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Im indischen Himalaja : Die fünf Schätze des großen göttlichen Wächters

Im Gebetssaal des Haupttempels thront Guru Rinpoche achtmal als überlebensgroße Tonfigur in seinen acht Manifestationen inmitten von Flammenkränzen und hält Skorpione als Zeichen seines Sieges über das Böse in Händen. Die eigentliche Sensation aber verbirgt sich in der obersten Etage, denn hier kann man besichtigen, was göttliche Eingebung bewirkt: Ein Mönch erhielt von alleroberster Stelle den Auftrag, aus einem einzigen, monumentalen Baumstamm eine siebenstöckige Skulptur zu schnitzen, die die sieben Stufen vom irdischen Dasein bis ins Nirwana darstellt. Er gehorchte und schuf ein phantasmagorisches Wimmelbild aus tausend Motiven, aus Skeletten und Totenköpfen, Stupas und Swastikas, Regenbögen und Lotussen, Göttern und Dämonen, Drachen und Schlangen, meditierenden Mönchen und küssenden Paaren, das man stundenlang betrachten, ständig umrunden und dabei immer wieder Neues entdecken kann - um dann verblüfft zu erfahren, dass dieser buddhistische Tilman Riemenschneider sein Gotteswerk nicht im Mittelalter, sondern vor dreißig Jahren geschnitzt hat.

Ewiges Eis über leuchtenden Bambuswäldern

Wie sehr Glaube in Sikkim Gegenwart und nicht Geschichte ist, wird uns endgültig bewusst, als wir wieder im Klosterhof stehen. Von links dringt aus dem Schulzelt der Novizen das monotone Repetieren der Mantras, ein Kinderstimmenchor voller Ernsthaftigkeit, von rechts aus einem Nebenraum des Haupttempels die Litanei des Morgengebets zu Ehren des Guru Rinpoche, begleitet von Trommeln, Schellen und Glocken, und von oben der rhythmische Gesang der jungen Mönche, ein meditatives Rezitieren, das für uns ein Rätsel bleibt, wie überhaupt das ganze Kloster eine fremde, verschlossene Welt ist. Wir lassen uns alles erklären, schauen uns jedes Detail an und müssen uns doch eingestehen, dass jeder sechsjährige Novizenknirps mehr vom Sinn und Wesen dieser buddhistischen Glaubensstätte versteht als wir. Doch das ist keine Ernüchterung, sondern die wunderbarste Erfahrung des Reisens - weil sie uns lehrt, dass die Welt viel größer ist als unsere Vorstellung von ihr.

Und dann ist er plötzlich da. Frühmorgens wachen wir auf, mit einer seltsamen Ahnung, als wüssten wir, dass er sich nun endlich zeigt. Wir ziehen den Vorhang beiseite und weichen vor lauter Schrecken unwillkürlich einen Schritt zurück - so gewaltig ist der Kangchendzönga, so unfassbar groß, so ungeheuerlich viel höher als alle Alpengipfel, so kolossal, dass uns der Atem stockt: ein Berg, der in den Himmel wächst und mit seinen fünf Gipfeln den Göttern die Hand reicht, der sich so gigantengleich über die Erde erhebt, als sei er gar kein Teil von ihr, der sich mit keinem Vorgebirge ankündigt, trotz aller Vertikalität Sikkims, sondern als gleißend weißes Massiv den Horizont so unvermittelt, so unwirklich schön überragt wie ein Vexierbild, wie ein steinerner Deus ex Machina, der von himmlischen Wesen in die irdische Kulisse geschoben worden ist. Das ist vielleicht das Schönste an diesem grandiosen Bild: der Kontrast zwischen dem Weiß des Kangchendzönga und dem Grün der subtropischen Landschaft zu seinen Füßen, zwischen dem Schnee und den Reisterrassen, zwischen dem ewigen Eis und den leuchtenden Ringelblumen, zwischen Gletschern und Bananenstauden, Bambuswäldern, Kirschbäumen, Kardamomsträuchern.

Eine Stunde gewährt uns der Kangchendzönga. Dann ist die Audienz beendet, und die Wächter des Berges ziehen den Wolkenvorhang wieder zu, als fürchteten sie, wir könnten den Verstand verlieren, sollten wir uns noch länger an diesem Anblick berauschen. Doch da wissen wir längst: Es war eine Stunde, die ein Leben lang dauern wird.

Im Bann des dritthöchsten aller Berge

Anreise: Air India (www.airindia.de) fliegt täglich von Frankfurt über Delhi nach Bagdogra. Die Preise beginnen bei 615 Euro. Von Bagdogra geht es mit dem Auto in vier Stunden nach Darjeeling oder in sechs Stunden nach Gangtok in Sikkim. Viel Zeit spart man sich, wenn man den Hubschrauber nach Gangtok nimmt (www.sikkimstdc.com/HeliServiceGeneral/HeliGeneralPage.aspx, 35 Minuten Flugzeit, etwa 50 Euro pro Strecke, spezieller Eintrag im Visum erforderlich: www.igcsvisa.de/touristvisa.php).

Einreise: Seit November 2014 gilt ein vereinfachtes Visaantragsverfahren für Reisende aus Deutschland und 42 weiteren Ländern. Sie können ihr maximal dreißig Tage lang gültiges Visum online beantragen. Ausgestellt wird es dann an neun indischen Flughäfen bei der Einreise. Die Kosten für das Visum betragen 60 Dollar. Der ETA-Antrag (Electronic Travel Authorization) kann online unter https://indianvisaonline.gov.in/visa/tvoa.html ausgefüllt werden.

Reisen im Land: Die touristische Infrastruktur in Sikkim und Darjeeling ist gut ausgebaut. Es gibt überall akzeptable Mittelklassehotels und Restaurants, die aber in der Hochsaison schnell ausgebucht sind. Der öffentliche Transport entspricht nicht westlichen Standards. Deswegen empfiehlt es sich dringend, einen Wagen mit Chauffeur zu mieten.

Information: Indisches Fremdenverkehrsamt, Baseler Straße 48, 60329 Frankfurt, Telefon: 069/2429490, www.incredibleindia.org. Die Reise wurde vom indischen Tourismusministerium und von Air India unterstützt.

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