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Klassiker der Farbfotografie : Zwischen Hund und Wolf

Provincetown, 1976 Bild: Joel Meyerowitz, Courtesy Howard Greenberg Gallery

Gleich mit seinem ersten Buch, „Cape Light“, schuf Joel Meyerowitz einen Klassiker der künstlerischen Farbfotografie. Entstanden ist es während eines Urlaubs auf Cape Cod.

          5 Min.

          Joel Meyerowitz hatte ich in New York getroffen, in seinem Atelier. Es war zeitiges Frühjahr gewesen und schrecklich kalt. Vor dem Fenster breitete sich ein düsterer Himmel aus. Aber im Raum glänzten und leuchteten die Abzüge seiner Arbeiten im Schein von Neonröhren wie projizierte Dias und verbreiteten eine heitere Atmosphäre. Es waren Bilder von jungen Frauen mit feuerrotem Haar und Sommersprossen über dem ganzen Gesicht. Und die Aufnahme eines Mädchens im schneeweißen Badeanzug vor dem türkisfarbenen Meer. Ein Strahlen lag über den Bildern, fast magisch. Aber so hübsch die Damen auch waren, kam man doch nicht umhin zu glauben, dass sich Joel Meyerowitz weniger für deren Gesichter interessiert hatte als für das, was das Sonnenlicht mit ihnen machte. Wie sich der Sommer auf ihrer Haut spiegelte.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          „Cape Light“ hatte er ein Buch genannt, das damals noch einigermaßen neu war und dennoch bereits auf dem besten Weg, ein Klassiker zu werden. Lauter Bilder seines Urlaubs auf der Halbinsel vor Boston: der Strand, das Meer, die Veranda seines Ferienhauses. Fotografiert mit der aufwendigen Technik einer Deardorff-Plattenkamera, die er aus einer Laune heraus gekauft hatte und mit der er nun, auf ein schweres Stativ geschraubt, durch das kleinstädtische Idyll von Provincetown zog wie sonst mit seiner Leica durch die Straßen von Manhattan. „Erwarte nichts, sei auf alles gefasst“, hatte er sich das Motto der Samurai zum Programm gewählt. Und prompt endete mancher Spaziergang bereits im Vorgarten, dessen Staketenzaun in blütenreinem Weiß mit den Wolken am Himmel um die Wette glänzte.

          Joel Meyerowitz ist kein intellektueller Fotograf. Er verfolgt keine Ideen und empfindet Theorien als unnötigen Ballast. „The world is a much richer place than my mind“, hatte er mir damals in den Notizblock diktiert. Und auch: „Take it in – absorb it.“ Das Bild müsse schon da sein, sagte er, niemals würde er an einem Ort warten, bis etwas geschehe, bis sich etwas verändere. Die Situation, die Komposition oder auch nur das Licht. Und dann nannte er sich eine Stimmgabel, die von den Motiven angeschlagen wird. Das hätte, dachte ich damals, auch Caspar David Friedrich von sich sagen können. Und ich dachte auch, dass Joel Meyerowitz sehr genau weiß, was man von ihm hören möchte. Bevor er zu fotografieren begann und neben Stephen Shore und William Eggleston zu einem der Pioniere der künstlerischen Farbfotografie wurde, hatte er eine erfolgreiche Karriere als Art Director in einer Werbeagentur hinter sich gebracht.

          Das Dairy Land war eine verkommene Holzbaracke

          Und dann erzählte er von jener Nacht, in der er die Imbissbude am Stadtrand von Provincetown fotografierte. Nicht Nacht, korrigierte er sich selbst, es sei die Zeit gewesen zwischen Sonnenuntergang und Finsternis, wenn die Welt für einen Augenblick noch das Licht zurückwirft, das sie den Tag über aufgesogen hat. Wenn die Dinge seltsam entrückt wirken, der Welt enthoben, wenn sie ein Eigenleben gewinnen, von dem er behauptete, dass sich darin ebenso Kultur wie Natur widerspiegele, eine Welt, die zugleich gezähmt und wild erscheint. „Die Franzosen“, sagte er, und es klang ein wenig Neid heraus, „haben für diese Tageszeit einen eigenen Begriff: Entre chien et loup – zwischen Hund und Wolf.“

          Dass er sich gerade an diese Aufnahme besonders gut erinnern konnte, lag an zwei Jungs, die ihn angesprochen hatten, während er unter einem schwarzen Tuch umständlich an seiner Kamera hantierte. „Hey, Mister“, hätten sie ihn mit völligem Unverständnis gefragt, „what are you taking a picture of that hamburger place for?“ Da ließ er sie unter das Tuch krabbeln, auf die Mattscheibe schauen, und er kehrte für sie das auf den Kopf stehende Bild mit einem Spiegel um. Herausgelöst aus der Umgebung, reduziert auf den Kontrast zwischen Abendrot und bunten Neonreklamen, die, quasi als künstlicher Sonnenuntergang, mit der Natur konkurrierten, erkannten sie das Fastfood-Restaurant kaum wieder. Jetzt spürten auch sie den Zauber dieses Orts, eine Magie, die der Fotograf womöglich doch nicht nur gefunden, sondern durch den Bildausschnitt auch mitgeschaffen hatte. Mit Blende neunzig und einer Belichtungszeit von zehn Minuten hat er sie bis in die Nuance erfasst.

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