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Ferienarchitektur : Brutalistisch baden

  • -Aktualisiert am

Mit Fernblick: Die Häuser „Kopenhagen“, „Berlin“ und „Stockholm“ in Burgtiefe. Bild: Picture-Alliance

Was ist vom Bauboom der sechziger und siebziger Jahre an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste übrig geblieben? Eine Erkundung rund um Fehmarn.

          4 Min.

          Es war schon später Abend, als wir endlich über die Fehmarnsundbrücke fuhren und nach Burgtiefe abbogen. Ein skandinavischer Mittsommerhimmel wölbte sich über die Insel und hüllte sie in jenes merkwürdig transparente Nachtlicht, wie man es aus den Winnetou-Filmen kennt, wenn Old Shatterhand regungslos am Marterpfahl verharrt, während sein Apachenbruder sich zur Rettung lautlos anschleicht. In der nicht enden wollenden Dämmerung tauchten sie plötzlich auf: drei hohe weiße Gebäude. Sie sahen aus wie Getreidesilos, wie Gespenster. Sie kamen immer näher. Der Kofferraum schnappte zu. Der Fahrstuhl surrte in den 14. Stock. Wir fielen in einen geräuschlosen Schlaf.

          „Fernblickhäuser“ nennt die IFA Hotel & Touristik AG jene drei weißen Finger, die seit ihrer Eröffnung im Jahr 1973 Fehmarns Südstrand überragen. Das Wort „Hochhäuser“ verwendet der jetzige Betreiber nicht so gerne. Dabei sind „Haus Kopenhagen“, „Haus Berlin“ und „Haus Stockholm“ eben auch das, wie wir am nächsten Morgen auf dem Balkon unserer „2-Raum-Ferienwohnung Typ A2“ feststellen, einen Becher frisch gebrühten Kaffee in der Hand, der Ostseestrand taumelnde 40 Meter unter uns. Jetzt bloß nicht schwach werden, den Möwen gefällt es doch auch hier! Meisterlich stürzen sie sich in die Winde auf ihrer Inspektionsreise entlang der dreimal siebzehn Geschosse.

          „Die Ostseeküste wird betoniert“

          Man ist schnell geneigt, diese Raumverdichtung als gesichtslose, anonyme Urlaubsmaschine abzutun – so wie es Der Spiegel tat, als er 1972 über den Bauboom an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste berichtete. Damals wurden überall zwischen Flensburg und Lübeck touristische Großanlagen aus dem Boden gestampft: Damp 2000 (siebentausend Betten), das Ferienzentrum Holm (viertausend Betten), der Ferienpark Heiligenhafen (sechstausend Betten) oder der Ferienpark Sierksdorf (viertausend Betten). „Die Ostseeküste der Bundesrepublik wird betoniert. Der Fremdenverkehr tritt in seine großindustrielle Phase“, hieß es in dem sechsseitigen Artikel. Die Zukunft verhieß noch Schlimmeres: „In zehn Jahren sind das hier Slums“, so die damalige Auffassung des „Studienkreises für Tourismus“.

          Eines der drei Fernblickhäuser in Burgtiefe.

          Dazu ist es nicht gekommen. Unser Domizil in Burgtiefe ist auch fast fünfzig Jahre nach Inbetriebnahme noch immer eine gepflegte, gut gebuchte Anlage. Links und rechts der Fernblickhäuser reihen sich kleinere Apartmentblöcke an die See. Ein Hallenbad mit Schrägdach fällt auf, ebenso die schönen Bungalows. Das ist das Land unserer Mütter und Väter, denken wir auf unserem Spaziergang vom Seglerhafen an den Strand. Hier machten sie Urlaub, als es uns noch gar nicht gab, gelockt vom Wohlstandsversprechen der alten Bundesrepublik. Gesichtslos ist hier nichts, sieht man einmal von den drei fensterlosen Rückfronten der Fernblickhäuser ab, die auch tagsüber an Getreidesilos erinnern.

          Mittlerweile sitzen wir auch gerne auf dem Balkon. Der Blick auf die Ostsee ist einfach zu schön. Man kann ihn sogar verstellen, denn die Brüstung besteht aus beweglichen Lamellen. Diese sind leichtgängig genug, um sie mit einer Berührung zu wenden, und gleichzeitig so schwergängig, dass sie vom Ostseewind nicht pausenlos gerüttelt werden. Wir sind begeistert. Meist stellen wir auf totale Öffnung.

          Aus den Untiefen der Nullerjahre

          Es waren Details wie diese, die das Landesamt für Denkmalpflege dazu bewogen haben, die gesamte Anlage 2015 unter Denkmalschutz zu stellen. Dass sie dereinst vom berühmten dänischen Architekten Arne Jacobsen konzipiert wurde, mag die Entscheidung begünstigt haben. Dabei sah Jacobsens ursprünglicher Entwurf gar keine Hochhäuser vor, wie dem erhellenden Internetessay „Die Krone der Insel“ zu entnehmen ist. Außer den Balkonlamellen und Jacobsens Meerwasserwellenbad ist heute wenig vom Geist der damaligen Zeit zu spüren. Jacobsens legendäre Sitzmöbel sucht man im IFA Fehmarn Hotel & Ferien-Centrum vergebens; die Einrichtung stammt aus den Untiefen der Nullerjahre.

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