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Im indischen Himalaja : Die fünf Schätze des großen göttlichen Wächters

Der König von Sikkim, der einst Darjeeling an die Briten verpachtete und es nicht mehr zurückbekam, weil der Tee dort so prächtig gedieh, wurde zum König Ohneland, als sich Indien sein buddhistisches Reich 1975 einverleibte. Seither ist Sikkim der zweitkleinste und bevölkerungsärmste indische Bundesstaat. Doch wenn man die Grenze übertritt, fühlt man sich noch immer, als betrete man ein anderes Land. Wir müssen unseren Pass vorzeigen, bekommen einen Einreisestempel und finden uns in einer Welt wieder, die vertikaler ist als alles, was wir jemals gesehen haben - eine Welt in der Senkrechten voller Gipfelgrate und Höllenschlünde, ein Fegefeuer für Höhenängstliche und Freudenfest für Schwindelfreie. So tief, als seien sie die Unterweltflüsse Styx und Lethe, haben sich die wilden Bergströme ins Erdreich gegraben. So steil, als seien es Startrampen für Drachenflieger oder Lebensendpunkte für Selbstmörder, stürzen die Flanken in den Abgrund. So tollkühn, als hätten Schwalben hier ihre Nester gebaut, kleben die Dörfer am Fels. Die Hauptstadt Gangtok, die sich über wahnwitzige siebenhundert Höhenmeter erstreckt, sieht mit ihren in die Berghänge gestapelten Hochhäusern aus wie ein Miniatur-Manhattan mitten im Himalaja. Und überall dort, wo man der schwindelerregenden Topographie ein Fußballfeld abgetrotzt hat, ist der berühmte Cartoon Wirklichkeit geworden, in dem ein ausgeschossener Ball auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe verschwindet.

Himmelsleitern mit Gigantenstufen

Sikkims Straßen sind eine einzige endlose Serpentine, die sich pausenlos auf Bergkämme hinaufschraubt und in Schluchten hinunterwindet, immer und immer wieder, die ewige Sklavin der Topographie. So braucht man für fünf Kilometer Luftlinie mitunter drei Stunden und kann an einem einzigen Tag so viele Höhenmeter absolvieren, dass man damit auch den Gipfel des Kangchendzönga erreichen würde.

Harte Arbeit, grandiose Landschaftskunst: ein Bauern in den Reisfeldern von Sikkim.

Den Langmut eines Fatalisten braucht man in diesem Kurvenreich und die Besonnenheit eines Buddhisten, sonst ist man des Todes - worauf pausenlos Schilder am Straßenrand hinweisen. „Life is short - don’t make it shorter“, steht darauf. Und kein Chauffeur wagt sich in diese vertiginöse Welt, ohne seinen Wagen mit höchstem Beistand zu panzern, mit Statuen von Buddha und Hanuman auf dem Armaturenbrett und Gebetsfähnchen mit den schützenden Mantras „Om-Mani-Pae-Mey-Hun“ an der Heckscheibe. Das Gute immerhin ist, dass man verunglückte Wracks nicht zu Gesicht bekommt, weil sie so tief fallen, als seien sie von einer Erdspalte verschluckt worden.

Doch nicht nur der Schrecken, auch die Schönheit wohnt in Sikkims Senkrechtheit, in Gestalt phantastischer Reisterrassen, vielleicht der schönsten und gewiss der tollkühnsten auf Erden. Wie Himmelsleitern mit Gigantenstufen steigen sie an den Bergflanken empor, so beängstigend steil, dass die Bauern Bergsteiger sein müssen und manche Terrassen kaum mehr als einen Meter breit sind, dann kommt schon die nächste.

Wie filigrane Höhenlinien zeichnen sie sich in die Landschaft und verwandeln Abgründe in Kaskaden aus grünen Halmen, geformt allein aus Erdwällen und dem unbedingten Willen der Menschen, in einer Hochgebirgswelt jenseits aller Ebenen zu überleben. Und wie grandios ist der Kontrast aus diesem geometrischen Menschenwerk, dieser Kunstschöpfung der Horizontalen und der radikalen Vertikalität des Himalaja, dieser Anarchie des scharfkantigen Faltengebirges!

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