.

          Den Langmut eines Fatalisten braucht man in diesem Kurvenreich und die Besonnenheit eines Buddhisten, sonst ist man des Todes - worauf pausenlos Schilder am Straßenrand hinweisen. „Life is short - don’t make it shorter“, steht darauf. Und kein Chauffeur wagt sich in diese vertiginöse Welt, ohne seinen Wagen mit höchstem Beistand zu panzern, mit Statuen von Buddha und Hanuman auf dem Armaturenbrett und Gebetsfähnchen mit den schützenden Mantras „Om-Mani-Pae-Mey-Hun“ an der Heckscheibe. Das Gute immerhin ist, dass man verunglückte Wracks nicht zu Gesicht bekommt, weil sie so tief fallen, als seien sie von einer Erdspalte verschluckt worden.

          Doch nicht nur der Schrecken, auch die Schönheit wohnt in Sikkims Senkrechtheit, in Gestalt phantastischer Reisterrassen, vielleicht der schönsten und gewiss der tollkühnsten auf Erden. Wie Himmelsleitern mit Gigantenstufen steigen sie an den Bergflanken empor, so beängstigend steil, dass die Bauern Bergsteiger sein müssen und manche Terrassen kaum mehr als einen Meter breit sind, dann kommt schon die nächste.

          Wie filigrane Höhenlinien zeichnen sie sich in die Landschaft und verwandeln Abgründe in Kaskaden aus grünen Halmen, geformt allein aus Erdwällen und dem unbedingten Willen der Menschen, in einer Hochgebirgswelt jenseits aller Ebenen zu überleben. Und wie grandios ist der Kontrast aus diesem geometrischen Menschenwerk, dieser Kunstschöpfung der Horizontalen und der radikalen Vertikalität des Himalaja, dieser Anarchie des scharfkantigen Faltengebirges!

          Die Nymphe Tshomen Gyalmo erfüllt alle Wünsche

          Es gibt nur Oben und Unten in Sikkim, und der Kangchendzönga-Wasserfall scheint geradewegs im Himmel zu entspringen. Jedenfalls können wir seinen Anfang nicht erkennen, so weit wir den Kopf auch in den Nacken legen. Immer höher und höher türmen sich seine nassen Stufen auf, über die das Wasser so tosend rauscht, als schieße es direkt aus den Gletschern des Riesenbergs herab. Doch es fließt nur von einem heiligen See ab, dem Khecheopalri, der die Form eines Fußabdrucks hat, hinterlassen von der Göttin Tara, die wiederum der wunscherfüllenden Nymphe Tshomen Gyalmo vor Urzeiten den See als Wohnstatt zuwies. Seither pilgern die Buddhisten Sikkims hierher, gehen auf einem hölzernen Steg auf den See hinaus, drehen dabei die Gebetsmühlen entlang der Rampe, lassen sich heiliges Wasser in Plastikflaschen abfüllen, werfen sich dreimal nieder als symbolische Selbstkasteiung, läuten beim Abschied die bronzene Glocke, damit die Nymphe ihre Wünsche auch vernimmt, und wundern sich so sehr wie wir über das Mysterium dieses mystischen Ortes: Obwohl er von Bergen mit dichtem Wald umstanden ist wie ein Kratersee, in dem sich die Bäume spiegeln, als habe sie Cézanne dort hineingemalt, und obwohl oft ein kräftiger Wind weht, liegt kein einziges Blatt auf dem Wasser. Das sei den Vögeln zu verdanken, erklärt uns ein Mönch, die jedes Blatt sofort von der Wasseroberfläche pickten, weil dieser heilige Ort nicht die geringste Verunreinigung dulde.

          Das Gefühl, durch ein heiliges Land zu fahren, lässt uns nach dem Khecheopalri-See nicht mehr los. Überall sehen wir jetzt Mantras und Mandalas, die auf Steine und Felswände gemalt sind, überall wehen weiße Schals um die Stämme heiliger Bäume und ganze Wälder von Gebetsfahnen im Wind. Und auf der exponiertesten Bergkuppe thront mit direktem Blick auf den Kangchendzönga eine kolossale Statue des Guru Rinpoche, der einst den Buddhismus in den Himalaja brachte, die Glaubensschule der Rotmützen gründete und einen Pfeil von Tibet gen Osten schoss. Dort, wo er lande, weissagte der Guru, werde der letzte Zufluchtsort des Buddhismus sein. Er flog nach Sikkim, und irgendwo hier, tief in den Magnolienwäldern, soll der heilige Mann meditieren, um eines Tages zurückzukehren und die Menschen von allem Leid zu befreien. Daran erinnert seine Statue, die so gigantisch ist, dass man sie sogar von Darjeeling aus sieht. Und wäre das Wetter besser, sähen wir jetzt statt Wolken und Nebel den Kangchendzönga.

          Dämonen, Drachen und Schlangen

          Der beste Ort, um den dritthöchsten aller Erdenberge zu sehen, ist das Dorf Pelling, das sich auf einem kahlen Bergrücken mit freier Sicht auf den Gipfel festklammert - sofern die Sicht frei ist und sich nicht schon wieder in Wolken verirrt. So nah wie hier kommt man dem Kangchendzönga sonst nirgendwo, und allein aus diesem Grund haben sich die Rotmützenmönche auf dem höchsten Punkt des Bergrückens das Kloster Pemyangste errichtet, das unter dem persönlichen Schutz des Guru Rinpoche steht: eine Handvoll Holzhäuschen für die Novizen, ein paar Ziegelsteinhäuser für die Mönche, dazwischen ein maibaumhoher Mast mit einer Gebetsfahne, auf der ein symbolisch mit allen bösen Geistern beladenes Pferd panisch flieht, und ein düsteres, nur mit Bänken möbliertes Loch als Refektorium, weil Askese hier nicht nur ein metaphorisches Gelübde ist.

          Im Gebetssaal des Haupttempels thront Guru Rinpoche achtmal als überlebensgroße Tonfigur in seinen acht Manifestationen inmitten von Flammenkränzen und hält Skorpione als Zeichen seines Sieges über das Böse in Händen. Die eigentliche Sensation aber verbirgt sich in der obersten Etage, denn hier kann man besichtigen, was göttliche Eingebung bewirkt: Ein Mönch erhielt von alleroberster Stelle den Auftrag, aus einem einzigen, monumentalen Baumstamm eine siebenstöckige Skulptur zu schnitzen, die die sieben Stufen vom irdischen Dasein bis ins Nirwana darstellt. Er gehorchte und schuf ein phantasmagorisches Wimmelbild aus tausend Motiven, aus Skeletten und Totenköpfen, Stupas und Swastikas, Regenbögen und Lotussen, Göttern und Dämonen, Drachen und Schlangen, meditierenden Mönchen und küssenden Paaren, das man stundenlang betrachten, ständig umrunden und dabei immer wieder Neues entdecken kann - um dann verblüfft zu erfahren, dass dieser buddhistische Tilman Riemenschneider sein Gotteswerk nicht im Mittelalter, sondern vor dreißig Jahren geschnitzt hat.

          Ewiges Eis über leuchtenden Bambuswäldern

          Wie sehr Glaube in Sikkim Gegenwart und nicht Geschichte ist, wird uns endgültig bewusst, als wir wieder im Klosterhof stehen. Von links dringt aus dem Schulzelt der Novizen das monotone Repetieren der Mantras, ein Kinderstimmenchor voller Ernsthaftigkeit, von rechts aus einem Nebenraum des Haupttempels die Litanei des Morgengebets zu Ehren des Guru Rinpoche, begleitet von Trommeln, Schellen und Glocken, und von oben der rhythmische Gesang der jungen Mönche, ein meditatives Rezitieren, das für uns ein Rätsel bleibt, wie überhaupt das ganze Kloster eine fremde, verschlossene Welt ist. Wir lassen uns alles erklären, schauen uns jedes Detail an und müssen uns doch eingestehen, dass jeder sechsjährige Novizenknirps mehr vom Sinn und Wesen dieser buddhistischen Glaubensstätte versteht als wir. Doch das ist keine Ernüchterung, sondern die wunderbarste Erfahrung des Reisens - weil sie uns lehrt, dass die Welt viel größer ist als unsere Vorstellung von ihr.

          Und dann ist er plötzlich da. Frühmorgens wachen wir auf, mit einer seltsamen Ahnung, als wüssten wir, dass er sich nun endlich zeigt. Wir ziehen den Vorhang beiseite und weichen vor lauter Schrecken unwillkürlich einen Schritt zurück - so gewaltig ist der Kangchendzönga, so unfassbar groß, so ungeheuerlich viel höher als alle Alpengipfel, so kolossal, dass uns der Atem stockt: ein Berg, der in den Himmel wächst und mit seinen fünf Gipfeln den Göttern die Hand reicht, der sich so gigantengleich über die Erde erhebt, als sei er gar kein Teil von ihr, der sich mit keinem Vorgebirge ankündigt, trotz aller Vertikalität Sikkims, sondern als gleißend weißes Massiv den Horizont so unvermittelt, so unwirklich schön überragt wie ein Vexierbild, wie ein steinerner Deus ex Machina, der von himmlischen Wesen in die irdische Kulisse geschoben worden ist. Das ist vielleicht das Schönste an diesem grandiosen Bild: der Kontrast zwischen dem Weiß des Kangchendzönga und dem Grün der subtropischen Landschaft zu seinen Füßen, zwischen dem Schnee und den Reisterrassen, zwischen dem ewigen Eis und den leuchtenden Ringelblumen, zwischen Gletschern und Bananenstauden, Bambuswäldern, Kirschbäumen, Kardamomsträuchern.

          Eine Stunde gewährt uns der Kangchendzönga. Dann ist die Audienz beendet, und die Wächter des Berges ziehen den Wolkenvorhang wieder zu, als fürchteten sie, wir könnten den Verstand verlieren, sollten wir uns noch länger an diesem Anblick berauschen. Doch da wissen wir längst: Es war eine Stunde, die ein Leben lang dauern wird.

          Im Bann des dritthöchsten aller Berge

          Anreise: Air India (www.airindia.de) fliegt täglich von Frankfurt über Delhi nach Bagdogra. Die Preise beginnen bei 615 Euro. Von Bagdogra geht es mit dem Auto in vier Stunden nach Darjeeling oder in sechs Stunden nach Gangtok in Sikkim. Viel Zeit spart man sich, wenn man den Hubschrauber nach Gangtok nimmt (www.sikkimstdc.com/HeliServiceGeneral/HeliGeneralPage.aspx, 35 Minuten Flugzeit, etwa 50 Euro pro Strecke, spezieller Eintrag im Visum erforderlich: www.igcsvisa.de/touristvisa.php).

          Einreise: Seit November 2014 gilt ein vereinfachtes Visaantragsverfahren für Reisende aus Deutschland und 42 weiteren Ländern. Sie können ihr maximal dreißig Tage lang gültiges Visum online beantragen. Ausgestellt wird es dann an neun indischen Flughäfen bei der Einreise. Die Kosten für das Visum betragen 60 Dollar. Der ETA-Antrag (Electronic Travel Authorization) kann online unter https://indianvisaonline.gov.in/visa/tvoa.html ausgefüllt werden.

          Reisen im Land: Die touristische Infrastruktur in Sikkim und Darjeeling ist gut ausgebaut. Es gibt überall akzeptable Mittelklassehotels und Restaurants, die aber in der Hochsaison schnell ausgebucht sind. Der öffentliche Transport entspricht nicht westlichen Standards. Deswegen empfiehlt es sich dringend, einen Wagen mit Chauffeur zu mieten.

          Information: Indisches Fremdenverkehrsamt, Baseler Straße 48, 60329 Frankfurt, Telefon: 069/2429490, www.incredibleindia.org. Die Reise wurde vom indischen Tourismusministerium und von Air India unterstützt.

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