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Unbekanntes Irland : Eine wilde Geschichte

  • -Aktualisiert am

Was liegt da an Land zwischen all den Attraktionen? Irlands unbekannte Mitte ist eine Erkundungsfahrt wert. Bild: Picture-Alliance

Jeder fährt zum Ring of Kerry, alle wollen zu den Cliffs of Moher. Dublin ist voll wie Amsterdam. Aber wie sieht es eigentlich dazwischen aus? Eine Fahrt in Irlands unbekannte Mitte.

          Hill of Uisneach

          Was? Nie gehört? Jetzt echt nicht? Dann nehmen wir schnell mal vorweg, was Marty nachher erzählen wird, also: Dieser Hügel ist das Zentrum Irlands. Wer auch immer damals im achten Jahrhundert vor Christus entschieden hat, hier eine Anbetungsstätte für die alten Götter anzulegen, hat die geographische Mitte der Insel um gerade mal vier Kilometer verfehlt. Oder auch nicht, vielleicht ist seitdem auch bloß die eine oder andere Küste ein Stück weit weggebröckelt. Mehr mittendrin geht jedenfalls nicht.

          Mehr versteckt aber auch nicht. Der Hill of Uisneach liegt bei Rathnew, und Rathnew finden wir nicht. Beziehungsweise: Wir finden es, aber es ist nicht das richtige. Rathnew gibt es nämlich zweimal, aber das weiß das Mietwagennavi nicht und lotst uns ins falsche. Rathnew2 ist sehr nett, wenn man im nahen Industriegebiet arbeitet und mittags schnell zum Chinesen will oder auf die Sonnenbank. Sind von hier auch bloß 150 Kilometer nach Rathnew1. Über eine lose Abfolge matschiger Feldwege landen wir irgendwann auf einer Farm. „In vierhundert Metern werden Sie ankommen“, weiß das Navi. Mit all dem Matsch und den Viehzäunen und den Kühen kann das zu Fuß ganz schön weit sein.

          Und was kann man sehen auf dem Hill of Uisneach? Einen Hügel, von dem aus man andere Hügel betrachten kann. Außer uns ist ein Ehepaar aus Montana da, das einen Geschäftstermin im anderen Rathnew hatte. Die beiden schauen ratlos hinaus ins unbekannte Irland. Doch, da braucht es schon einen wie Marty, sonst würde das hier ziemlich langweilig. Der Guide springt wie Rumpelstilzchen durchs Gras, kämpft mit seinem Stab gegen unsichtbare Angreifer, stolpert, rappelt sich auf, erzählt weiter, über Hochkönige und keltische Götter und böse Mächte, das Ganze klingt wie Tolkien auf Speed. Er habe sogar schon Vertreter der Lakota über den heiligen Hügel geführt, ruft er, Lakota! Indianer! Das Ehepaar aus Montana wechselt nun besorgte Blicke. Möglicherweise fürchten die beiden eine ähnliche Attacke wie damals am Little Big Horn.

          Zurück im Auto fühlen wir uns etwas benommen, zehn Minuten später haben wir das meiste bereits vergessen. Bloß die Geschichte von Eire nicht, einer Göttin, die auf dem Hill of Uisneach begraben wurde. Die hat den Ur-Iren ihren Segen für die Eroberung der Insel gegeben. Unter der Bedingung, dass Irland fortan und für immerdar ihren Namen trage.

          Hier residiert der Earl of Longford: Tullynally Castle.

          Tullynally Castle

          Tolle Storys haben die hier sowieso, das muss man schon sagen. Damit man keine entscheidende Szene verpasst, klopft Bartle d’Arcy bei seinen mäandernden Erzählungen an solchen Stellen mit seinem Stab auf den Boden. Wir sind mit ihm schon durch ruinöse Abteien gestolpert und haben uns in den Spinnweben einer Eremitenkapelle verfangen, in der außer Bartle in den letzten Jahrzehnten wahrscheinlich niemand war, noch nicht mal ein Eremit. Jetzt stehen wir im siebten oder achten Wohnzimmer auf Tullynally Castle. Hier klopft er vorsichtiger. Wegen der Teppiche wahrscheinlich.

          Tullynally Castle: vergilbte Tapeten, Möbel aus drei Jahrhunderten und Kaminzimmer wie Ballsäle, an die Heizkosten will man gar nicht denken. Bartle klopft kurz auf den Teppich, als er uns auf Edward Pakenham aufmerksam macht, das Bild links, der Typ mit der spitzen Nase. Pakenham ließ sein Leben 1812 in der Schlacht von New Orleans. Beerdigt werden sollte er natürlich in der Heimat, also steckte man ihn aus Konservierungsgründen in ein Rumfass. Statt auf dem Schiff landete das dann in einer Spelunke in Louisianas Bayous. Als sich die Kundschaft über die merkwürdige Geschmacksnote des Rums beschwerte, beschloss der Wirt ... „Da war er, der Pakenham“, meint Bartle. Er klopft nicht an dieser Stelle. Wahrscheinlich aus Respekt vor dem Toten.

          Rock und Whisky: Slane Castle.

          Slane Castle

          Natürlich gibt es in der Nähe weitere vom Tourismus übersehene Castles, aber ob der Sitz der Familie Conyngham in Slane dazu gehört, darf bezweifelt werden. Schnell ein paar Zahlen: Gunsn’ Roses 80.000 Besucher, Rolling Stones 92.000, Springsteen 100.000, jeweils auf dem Schlossrasen. Der Marquis organisiert die Konzerte und ist auf der Insel als Rock-’n’-Roll-Aristokrat bekannt. Sein Sohn scheint es ruhiger zu mögen. Er hat die alten Stallungen zur Destillerie umgebaut und wartet seitdem geduldig darauf, dass der erste eigene Whisky reif wird. Nach der Führung haben wir Hunger.

          Leider ist alles geschlossen. Tja, klar, es sei ja Montag, meint der Tankwart, da sei doch immer alles zu! Er sieht uns an, als müsse man das doch wissen, also wirklich. Immerhin hat der Fish-and-Chips-Laden geöffnet. Auf dessen Parkplatz sitzen wir dann mit unserem Abendessen und erzählen den Möwen die Geschichte, die wir vorhin auf einem Schild am Hill of Slane gelesen haben. Trotz strengstem Verbot hat St.Patrick dort oben einst ein Osterfeuer entfacht, das – natürlich! – heller leuchtete als das heidnische Feuer des Hochkönigs Laoire auf dem Hill of Tara. Statt Patrick töten zu lassen, gestattete der beeindruckte König dem Mönch die Missionierung Irlands, und was daraus geworden ist, weiß man ja. Doch, das war so!, rufen wir den finster schauenden Möwen zu. Als wir kurz nicht aufpassen, klauen sie uns ein Stück Kabeljau.

          Wird bald wieder EU-Außengrenze: Das Dörfchen Blacklion.

          Blacklion

          Blacklion mit seinen 194 Einwohnern liegt ganz oben im County Cavan und ist so unbekannt, dass die Rezeptionistin in Slane davor warnt, sich ohne Reservierung auf den Weg zu machen. Wir fahren trotzdem. Wir wollen auch überhaupt nicht in Neven Maguires Restaurant, auch wenn der einer der berühmtesten Köche der Insel ist. Wir wollen in den Cavan Burren Park, eine geologische Erlebnislandschaft mit viel Stein und Fels und dem unschlagbaren Slogan: „Wo schon die Steinzeitkinder spielten“.

          Außer den kleinen Feuersteins waren hier früher auch große Riesen unterwegs; eines ihrer Gräber kann man sich anschauen (dass es sich bei den Steinplatten eher um das Grab eines bedeutenden prähistorischen Clanchefs handelt, interessiert den fabulierlustigen Iren weniger). Leider beginnt es dann fürchterlich zu schütten, und auch bei der Suche nach unserem mollig geheizten B&B scheitern wir anschließend erbärmlich. Immerhin weiß die Kassiererin im Supermarkt, dass die Apothekerin zwei Häuser weiter die B-&-B-Besitzerin kennt. Ach, das sei doch drüben in Irland, meint die Apothekerin anschließend, offenbar haben wir uns auf unserer Suche nach Nordirland verfahren. Wo wir gerade so nett plaudern, erkundigen wir uns gleich nach dem berühmten Restaurant. „Das hat dienstags geschlossen.“ Aha. Und sonst? „Heute hat drüben alles zu. Bei uns auch.“ Sie überlegt. „Der Fish-and-Chips-Laden hat natürlich immer geöffnet.“

          Eigentlich ein Paddelparadies: County Cavan und seine Loughs.

          Lough Oughter

          Immer wieder diese Geschichten! Glaubt man die alle? Oder glaubt man eher die Behauptung, dass die Iren die besten Storyteller der Welt sind? Spielt das überhaupt eine Rolle? Der Lough Oughter zum Beispiel, auf dem wir gerade herumpaddeln – auf dem schwammen einst zwei stolze Schwäne. 900 Jahre lang. Die Schwäne waren in Wirklichkeit verzauberte Geschwister, die eine böse Stiefmutter verhext hatte. Nach fast tausend Jahren war der Fluch verjährt, und die beiden verwandelten sich zurück, und seitdem darf in Irland kein Schwan mehr getötet werden, man weiß ja nie.

          Und das ist wirklich hier passiert? Auf diesem See? Sean Thornton überlegt kurz. Also, die Verwandlung habe drüben am Lough Derravaragh stattgefunden, aber natürlich seien die Schwäne auch anderswo geschwommen, hatten ja 900 Jahre Zeit, konnten ja fliegen. Er muss lauter sprechen, der Wind hat uns etwas auseinandergetrieben. Bis vor kurzem war Sean Bauer. Dann beschloss er, aus seinem Hobby einen Beruf zu machen, sich zu seinem eigenen Kajak noch weitere zuzulegen und das Cavan Adventure Centre zu eröffnen. Jetzt führt er Wassersportler über ein Netzwerk an Seen, von denen es zwischen Belturbet und Crossdoney ziemlich viele gibt. Eigentlich müssten Hunderte Kajaks und Kanus unterwegs sein, so bezaubernd ist es hier. Außer uns ist hier aber niemand. Den ganzen Tag lang sehen wir bloß Seans Kühe, die uns vom Ufer aus anstarren. Einmal fliegen zwei Schwäne über uns. Mit einem Geräusch, als würde man ein nasses Fensterleder ausschlagen, immer und immer wieder.

          Irisches Landleben: Wo Menschen ein Gemäuer aufgegeben haben, reicht es manchmal noch zum Viehunterstand.

          Collon

          An unserem letzten Abend im unbekannten Irland übernachten wir in einem dieser Bed-and-Breakfast-Herrenhäuser, die aussehen, als hätten sie die vergangenen zweieinhalb Jahrhunderte komplett ignoriert. Draußen wuchert der Efeu, drinnen hat keine Glühbirne mehr als 15 Watt. Obwohl wir die einzigen Gäste sind, hören wir immer wieder Schritte in den Räumen über uns, und die Treppe knarzt permanent. Der Besitzer wechselt flugs das Thema. Das Restaurant im Ort habe Ruhetag, leider. Der Pub sei geöffnet, aber Obacht: Ständen wir da in der Tür, würden sämtliche Gespräche verstummen. Es werde auch niemand mehr essen oder vor sich hin brabbeln oder schnarchen. „Weil alle denken, ihr seid Immobilienmakler aus Dublin.“

          Zwanzig Minuten später unterbrechen wir die schlagartig eingetretene Totenstille mit der unschuldigen Frage, ob denn wohl die Küche noch geöffnet sei. Ist sie. Leider gibt es nur noch Fish and Chips, was aber ja mal was anderes ist. Zusammen mit dem Essen erscheint dann ein alter Mann am Tisch. Er blickt um sich, als fürchte er, gesehen zu werden. Anschließend erzählt er uns mit stockender Stimme und weit aufgerissenen Augen die Geschichte unseres Bed& Breakfast. Von 1740 an. In allen Einzelheiten.

          Später gehen wir zurück zu unserer Unterkunft, über die dunklen und einsamen Straßen von Collon im unbekannten Irland. Die meisten Geschichten, die einem hier erzählt werden, die sind garantiert nicht wahr, beschließen wir. Die sind nur einfach gut erzählt. Bestimmt sind sie einfach nur gut erzählt. Bestimmt.

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          Der Weg nach Irland

          Anreise Lufthansa, British Airways, Air Lingus und Ryanair fliegen von Frankfurt und von München direkt nach Dublin, direkt ab Berlin fliegen British Airways, Air Lingus und Ryanair.

          Unterkunft B&B „The Olde Post Inn“, Cloverhill, County Cavan: kleines Hotel in alter Poststation. Spitzenküche! (theoldepostinn.com)

          B&B „Killinagh House“: viel Charme (killinaghhouse.com).

          Castle Leslie Estate, Glaslough, County Monaghan: Wohnen wie ein Schlossherr. Komische Geräusche nachts inklusive (castleleslie.com).

          Cavan Canoe Centre Sean Thornton bietet Kanutouren für Anfänger und Fortgeschrittene an (cavancanoeing.com).

          Cavan Burren Park Der geologische Erlebnispark liegt im Landesinneren, im Winter (November bis Februar) ist er von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Auf cavanburrenpark.ie, der Website des Parks, sind auch viele Hotels und B&Bs der Umgebung gelistet.

          Weitere Informationen unter ireland.com

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