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Großbritannien : Die komplizenhaften Vettern vom Ärmelkanal

  • -Aktualisiert am

Nein, es sind keine Opale, die bei Ebbe entlang der Opalküste auftauchen. Der Name verdankt sich vielmehr dem blau-grün schimmernden Wasser des Ärmelkanals. Bild: Rob Kieffer

Nirgendwo sonst sind sich Franzosen und Briten so nah wie an der Opalküste. Und sie werden es sich trotz Brexit wohl auch bleiben.

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          Napoleon Bonaparte kehrt England trotzig den Rücken und blickt grimmig ins Hinterland der Opalküste im Norden Frankreichs. Er scheint noch immer nicht verkraftet zu haben, dass er mit seinem kühnen Plan scheiterte, die Britischen Inseln von seinem Lager bei Boulogne-sur-Mer aus zu erobern. Die Statue des Korsenkaisers mit langem Schlachtenmantel und Zwillingshut thront auf einer fünfzig Meter hohen Marmorsäule in Wimille nördlich von Boulogne. Der von vielen Franzosen nach wie vor in Ehren gehaltene Diktator ließ die Gedenkstätte in größenwahnsinniger Selbstverliebtheit errichten, um an den Orden der Ehrenlegion zu erinnern, den er an diesem Ort zweitausend seiner Soldaten verliehen hatte.

          Ausdauernde Besucher des Denkmals können über eine steile Wendeltreppe im Innern der Säule zu Napoleon hinaufsteigen und werden dann mit einem grandiosen Rundumblick belohnt, der bis hinüber zum so nahen und für Napoleon doch so unerreichbaren England reicht. Nirgendwo sonst sind sich das europäische Festland und die britischen Inseln so nah wie hier am Grand Site des Deux Caps, benannt nach den beiden Landspitzen Cap Blanc-Nez und Cap Gris-Nez, den Kaps der weißen und der grauen Nase. Auf den Parkplätzen der Panoramaplattformen an der Küste zwischen Calais und Boulogne-sur-Mer sieht man auffallend viele Autos mit englischen Kennzeichen. Für die Briten, deren ferne Vorfahren mit den Franzosen nicht nur den Hundertjährigen, sondern noch viele weitere Kriege ausfochten, ist ein Abstecher zur anderen Seite des Ärmelkanals wie der Besuch bei einem Nachbarn, mit dem man früher im Streit lag und mit dem man sich mittlerweile versöhnt hat.

          Der Grand Site des Deux Caps, der bezauberndste Abschnitt der Opalküste, ist ein getreues Duplikat des gegenüberliegenden englischen Küstenstreifens. Bei klarem Wetter ist die nur dreißig Kilometer entfernte Meeresfront der Grafschaft Kent gut zu sehen. Entsprechend begeistert richten die von drüben kommenden Ausflügler ihre Ferngläser auf die ihnen wohlbekannten White Cliffs von Dover. Sie sind die enge geologische Verwandtschaft der französischen Zwilling-Kaps, der kreidig-kalkigen weißen Nase und der sandsteinernen grauen Nase. Vor einigen hunderttausend Jahren waren das heutige Frankreich und Großbritannien noch vereint und wurden erst durch eine Flutwelle von apokalyptischer Wucht getrennt.

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          Die französisch-britische Liaison beschränkt sich an dieser Stelle nicht auf identische Klippen und saftige Buckelweiden, die so nah ans Meer heranrücken, dass man aus der Ferne glaubt, die Kühe nähmen ein Wellenbad. „Die Engländer führten an der Opalküste Roastbeef, Fünf-Uhr-Tee und Golf ein. Wir gewöhnten sie an Camembert und Calvados“, sagt Alain Lenain, der als ehrenamtlicher „Greeter“ zu verborgenen Winkeln seiner Heimatregion führt. Im anglophil angehauchten Seebad Wimereux ließen französische Fabrikbesitzer und exzentrische englische Adlige von den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts an Villen errichten, die bis heute so stolz und würdevoll wie einst aufs Meer blicken. Das architektonische Repertoire reicht von andalusischen Keramiken über anglo-normannische Holzvertäfelungen bis zu Bay Windows und Blumengirlanden aus Gips auf den Balkonen. Rauschende Feste im Casino, Kricketturniere, Amouren und Affären brachten Wimereux den schmeichelhaften Beinamen „Nizza des Nordens“ ein. Ladies mit extravaganten Ascot-Hüten rivalisierten auf der Promenade mit Mesdames in Haute-Couture-Roben und bildeten doch eine komplizenhafte Gemeinschaft aus ungleichen Cousinen und Vettern, deren Geist bis heute in Wimereux zu spüren ist - nirgendwo ist Frankreich britischer, nirgendwo hat die Britishness so viel Französisches wie hier.

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