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Im indischen Himalaja : Die fünf Schätze des großen göttlichen Wächters

Die Nymphe Tshomen Gyalmo erfüllt alle Wünsche

Es gibt nur Oben und Unten in Sikkim, und der Kangchendzönga-Wasserfall scheint geradewegs im Himmel zu entspringen. Jedenfalls können wir seinen Anfang nicht erkennen, so weit wir den Kopf auch in den Nacken legen. Immer höher und höher türmen sich seine nassen Stufen auf, über die das Wasser so tosend rauscht, als schieße es direkt aus den Gletschern des Riesenbergs herab. Doch es fließt nur von einem heiligen See ab, dem Khecheopalri, der die Form eines Fußabdrucks hat, hinterlassen von der Göttin Tara, die wiederum der wunscherfüllenden Nymphe Tshomen Gyalmo vor Urzeiten den See als Wohnstatt zuwies. Seither pilgern die Buddhisten Sikkims hierher, gehen auf einem hölzernen Steg auf den See hinaus, drehen dabei die Gebetsmühlen entlang der Rampe, lassen sich heiliges Wasser in Plastikflaschen abfüllen, werfen sich dreimal nieder als symbolische Selbstkasteiung, läuten beim Abschied die bronzene Glocke, damit die Nymphe ihre Wünsche auch vernimmt, und wundern sich so sehr wie wir über das Mysterium dieses mystischen Ortes: Obwohl er von Bergen mit dichtem Wald umstanden ist wie ein Kratersee, in dem sich die Bäume spiegeln, als habe sie Cézanne dort hineingemalt, und obwohl oft ein kräftiger Wind weht, liegt kein einziges Blatt auf dem Wasser. Das sei den Vögeln zu verdanken, erklärt uns ein Mönch, die jedes Blatt sofort von der Wasseroberfläche pickten, weil dieser heilige Ort nicht die geringste Verunreinigung dulde.

Das Gefühl, durch ein heiliges Land zu fahren, lässt uns nach dem Khecheopalri-See nicht mehr los. Überall sehen wir jetzt Mantras und Mandalas, die auf Steine und Felswände gemalt sind, überall wehen weiße Schals um die Stämme heiliger Bäume und ganze Wälder von Gebetsfahnen im Wind. Und auf der exponiertesten Bergkuppe thront mit direktem Blick auf den Kangchendzönga eine kolossale Statue des Guru Rinpoche, der einst den Buddhismus in den Himalaja brachte, die Glaubensschule der Rotmützen gründete und einen Pfeil von Tibet gen Osten schoss. Dort, wo er lande, weissagte der Guru, werde der letzte Zufluchtsort des Buddhismus sein. Er flog nach Sikkim, und irgendwo hier, tief in den Magnolienwäldern, soll der heilige Mann meditieren, um eines Tages zurückzukehren und die Menschen von allem Leid zu befreien. Daran erinnert seine Statue, die so gigantisch ist, dass man sie sogar von Darjeeling aus sieht. Und wäre das Wetter besser, sähen wir jetzt statt Wolken und Nebel den Kangchendzönga.

Dämonen, Drachen und Schlangen

Der beste Ort, um den dritthöchsten aller Erdenberge zu sehen, ist das Dorf Pelling, das sich auf einem kahlen Bergrücken mit freier Sicht auf den Gipfel festklammert - sofern die Sicht frei ist und sich nicht schon wieder in Wolken verirrt. So nah wie hier kommt man dem Kangchendzönga sonst nirgendwo, und allein aus diesem Grund haben sich die Rotmützenmönche auf dem höchsten Punkt des Bergrückens das Kloster Pemyangste errichtet, das unter dem persönlichen Schutz des Guru Rinpoche steht: eine Handvoll Holzhäuschen für die Novizen, ein paar Ziegelsteinhäuser für die Mönche, dazwischen ein maibaumhoher Mast mit einer Gebetsfahne, auf der ein symbolisch mit allen bösen Geistern beladenes Pferd panisch flieht, und ein düsteres, nur mit Bänken möbliertes Loch als Refektorium, weil Askese hier nicht nur ein metaphorisches Gelübde ist.

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