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In einem unentdeckten Land

Text und Fotos von ULF VON RAUCHHAUPT

16.03.2019 · Der Kaieteur-Wasserfall im Regenwald von Guyana ist einer der Schönsten der Welt. Trotzdem hat er nur wenig Besuch.

S eit fast einer Stunde ist das Flugzeug unterwegs, und noch immer zieht unter uns nur Wald vorbei. Tropischer Regenwald, um genau zu sein, jene Landschaftsform also, die deutsche Mediennutzer fast nur noch im Zustand fortschreitender Verwüstung kennen. Hier dagegen dehnt er sich augenscheinlich unversehrt und endlos in alle Richtungen. Der Anblick urtümlichen Grüns solchen Ausmaßes überrascht auch den Vorbereiteten und beglückt auf das Tiefste. So bleibt zunächst unbemerkt, dass der Pilot den Sinkflug einleitet – bis sich auf einmal ein schimmernder Urwaldstrom durchs Wipfeldickicht schlängelt. Felswände erscheinen, Ausläufer eines Hochlandes, das genauso zugewachsen ist wie die zuvor überflogenen Ebenen. Die Felsen flankieren ein Flusstal, das wir nun entlangfliegen, direkt auf einen Wasserfall zu.

Über den Kaieteur-Wasserfall im Hochland von Guyana stürzt der Potaro-Fluss in freiem Fall 226 Meter hinunter. Das ist mehr als die vierfache Höhe der nordamerikanischen Niagarafälle und die doppelte der Victoriafälle in Afrika. Außerdem sind diese schäumenden Massen, wie jetzt bei unserem Anflug, bereits von weitem sichtbar. Kein Zweifel: Dies ist der schönste Wasserfall des Planeten.

Wo es selbst für Flüsse unwegsam wird: Der erste Europäer bekam den 226-Meter-Sturz des Potaro-Flusses 1870 zu sehen.

Warum kennen ihn dann nur wenige? Sicher auch, weil schon Guyana nicht allen ein Begriff ist. Manche suchen das Land zuerst in Afrika. Andere verorten es nur deswegen korrekt in Südamerika, weil sie von Französisch-Guayana gehört haben, von wo aus Europa seine Raketen ins All startet. Doch es gab auch ein Britisch-Guyana, das 1966 in die Unabhängigkeit entlassen wurde und seither nur einmal die Weltpresse stärker beschäftigte, 1978, als ein durchgeknallter amerikanischer Sektenguru, der sich dort niedergelassen hatte, Hunderte von Anhängern zum Massenselbstmord zwang. Danach verschwand das Land wieder aus den Schlagzeilen.

Karte: F.A.Z.-lev.

Anderswo in Lateinamerika war immer mehr los. Und Guyana ist nicht einmal Lateinamerika. Hier spricht man Englisch, und abgesehen von den Amerindians, den Ureinwohnern, stammen die meisten Guyaner von Afrikanern oder Indern ab. Kulturell – und was die Verkehrsanbindung angeht – gehört Guyana zur Karibik. Es ist nur deutlich leerer als diese: Der Staat hat etwa die Größe Westdeutschlands, aber weniger Einwohner als Frankfurt am Main. Die allermeisten von ihnen leben an der Küste, in oder unweit der Hauptstadt Georgetown, wo heute Mittag auch unsere Cessna gestartet war, um ihre dreizehn Passagiere zu den 230 Kilometer südwestlich gelegenen Kaieteurfällen zu bringen.


Unter erheblichem Rumpeln setzt die Maschine auf. Die Kante des Wasserfalls ist keine 500 Meter von der Urwaldpiste entfernt, doch sieht man ihn von hier aus nicht. Man sieht auch sonst nichts, was auf eine Sehenswürdigkeit dieses Kalibers schließen ließe: keine Restaurants, nicht einmal ein Café. Nur ein Holzhaus mit Sitzgelegenheiten, einer Toilette und einem einzigen kleinen Shop mit amerindischen Handarbeiten. Viel mehr gibt es nicht im Besucherzentrum des Kaieteur National Park. Die Getränke kommen aus einer Kühlbox, die im Flugzeug mitgekommen ist. Und hinter dem Haus beginnt der Dschungel. Die Wegweiser zu den Aussichtspunkten auf den Wasserfall weisen auf Trampelpfade durch die regennasse Botanik. Eine junge Frau im schulterfreien kurzen Kleid schaut etwas skeptisch auf ihre feinen Schuhe.


Sie gehört zu den Tagesausflüglern, welche die drei Cessnas heute hierhergeflogen haben. Drei an einem Tag, das ist viel für einen Wochentag, auch jetzt in der Hochsaison. Spätestens um 16 Uhr geht es für die Tagesgäste wieder zurück, denn die kleinen Flugzeuge dürfen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr fliegen. „Es kann vorkommen, dass man hier wegen des Wetters erst mit Verzögerung landen kann“, erklärt Washington, der diensthabende Ranger. „Dann haben die Leute nur eine halbe Stunde.“ Wie gut, dass es auch ein kleines Gästehaus gibt, das Gruppen über einen Tourveranstalter buchen können. Doch dazu später.

Während die Tagestouristen also zu den Aussichtspunkten eilen, zeigt uns Washington sein Büro. An einer Tafel stehen die Besucherzahlen für 2018. Insgesamt 8191 waren es. Die meisten kamen mit dem Flugzeug, nur 174 über Land, also mit dem Boot und am Ende zu Fuß. Massentourismus ist was anderes: Die Victoriafälle etwa haben 2017 rund 520.000 Menschen besichtigt, die Fälle des Iguazú an der Grenze zwischen Brasilien und Argentinien im selben Jahr 1,7 Millionen, die Niagarafälle sogar 12 Millionen. Aber zu diesen Naturwundern führen ja auch Straßen. Hierher dagegen kommt man selbst mit Vierradantrieb nicht. Washington und die sieben anderen Ranger patrouillieren ihr 627 Quadratkilometer großes Naturschutzgebiet zu Fuß. „Die gesamte Grenze können wir nicht überwachen“, sagt er. „Steilhänge, reißende Bäche, das Gelände ist schwierig.“

Genau deswegen ist es hier aber auch so reizvoll, auch ganz abgesehen vom Wasserfall. Das Kaieteur-Plateau ist Teil des Guyana-Schildes, der von Venezuela bis nach Französisch-Guayana reicht. Er ist uralt. Die letzten Gebirgsbildungsprozesse endeten hier vor 1,9 Milliarden Jahren. Darüber wurde das Sandsteinkonglomerat abgelagert, über das heute der Kaieteur hinwegdonnert. Daran nagen nun die Elemente und bilden Abhänge, in denen der Bergwald rasch in Tieflandwald übergeht. Das ergibt eine Vielzahl von Habitaten und die höchste Artenvielfalt des Landes, ja des gesamten Guyana-Schildes. So ist Kaieteur unter anderem ein Mekka für Vogelbeobachter. Ein Biodiversitätsgutachten des World Wildlife Fund zählte 2017 hier 209 verschiedene Vogelarten, davon 28, die nur auf dem Guyana-Schild vorkommen. Und glaubten wir eben noch, für uns ornithologische Fußgänger sei derlei Federvieh entweder zu unscheinbar oder so scheu, dass man dafür tagelang auf der Lauer liegen müsse, werden wir nun von Waldyke „Wally“ Prince eines Besseren belehrt.

Ein Felsenhahn

Der kleine freundliche Mann mit dem abgegriffenen Fernglas vor dem Bauch gilt als einer der besten Naturführer Guyanas. „Der Wasserfall fliegt uns nicht weg“, sagt er, „aber der Cock-of-the-Rock, wenn es zu regnen anfängt.“ Gemeint ist Rupicola rupicola, der Tiefland-Felsenhahn. Wally weiß, wo die prächtig gefiederten Männchen dieser Spezies hier für gewöhnlich ihre komplexen Balztänze aufführen. Dort müsste man jetzt welche sehen können. Und tatsächlich, nur Minuten nachdem Wally uns in ein Dickicht aus stengeligen Bäumen geführt hat, sehen wir einen der knallorangenen Gesellen auf einem Ast sitzen. Zwei weitere lassen nicht lange auf sich warten.

Auch später auf den Wegen zwischen den Aussichtspunkten sehen wir viel, was wir ohne Wally nie gesehen hätten. Ein seltsam rosarotes moosartiges Gewächs etwa. „Eine fleischfressende Pflanze“, erklärt er. Die Humusschicht über dem Konglomeratfels sei hier so dünn, dass einige Spezies sich Insekten einverleibten, um an Nährstoffe zu kommen. Und dann sind da die großen Bromelien, Verwandte der Ananas. „Nicht die Blätter berühren“, warnt Wally. Nein, giftig ist da nichts, aber jede Erschütterung lässt den überaus fotogenen Untermieter dieser Pflanze in seinem kleinen Teich zwischen den Blattansätzen abtauchen: den winzigen goldenen Frosch. Später werden wir auch ihn zu Gesicht bekommen.

Die fleischfressende Drosera kaieteurensis

Leichter Regen hat eingesetzt, als wir das Gästehaus erreichen. Die Holzhütte auf Stelzen mit recht rudimentären sanitären Einrichtungen wurde 1929 errichtet, als Unterkunft für Wissenschaftler. Es gibt kaltes Wasser und außerhalb der späten Nachtstunden auch elektrischen Strom – aber zu essen und trinken nur, was der betreuende Tourveranstalter mitbringt. In unserem Fall bereitet Carlos Allie von „Wilderness Explorers“ auf dem kleinen Gasherd ein üppiges Dinner für neun Personen. So viele Leute passen hier gerade herein, wenn drei von ihnen in Hängematten schlafen.

Während Carlos kocht, führt uns Wally zum Wasserfall. Endlich. Keine hundert Meter und wir stehen am Westufer des Potaro, exakt an der Kante, über die seine teebraunen Wassermassen in unauslotbare Tiefe stürzen. Hätten wir vorab gewusst, dass wir diesen Ort bei tiefhängenden Wolken erreichen, wären wir sicher enttäuscht gewesen. Doch in diesem halbverhüllten Zustand entfaltet der Katarakt nun eine ganz eigene, besondere Atmosphäre. Unerwartet friedlich ist diese Abendstunde am gurgelnden Abgrund. Nur die Tepui-Mauersegler haben es eilig. In Scharen sausen sie über uns hinweg und stürzen sich die Fälle hinunter. Sie schlafen in der Kaverne hinter dem fallenden Wasser, geschätzt eine Million von ihnen übernachtet dort.

Wassermassen stürzen in unauslotbare Tiefen.

Später, in der Dunkelheit, wenn der Abgrund nur noch zu hören ist, kommt Wally mit uns noch einmal hierher, um im Taschenlampenschein nach nächtlichen Bewohnern dieser Zwischenwelt zu fahnden: nach Fischen, Fröschen, Krebsen und den rastlosen Blattschneiderameisen. Dann im Morgengrauen – und noch einmal am Vormittag vor dem Abflug – können wir bei besserem Wetter schließlich doch die schwindelige Tiefe hinab bis an den Fuß der Fälle sehen. Am Ende erscheint auch ein Regenbogen.

All das ohne Zeichen der Zivilisation, vor allem ohne alle Geländer, Zäune oder Absperrketten. Genau das aber macht den Zauber dieses Ortes aus, seine tiefe Ursprünglichkeit: dass beim Besuch die Besuchtheit und selbst die Besuchbarkeit aus dem Blick bleiben – und die Besucher möglichst auch. Bislang sind es dazu ausreichend wenige. Wie ganz Guyana bislang vor allem deswegen so ursprünglich geblieben ist, weil es nach den Maßstäben anderer Weltgegenden ähnlichen Potentials noch weitgehend unentdeckt ist. Letzteres möchte der guyanische Tourismussektor begreiflicherweise ändern.

Ein Balsamapfel (Clusia rosea)
Der die Bromelien bewohnende goldene Frosch

Sollen die Besucher aber nicht in Massen kommen, dann müssen diejenigen, die kommen, mehr Geld im Land lassen. Hier ist Augenmaß gefragt. „Eine Hotelanlage in Sichtweite der Fälle würde Kaieteur zu einen Ort machen, wie es ihn anderswo schon gibt“, sagt Brian Mullis, der neue Chef der Guyana Tourism Authority, ein Amerikaner, der sich mit nachhaltigem Tourismus bereits auskennt. Zugleich kann für Mullis am Kaieteur nicht alles beim Alten bleiben. Das alte Gästehaus taugt vielleicht für gehobenen Rucksacktourismus. Aber auch für Besucher, die für etwas mehr Komfort im Dschungel mehr zu zahlen bereit sind, muss es eine Möglichkeit geben, die Fälle in den zauberhaften Abendstunden zu erleben. Tatsächlich ist eine entsprechende Lodge in Planung. Ein Dilemma bleibt es trotzdem, mit Naturschönheit zu verdienen, ohne sie anzutasten. Das wird kaum gehen, ohne der Knappheit der Ressource durch ein knapp gehaltenes Angebot gerecht zu werden. Auf der anderen Seite bietet Tourismus langfristig eine, wenn nicht die einzige Chance, jene Ursprünglichkeit überhaupt zu erhalten.

Denn auch in Guyana haben Leute mit eher kurzfristigen Interessen ihr Auge auf den Regenwald geworfen. Am Kaieteur locken sie Diamanten und Gold, das sie mit Quecksilber aus dem Flusssediment waschen. Erst 2016 ließen die guyanischen Behörden in der Pufferzone des Nationalparks eine illegale brasilianische Schürfoperation auffliegen. Im Park selbst halten einige Familien aus umliegenden Dörfern Schürfrechte aus Zeiten vor Einrichtung des Nationalparks, aber auch sie würden gerne zu schwererem Gerät greifen, als es ihnen momentan erlaubt ist. Tourismus könnte ihnen eine alternative Einnahmequelle bieten. So unberührt der Regenwald Guyanas aus der Luft erscheinen mag, auch unter seinen Wipfeln brechen neue Zeiten an.

Die große Tank-Bromelie
Eine kleine Bromelie wächst im 1,6 Milliarden Jahre alten Sandstein-Konglomerat der Roraima-Formation.

Der Weg nach Guyana

Anreise: Condor fliegt zweimal in der Woche in die Karibik – etwa nach Antigua, Barbados oder Santo Domingo, so dass man von dort aus mit einer regionalen Fluglinie gleich weiter nach Georgetown gelangt (März etwa 800 Euro). Seit neuestem ermöglicht ein Interline-Abkommen zwischen Condor und LIAT durchgechecktes Gepäck.

Einreise und Gesundheit: Deutsche Touristen brauchen für Guyana kein Visum aber den Nachweis einer Gelbfieberimpfung. Für Reisen ins Landesinnere wird zu einer Malariaprophylaxe geraten.

Unterkunft: In Georgetown zu empfehlen ist die in einer Villa aus dem Jahr 1840 untergebrachte „Cara Lodge“ (ab 140 Euro, caralodge.com). Für die Lodges im Landesinneren empfiehlt sich zumeist die Buchung über einen lokalen Reiseveranstalter, der auch den Transport mit Geländewagen, Boot oder Flugzeug organisieren kann – zumal außerhalb Georgetowns oft keine Kreditkarten akzeptiert werden.

Reiseveranstalter: mit Kaieteur-Angeboten, die eine Übernachtung im dortigen Gästehaus enthalten, sind Wilderness Explorers wilderness-explorers.com, Dragon-Tours dragon-tours.com oder Rainforest Tours rftoursgy.com. Alle drei bieten auch mehrtägige Überlandtouren von Georgetown zum Kaieteur-Wasserfall an (zurück wird dann geflogen).

Literatur: „Guyana – the Bradt Travel Guide“ von Kirk Smock, aktualisiert von Claire Antell, Juni 2018. Deutschsprachige Reiseführer zu Guyana gibt es momentan nicht.

Weitere Informationen: unter guyanatourism.com

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 16.03.2019 14:47 Uhr