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Im indischen Himalaja : Die fünf Schätze des großen göttlichen Wächters

Ein Koloss von 8586 Metern Höhe: der Kangchendzönga, vom Tiger Hill in Darjeeling aus gesehen. Bild: Jean-Baptiste Rabouan/laif

Der Kangchendzönga, der dritthöchste Berg der Erde, überragt Darjeeling und Sikkim in Indien wie ein steinerner Himmelsherrscher. Wer ihn einmal gesehen hat, wird seinen Anblick nie wieder vergessen. Doch nicht jedem wird dieses Glück gewährt.

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          Wir sehen ihn nicht, aber wir spüren, dass er da ist, ein Gigant aus Gneis und Granit, dem Himmel näher als der Erde. Was wir stattdessen sehen, sind Wolkenwände, Nebelschleier und enttäuschte Gesichter, die sich auf das spektakulärste Panorama des östlichen Himalaja gefreut haben und jetzt, auf dem Tiger Hill in Darjeeling, ins Nichts starren. Nichts ist es mit dem Anblick des Kangchendzönga und des Triumvirats aus Mount Everest, Makalu und Lhotse, allesamt Achttausender, die von einem halben Dutzend Siebentausendern flankiert werden wie von ehrfürchtigen Sekundanten, um die gewaltigste steinerne Palisade des Planeten zu bilden. Dafür sind wir hierhergekommen und nicht für Berge aus Wolken, die plötzlich einen Spaltbreit aufreißen, für Sekunden nur, um uns schemenhaft eine gleißend weiße Gipfelpyramide so hoch wie das Firmament erahnen zu lassen - ein Blinzeln des Kangchendzönga wie eine geheime Botschaft an uns, dass wir die Geduld nicht verlieren sollen, und vielleicht sogar das Versprechen, dass uns dieser Berg doch nicht umsonst zu sich gelockt hat.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Wie ein Himmelsherrscher, der auf die Erde hinabgestiegen ist, thront der 8586 Meter hohe Kangchendzönga über Sikkim und Darjeeling im indischen Himalaja und beschützt die Menschen zu seinen Füßen, für die er viel mehr ist als nur der dritthöchste Gipfel der Welt. Namtse Dungmar, so glauben sie, der große göttliche Wächter des Nordens im buddhistischen Pantheon, wohnt dort oben und hat auf den fünf Spitzen des Berges fünf Schätze versteckt, Gold, Silber, Edelsteine, Korn und die Heiligen Schriften, unerreichbar für alle Menschen, für immer sicher vor ihrer Habgier. Manchmal soll man die Schätze aus der Ferne funkeln sehen. Doch die britischen Bergsteiger, die 1955 als erste Sterbliche auf dem Gipfel standen, fanden nur Diamanten aus Eis und Schnee.

          Kinderbimmelzug aus Lummerland

          Der Anblick des Kangchendzönga schlug die Briten schon ein Jahrhundert zuvor in seinen Bann. Er war einer der drei Gründe, die sie nach Darjeeling brachten. Die beiden anderen waren der Tee und die Verzweiflung über die Hitze, den Staub, den Lärm der Ganges-Ebene. Vor ihren Torturen flohen die Kolonialherren aus Kalkutta, stillten ihr Heimweh in der Morgennebelkühle auf zweitausendeinhundert Metern Höhe und richteten sich ihren indischen Paradiesgarten in der Stadt Darjeeling ein. Sie klammert sich an die Steilwände eines gewaltigen, steinernen Amphitheaters mit Logenblick auf den Kangchendzönga, so weit weg von den Qualen des Ganges, als seien diese bloß ein böser Traum, so hoch über den Verwünschungen des schwitzenden Menschengewimmels, als säßen auch die Briten hier oben auf ihrem Olymp, so wie der Wächter des Nordens auf seinem eisigen Thron.

          Doch selbst die Herrscher über die halbe Welt und ganze Ozeane konnten - anders als Namtse Dungmar - nicht auf ihren Göttersitz fliegen. Deswegen bauten die Briten eine waghalsige Schmalspurbahn von der Ganges-Ebene hinauf nach Darjeeling, den Toy Train, der tatsächlich aussieht wie eine Mischung aus Modelleisenbahn, Kinderbimmelzug und Jim Knopfs Lummerland-Express. Im Jahr 1881 wurde er fertiggestellt, und bis heute ächzt er sich tapfer den Berg hinauf, gezogen von hundert Jahre alten Dampflokomotiven, die zischen und fauchen und grollen, als wohnte ein grimmiger Geist in ihren Kesseln.

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