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Im indischen Himalaja : Die fünf Schätze des großen göttlichen Wächters

Inzwischen ist die Fahrt vor allem eine Touristengaudi, eine Pflichtveranstaltung für die vielen Urlauber aus der indischen Mittelklasse, die eindrucksvoll das Trugbild Indiens als Land des Nahrungsmittelmangels widerlegen. Schwatzend und feixend zwängen sie sich in die Miniaturwaggons, schwer bepackt mit Knabberzeug und Kamera, jede Spitzkehre, jede Zickzackkurve, jedes Looping der abenteuerlichen Streckenführung lauthals bejubelnd und dann wieder andächtig staunend über das Weltwunder der Teeplantagen.

Die schönste Landschaftsverschönerungspflanze

Nie wieder wird man gedankenlos Tee trinken, wenn man dieses Bild gesehen hat: Bis sie sich im Dunst des Horizonts verlieren, klettern Abermillionen wagenradgroße Teebüsche die Hügel hinauf und rollen die Bergflanken hinab, akkurat gestutzt wie Buchsbaum in einem Rokokogarten von Landschaftsgärtnerlegionen. Sie haben der Natur ein Gewand aus sattem Grün auf den Leib geschneidert, gemustert mit feinen Abstandslinien zwischen den Büschen, damit die Teepflückerinnen ihre Arbeit tun können. Es ist ein so berückendes, so überwältigendes Bild, dass wir inmitten der Teeberge von Darjeeling nicht mehr sicher sind, welche die schönste aller Landschaftsverschönerungspflanzen ist: der Reis mit seinen Terrassen, der Wein mit seinen Rebenzeilenrastern oder doch der Tee mit seinem grünen Tupfenmuster.

Der teuerste Tee der Welt: Für 1850 Dollar ist kürzlich ein Kilo Darjeeling der Sorte Silver Tips Imperial verkauft worden.

Mit der rachitischen Dreckschleuder von Toy Train durch diese grazile Landschaft zu rattern ist fast ein Sakrileg. Die Lokomotive stinkt zum Himmel und macht einen Höllenlärm. Die Waggons wackeln wie Pudding und riechen wie alte Socken. Die Fahrt ist so romantisch wie ein Rendezvous im Hochofen und so gemütlich wie eine Reise in der Kohlekiste. Am Ende sehen alle Passagiere aus wie eine Mischung aus Aschenputtel und Schornsteinfeger - und trotzdem ist es ein Heidenspaß, sich vom Toy Train in eine Epoche rumpeln zu lassen, als Indien noch das Juwel in Britanniens Krone war und Königin Victoria als Kaiserin auch über den Kangchendzönga herrschte, der sich allerdings noch immer in Wolken hüllt und uns keine Audienz gewährt.

Indiens kakophone Grundmelodie

Bei der Ankunft in Darjeeling empfängt uns auch kein melancholischer Seufzer des Raj, sondern erst einmal das pralle indische Leben, das wie eine Brandung über uns zusammenschlägt - mit Menschenmassen links und rechts und mitten auf den Gleisen, mit Horden von Flickschustern, Bartschneidern, Scherenschleifern, Lumpensammlern, Lastenschleppern, durch die sich der Zug seinen Weg bahnt wie ein Pflug.

Es ist das altvertraute, hassgeliebte Gehupe, Gedrängel, Geschubse, Indiens kakophone Grundmelodie, diese hochentwickelte Kunst der Chaosorganisation, diese wundersame Lenkung der allgegenwärtigen Menschenflut. Auf Darjeelings schmalem Grat findet sie kaum Platz und brandet sogar bis zum Zoo hinauf, der hoch über der Hauptstraße liegt, dieser Lebensader mit Infarktrisiko, die gleichermaßen Marktplatz, Flanierboulevard, Busbahnhof, Ladezone, Taxistand und Durchgangsstraße ist. In Darjeelings Zoo sieht man all die wilden Geschöpfe, die man in freier Wildbahn nie zu Gesicht bekommt, Schakal und Schneeleopard, indischer Tiger und tibetischer Wolf, roter Panda und bellender Hirsch. Und zwischen den Gehegen kann man im Museum des Himalayan Mountaineering Institute an Indiens Ruhm als Bergsteigernation teilhaben.

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